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Sport

DFB-Beschluss

Die wichtigsten Antworten zum Videoschiedsrichter

Fußball-Fans, aufgepasst: Ab der nächsten Saison wird der Videoschiedsrichter in der Bundesliga eingesetzt. Wird das Spiel jetzt zerstückelt? Welche Fehler werden korrigiert? Die wichtigsten Antworten.

imago

Schiedsrichter Felix Brych (Mitte)

Aus Frankfurt berichtet
Dienstag, 24.01.2017   10:26 Uhr

In der kommenden Saison werden in der Bundesliga alle 306 Spiele von zusätzlichen Videoschiedsrichtern, die in TV-Studios in Köln sitzen werden, auf Fehlentscheidungen untersucht. Gemeinsam mit einem Spezialisten für die Bearbeitung von Zeitlupen und Wiederholungen sezieren sie die Arbeit des Kollegen auf dem Rasen und empfehlen Korrekturen, wenn sie unzweifelhafte Fehler identifizieren.

Der für das Schiedsrichterwesen zuständige DFB-Vizepräsident Ronny Zimmermann spricht von einem "hoch spannenden, hoch komplexen System". Das aber auch viele Fragen aufwirft. SPIEGEL ONLINE beantwortet die wichtigsten.

Wird das Spiel durch die Videoschiedsrichter zerstückelt?

Nein. Grundsätzlich werden nur Aktionen überprüft, die in direktem Zusammenhang mit einem Tor, einem möglichen (oder erfolgten) Elfmeterpfiff und mit einer Roten Karte stehen. Seltener ist der vierte Überprüfungspunkt: Eine Spielerverwechslung, wenn eine Gelbe oder Rote Karte verhängt wurde. In den 144 Partien bis Weihnachten identifizierten die Experten während des Testlaufs 44 Fehlentscheidungen, in mehr als zwei Dritteln der Spiele wäre gar nichts passiert. Und: Bis das Urteil im TV-Studio fällt, vergehen laut DFL-Schiedsrichter-Manager Hellmut Krug "zehn bis 40 Sekunden", oft gehe es sogar schneller.

Wie viele dieser Fehler hätte der Videoschiedsrichter korrigiert?

In der Testphase 33 von 44, also 75 Prozent - es würde also deutlich gerechter zugehen.

Wie weit wird vor einem Treffer bei der Fehlersuche zurückgegangen?

Das ist noch nicht final geklärt. Am Montag präsentierten die Verbände ein Beispiel, in dem sie einen Treffer annulliert hätten, in dessen Vorlauf am anderen Strafraum gefoult wurde, 25 Sekunden vor dem Tor. Wenn ein "unmittelbarer Zusammenhang" besteht, also das klare Foul zum Ballbesitz des Teams führt, das kurz darauf trifft, soll das Tor nicht zählen, sagt Fifa-Schiedsrichter Felix Zwayer.

DPA

Kontrollmonitor für Videoschiedsrichter

Verwirrt das nicht das Publikum? Die Zuschauer könnten das Foul nicht gesehen oder schon wieder vergessen haben.

Vielleicht. Aber zum einen zeigt der Schiedsrichter auf dem Platz die Intervention des Videoschiedsrichters durch einen symbolisch in die Luft gemalten Bildschirm an. Und zum anderen soll zeitnah sowohl in der TV-Übertragung als auch auf den Videoscreens in den Stadien die Einstellung präsentiert werden, die den Assistenten zu einem Eingriff bewog.

Wird das Bundesligapublikum ohne die Emotionen leben müssen, die Fehlentscheidungen auslösen?

DFB-Vize Zimmermann versichert "allen Fußball-Romantikern: Ich kann Sie beruhigen, es wird weiterhin Diskussionen geben." Und zwar über alle Szenen, die nicht klar genug für eine Korrektur des Videoschiedsrichters waren. Und natürlich über die Urteile des neuen Assistenten. Künftig wird man in den Wohnzimmern wohl oft ein empörtes: "Das muss der Videoheini doch sehen!" hören.

Kann es passieren, dass den Zuschauern der TV-Produktionen, an denen bis zu acht Zeitlupenexperten mitarbeiten, bessere Bilder präsentiert werden, als dem Videoassistenten, dem nur ein Operator zuarbeitet?

"Diese Gefahr besteht", sagt Krug, und das ist ziemlich heikel. In solchen Momenten würde vermutlich auf die Verbände, die Technik und die beteiligten Personen eingeprügelt werden.

Wird der Schiedsrichter auf dem Platz selbst Bilder ansehen können, was bei den Tests während der Klub-WM im Dezember zu langen Verzögerungen und viel Ärger führte?

Diese Möglichkeit soll es geben, aber sie wird "nur in extremen Ausnahmefällen" angewandt, sagt Fifa-Schiedsrichter Zwayer. In der Regel sollen die Unparteiischen auf dem Platz dem Urteil aus dem TV-Studio vertrauen.

Warum sind die Schiedsrichter so einhellig für die Technik?

Zwayer bezeichnet den neuen Assistenten als "riesengroße Hilfestellung", es verleihe ihm und seinen Kollegen zusätzliche Sicherheit, zu wissen: "Bevor wir eine ganz klare Fehlentscheidung treffen, gibt es noch jemanden, der sich das Ganze anschaut, der als Back-up da ist."

DPA

Ex-Schiedsrichter Hellmut Krug

Wer kommt für den Job als Videoassistent infrage?

Nur aktive oder erst kürzlich ausgeschiedene Top-Schiedsrichter. Alle Kandidaten müssen an den während dieser Saison laufenden Trockentests teilnehmen, in denen die neuen Assistenten noch nicht ins Spiel eingreifen dürfen.

Ist der Videoschiedsrichter damit endgültig fester Bestandteil der Bundesliga?

Nein. Die kommende Saison ist nach der Trockenübung als Live-Test angelegt, nur wenn es gut läuft, wird das Regelgremium Ifab im März die finale Einführung der Technik erlauben.

Ist es klug, dass der DFB und die Bundesliga vorpreschen, statt Erfahrungen aus anderen Wettbewerben abzuwarten?

Deutsche Verbandsfunktionäre und auch die hiesigen Schiedsrichter wurden schon oft dafür kritisiert, zu langsam und zu wenig innovativ zu sein. Hier gehen sie mit bemerkenswertem Mut voran, obwohl man fest davon ausgehen kann, dass Fehler passieren und große Angriffsflächen geboten werden. Aber eines ist bei allem zu erwartenden Ärger so gut wie sicher: Das Spiel wird gerechter.

insgesamt 33 Beiträge
ibuprofen 24.01.2017
1. Na endlich!
Schnellere Bälle, bessere Schuhe, Funktiontrikots, Isotonische Getränke, die neuesten medizinischen Erkenntnisse der Sportphysiologie sind Standard. Nun dürfen auch endlich moderne Möglichkeiten zur Umsetzung des Regelwerks [...]
Schnellere Bälle, bessere Schuhe, Funktiontrikots, Isotonische Getränke, die neuesten medizinischen Erkenntnisse der Sportphysiologie sind Standard. Nun dürfen auch endlich moderne Möglichkeiten zur Umsetzung des Regelwerks Einzug halten. 2017 - längst überfällig.
mwroer 24.01.2017
2.
Ja, lassen wir uns überraschen ob das mehr an Gerechtigkeit die Änderung des Spielablaufes wert ist. Ich bin jetzt erstmal neutral und lasse mich in jede Richtung überzeugen.
Zitat von ibuprofenSchnellere Bälle, bessere Schuhe, Funktiontrikots, Isotonische Getränke, die neuesten medizinischen Erkenntnisse der Sportphysiologie sind Standard. Nun dürfen auch endlich moderne Möglichkeiten zur Umsetzung des Regelwerks Einzug halten. 2017 - längst überfällig.
Ja, lassen wir uns überraschen ob das mehr an Gerechtigkeit die Änderung des Spielablaufes wert ist. Ich bin jetzt erstmal neutral und lasse mich in jede Richtung überzeugen.
citycity 24.01.2017
3. Gerechtigkeit
Ist schön unf gut, aber die Gefahrt besteht trotzdem, dass dem Spiel damit ein Entscheidendes Element genommen wird. Es gehört halt zum Fußballgucken auch irgendwie dazu, zu diskutieren und über Fehlentscheidungen zu meckern. [...]
Ist schön unf gut, aber die Gefahrt besteht trotzdem, dass dem Spiel damit ein Entscheidendes Element genommen wird. Es gehört halt zum Fußballgucken auch irgendwie dazu, zu diskutieren und über Fehlentscheidungen zu meckern. Es bleibt abzuwarten wie sich diese Technologie dann tatsächlich auf den Alltag auswirkt.
cpt.z 24.01.2017
4. Das wurde echt mal Zeit...
mehr ist dazu gar nicht zu sagen. Abseitsentscheidungen vor dem Tor, Schwalben im Strafraum... etc. hoffentlich hat der ganze Zirkus damit endlich ein Ende.
mehr ist dazu gar nicht zu sagen. Abseitsentscheidungen vor dem Tor, Schwalben im Strafraum... etc. hoffentlich hat der ganze Zirkus damit endlich ein Ende.
k.k.laake 24.01.2017
5.
Mir ist immer noch nicht klar, wer den Videoschiri aktiviert. Wird er von selbst aktiv oder erst, wenn Spieler/Trainer sich über was aufregen?
Mir ist immer noch nicht klar, wer den Videoschiri aktiviert. Wird er von selbst aktiv oder erst, wenn Spieler/Trainer sich über was aufregen?

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