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Sport

Fußball-Fans in Deutschland

Wie es ist, fast blind zum HSV zu gehen

Matthias Lünzmann hat nur noch fünf Prozent Sehkraft und ist trotzdem jedes Wochenende dabei, wenn sein HSV spielt. Was auf dem Rasen abgeht, erklärt ihm ein Extra-Kommentator. Die Gesänge und Pöbeleien bekommt er ohne Hilfe mit.

SPIEGEL ONLINE

Matthias Lünzmann

Von , Hamburg
Freitag, 21.04.2017   15:25 Uhr

Als HSV-Fan hatte man es in den vergangenen Jahren nicht leicht, stets drohte der Abstieg, und auch in dieser Saison ist der Klassenerhalt noch nicht gesichert. Matthias Lünzmann geht trotzdem gerne ins Stadion - auch wenn er kaum etwas sehen kann. Im vierten Teil der SPIEGEL-ONLINE-Fanprotokolle erzählt er seine Geschichte.

Neulich habe ich festgestellt, dass sie im Volksparkstadion die Anzeigetafel geändert haben. Früher hatte sie einen weißen Hintergrund und schwarze Schrift, heute ist es umgekehrt. Meine sehenden Kumpels waren ganz verblüfft, weil es niemand mitbekommen hatte - und weil ausgerechnet ich das bemerkt habe: als fast Blinder.

Seit meiner Jugend leide ich an einer Augenkrankheit, mein zentrales Blickfeld ist komplett verschwommen. Mit 25 Jahren hatte ich noch 60 Prozent Sehkraft, heute, mit 49, sind es nur noch fünf Prozent. Vor drei Jahren musste ich deshalb meinen Beruf als Bäcker aufgeben. Zuhause brauche ich Hilfsmittel, die mir den Alltag erleichtern, einen großen Bildschirm mit einer Kameralupe zum Beispiel.

Im HSV-Stadion nutze ich das Blindenangebot, Studenten kommentieren das Spiel für uns. Jeder bekommt einen Empfänger und Kopfhörer, ich nehme allerdings meine in-ear-Dinger und lasse einen Hörer baumeln. So bekomme die Atmosphäre im Stadion besser mit und kann auch die Gesänge und Pöbeleien der Fans genießen. An der Stimme des Kommentators kann ich erkennen, ob es auf dem Platz gerade spannend wird, sie wird dann schriller und hektischer.

Gardine mit Rauten, Stammplatz vor der Leinwand

Die Stimmung war hier schon immer spannend. Schon als Jugendlicher bin ich zum HSV gegangen, damals noch ins alte Volksparkstadion. Da spielten Manni Kaltz und Horst Hrubesch. Vor dem Stadion ging es früher ordentlich zur Sache, wir mussten uns oft an Prügeleien vorbeischleichen, man musste höllisch aufpassen. Mit 16 habe ich meine Bäckerlehre begonnen, musste an den Wochenenden arbeiten. Da konnte ich natürlich nicht mehr ins Stadion.

Seitdem ich nicht mehr arbeiten kann, ist die Leidenschaft wieder entflammt. Heute hängt eine HSV-Flagge in meinem Wohnzimmer und ich habe auch eine Gardine mit Rauten. Zu den Heimspielen fahre ich meist mit Freunden aus dem Kegelklub. Im Stadion wechseln sich die anderen immer ab: einer sitzt mit mir auf den Blindenplätzen, die anderen gehen in die Kurve. Bei HSV-Auswärtsspielen habe ich auch in meiner Kneipe einen Stammplatz: Natürlich ganz vorne vor der Leinwand.

Wenn ich dann doch mal auswärts mitfahre, ist Planung extrem wichtig. Ich muss mich genau vorbereiten, sonst komme ich nicht zurecht: Von welchem Gleis fährt der Zug ab, wo ist mein Stadioneingang, sowas muss ich vorher wissen. Das ist auch im Alltag so: Bei den Geschäften um die Ecke weiß ich meist, wo ich was finde. Woanders muss ich den Einkauf manchmal frustriert abbrechen.

Das Blindenangebot in Deutschlands Stadien ist sehr unterschiedlich. In Wolfsburg war die Technik blöd, der Kommentator wusste zudem nicht, wie unsere Spieler heißen. In Augsburg wurden wir sehr nett begrüßt, in Berlin konnte ich während des Spiels bis zum Klo spazieren und den Kommentator trotzdem hören, so gut war der Empfang.

Das ist eh das Wichtigste, wenn ich auswärts unterwegs bin: Ich muss mir den Weg zwischen Tribüne und Toiletten genau einprägen.

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