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Sport

Aus in der Europa League

Schalker Schmerzen

Der FC Schalke 04 klagt nach einem spannenden Europapokalabend und einem 3:2-Sieg nach Verlängerung, dass der Fußball nicht gerecht sei. Leon Goretzka setzte seine Gesundheit aufs Spiel.

Foto: DPA
Aus Gelsenkirchen berichtet
Freitag, 21.04.2017   12:16 Uhr

Erst nickte Leon Goretzka den Journalisten, die sich nach seinem Gesundheitszustand erkundigten, nur kurz zu. Später sprach er dann doch ein paar Worte. Keine Selbstverständlichkeit, wie der 22-Jährige erklärte: "Ich habe mir zweimal den Kiefer ausgerenkt und eine Gehirnerschütterung zugezogen."

Der Schalker Mittelfeldspieler war Ende der ersten Halbzeit der Partie gegen Amsterdam (2:3) mit dem Torwart von Ajax zusammengeprallt, wurde benommen vom Feld geführt. "In der Kabine hat er sich mehrmals übergeben. Aber er wollte unbedingt weiterspielen", sagte Trainer Markus Weinzierl. Erst in der 84. Minute wurde Goretzka ausgewechselt.

Dabei waren die Symptome einer Gehirnerschütterung klar zu erkennen gewesen. Ärzte und Wissenschaftler warnen seit Langem davor, Kopfverletzungen im Sport zu unterschätzen. Vor allem das "Second Impact Syndrome" gilt als gefährlich, wenn jemand eine Gehirnerschütterung bekommt in dem Moment, da eine andere noch nicht ausgeheilt ist.

Goretzka aber setzte seinen Willen durch. Er schoss sogar das 1:0 und war damit auf dem Weg, zum "Eurofighter" der Moderne zu werden. Doch der Traum, wie die legendäre Mannschaft 1997 als Außenseiter den kleineren europäischen Wettbewerb zu gewinnen, platzte.

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Schalkes Aus in Europa: Drama in Gelsenkirchen

"Der Fußball ist nicht gerecht", klagte Benedikt Höwedes, "110 Minuten war es ein Freudentaumel seinesgleichen." Dann habe "Ajax mit der einzigen Chance" das 1:3 erzielt. Es hätte wegen des 2:0-Sieges im Hinspiel schon für Ajax gereicht.

Höwedes war noch voller Adrenalin, daher musste ihm verziehen werden, dass in der Wahrnehmung einiges falsch war. Das so wichtige Auswärtstor hatte Schalkes Torhüter Ralf Fährmann schon vor dem Treffer von Nick Viergever in der 111. Minute mehrmals mit prächtigen Paraden verhindert. Abgesehen von einem fulminanten Start kontrollierte Ajax die Partie in der ersten Halbzeit. Die zweite Hälfte und Teile der Verlängerung gingen dann an die Schalker, die ab der 80. Minute in Überzahl spielten. Die desolate Leistung im Hinspiel hinzugezogen, als Fährmann herausragte, ergibt sich also ein gerechter Sieger des Vergleichs.

Der Rausch der knappen Stunde, in der Schalke sich mit leidenschaftlichem Einsatz und auch spielerischer Klasse einen Vorteil erspielte, drängte die nüchterne Analyse in den Hintergrund. "Um ehrlich zu sein, fehlen mir derzeit die Worte", sagte Daniel Caligiuri, um dann doch eine Erklärung zu versuchen: "Vielleicht hätten wir den einen oder anderen Ball in der Verlängerung ruhiger spielen können."

"Weit weg von dem, was wir uns vorgenommen haben"

Das hörte sich gut an, doch Spieler wie Sead Kolašinac, der zuvor wegen einer Verletzung pausiert hatte, waren körperlich schon nach 90 Minuten am Limit. Ajax suchte sein Glück mit dem Wissen, nichts mehr verlieren zu können.

"Was für eine Scheiße", brachte ein Mitarbeiter der Schalker hervor, nachdem er minutenlang wie paralysiert mit den Journalisten auf die Spieler gewartet hatte, um von ihnen Erklärungen zu hören. Von Benedikt Höwedes gab es sogar noch eine Einordnung des größeren Zusammenhangs: "In der Liga sind wir weit weg von dem, was wir uns vorgenommen haben. Der Europapokal war die Chance, dies vergessen zu machen."

Vier Punkte Rückstand auf den Tabellensechsten der Bundesliga, vielleicht auch nur drei auf den Siebten müssen die Schalker wettmachen, um wieder die Chance zu haben, sich für die Europa League zu qualifizieren. Am Sonntag kommt Leipzig nach Gelsenkirchen.

Schalke 04 - Ajax Amsterdam 3:2 n.V. (2:0, 0:0)
1:0 Goretzka (53.)
2:0 Burgstaller (56.)
3:0 Caligiuri (101.)
3:1 Viergever (111.)
3:2 Younes (120.)
Schalke: Fährmann - Riether (112. Avdijaj), Höwedes, Nastasic, Kolasinac - Bentaleb, Stambouli (54. Huntelaar) - Caligiuri, Goretzka (84. Geis), Meyer - Burgstaller
Ajax: Onana - Veltman, Sanchez, de Ligt, Viergever - Ziyech, Schöne (74. Van de Beek), Klaassen - Kluivert (61. Dolberg), Traoré (82. Tete), Younes
Schiedsrichter: Ovidiu Hategan (Rumänien)
Gelbe Karten: Burgstaller, Kolasinac, Nastasic - Viergever, Ziyech
Gelb-Rote Karte: Veltman (80.)

insgesamt 40 Beiträge
Freidenker10 21.04.2017
1.
Wirklich stark gekämpft! Aber es wäre auch ein schlechter Witz wenn ausgerechnet Schalke als einziger deutscher Klub in ein Halbfinale eingezogen wäre...
Wirklich stark gekämpft! Aber es wäre auch ein schlechter Witz wenn ausgerechnet Schalke als einziger deutscher Klub in ein Halbfinale eingezogen wäre...
karton 21.04.2017
2. Wenn der Fußball gerecht wäre...
... hätte Gladbach im Viertelfinale gestanden und nicht Schalke.
... hätte Gladbach im Viertelfinale gestanden und nicht Schalke.
ftraven 21.04.2017
3. Unsinniges Gejammere
Mit einer 2:0-Niederlage im Hinspiel war Schalke bestens bedient. Es hätte auch 4:0 ausgehen können. Wer das Spiel gestern gesehen hat, konnte zwar viel Kampf erkennen, aber die Holländer hatten das technisch bessere Spiel. [...]
Mit einer 2:0-Niederlage im Hinspiel war Schalke bestens bedient. Es hätte auch 4:0 ausgehen können. Wer das Spiel gestern gesehen hat, konnte zwar viel Kampf erkennen, aber die Holländer hatten das technisch bessere Spiel. Wenn man es dann nicht schafft, vierzig Minuten in Überzahl die notwendigen Tore zu schießen, dann hat man es auch nicht verdient.
markniss 21.04.2017
4.
"Der Fußball ist nicht gerecht" -- das ist das altbekannte Schalker Credo. Die Realität ist, dass man ein Heimspiel 40 Minuten lang mit 11 gegen 10 gespielt hat und in Überzahl trotzdem mit 2-1 verloren hat. Das ist [...]
"Der Fußball ist nicht gerecht" -- das ist das altbekannte Schalker Credo. Die Realität ist, dass man ein Heimspiel 40 Minuten lang mit 11 gegen 10 gespielt hat und in Überzahl trotzdem mit 2-1 verloren hat. Das ist einfach nur peinlich und hat mit Ungerechtigkeit nichts zu tun. Aber die Schalker Analyse dieses Versagens passt natürlich, denn Selbstmitleid scheint ja das Lebenselixier dieses Vereins zu sein.
tmhamacher1 21.04.2017
5. Gerechtigkeit?
Das ist ja wohl der größte Witz: Fußball ist ungerecht! Schalke war in beiden Spielen in allen Belangen außer dem Torwart unterlegen und ist nur durch großes Glück in die Lage gekommen, sich fast noch zu qualifizieren. Ajax [...]
Das ist ja wohl der größte Witz: Fußball ist ungerecht! Schalke war in beiden Spielen in allen Belangen außer dem Torwart unterlegen und ist nur durch großes Glück in die Lage gekommen, sich fast noch zu qualifizieren. Ajax hat viel besser und moderner gespielt, und alleine im Hinspiel hätten sie mit 4 oder 5 Toren Unterschied gewinnen müssen. Auch im Rückspiel war Schalke erschreckend ideenlos, und die Tore resultierten aus Torwartfehlern und Zufallsaktionen. Schalke muss sich wirklich hinterfragen, wie es nach einer solch schwachen Saison weitergehen soll. Meines Erachtens ist Weinzierl ein überschätzter Trainer.

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