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Verletzter Schalke-Profi Leon Goretzka

"Er muss dann sofort raus"

Weiterspielen nach einem heftigen Zusammenprall: Leon Goretzka wird für seinen Einsatz gegen Ajax gefeiert. Experten sehen den Fall ganz anders.

AP

Leon Goretzka

Von
Freitag, 21.04.2017   16:27 Uhr

"Ich kann vor dem Einsatz von Leon Goretzka nur den Hut ziehen" - Das Kompliment von Schalke-Kapitän Benedikt Höwedes nach aufregenden 120 Europa-League-Minuten galt seinem in der ersten Halbzeit mit Ajax-Torhüter André Onana zusammengerasselten Mitspieler. Goretzkas Bilanz: Gehirnerschütterung plus ein zweifach ausgerenkter Kiefer.

Bereits nach den ersten 45 Minuten hatte er sich in der Kabine laut Trainer Markus Weinzierl "etliche Male übergeben", habe aber unbedingt weiterspielen wollen. Schalke-Sportdirektor Christian Heidel war am Tag danach sichtlich bemüht, die auf der Pressekonferenz getätigten Aussagen von Weinzierl einzufangen. "Ein Missverständnis" liege vor, der Spieler habe sich nicht übergeben, es seien nur "Würgeanzeichen" gewesen. Auf eine Anfrage hin teilte der Verein später mit: "Das 'mehrfache Übergeben' hat zu keinem Zeitpunkt stattgefunden. Tatsächlich hatte Leon einige Male bei und nach der Einrenkung des Kiefers würgen müssen. Ein Erbrechen fand jedoch nie statt. Zudem sind auch keinerlei andere Symptome für eine Gehirnerschütterung - Schwindelgefühle, Desorientierung, Kopfschmerzen -zu diesem Zeitpunkt aufgetreten."

Unbestritten ist aber: In der 84. Minute verließ Goretzka erschöpft und unter Jubel der Schalker Fans den Platz. Dass der verletzte Spieler zwischendurch auch noch die Kraft fand, das 1:0 zu erzielen, machte die Heldengeschichte rund.

Goretzkas Einfluss bei der Frage, ob er denn nun weiterspiele oder nicht, ist für Ingo Helmich nicht nachvollziehbar. Der Wissenschaftler an der Sporthochschule Köln sagt: "Das muss das medizinische Personal entscheiden. Da ist die Meinung des Sportlers, der seiner Mannschaft natürlich helfen möchte, unerheblich. Übelkeit wäre aus meiner Sicht ein deutliches Anzeichen dafür, dass das Spiel für ihn zu Ende ist. Er muss dann sofort raus."

Erhöhte Verletzungsgefahr

Denn mit einer solchen Verletzung weiterzuspielen kann ernsthafte Konsequenzen haben: "Bei einer Gehirnerschütterung treten bestimmte Symptome auf: zum Beispiel verschwommenes Sehen oder kognitive Einschränkungen. Das Gehirn ist erst einmal damit beschäftigt, den Aufprall zu bewältigen. Wenn der Spieler dann von der Seite angegangen wird, kann er sich nicht so gut darauf vorbereiten, wie er das im gesunden Zustand könnte. Das erhöht die Verletzungsgefahr." Laut einer Stellungnahme habe es in der Halbzeitpause keine Anzeichen für eine Gehirnerschütterung gegeben: "Hätte es Symptome für eine Gehirnerschütterung gegeben, hätte der Spieler in keinem Fall, auch nicht auf eigenen Wunsch, das Spiel fortsetzen dürfen."

Generell sind Gehirnerschütterungen schnell überwunden: "Sieben bis zehn Tage Pause genügen meist, um alle Symptome verschwinden zu lassen", sagt Helmich. Gefährlich wird es, wenn trotz noch bestehender Auffälligkeiten weiter Sport betrieben wird. "Bei Menschen, die schon einmal eine Gehirnerschütterung hatten, steigt das Risiko eines erneuten Vorfalls, aus kurzfristigen Symptomen werden dann langfristige."

Karriereende wegen Gehirnerschütterung

Prominentes Beispiel: Ex-Eishockey-Star Stefan Ustorf. Nach einer noch nicht überstandenen Gehirnerschütterung erlitt er einige Tage später in der Partie seiner Eisbären Berlin nach einem Check seines Gegenspielers eine zweite. "Ich dachte, der Spieler kam von hinten. Er kam aber von vorne, war genau vor mir. Ich habe ihn einfach nicht gesehen. Meine Augen waren durch die erste Gehirnerschütterung so schlecht, dass sie bei der Drehung nicht mitgekommen sind", schilderte Ustorf im SPIEGEL-Interview den Moment, der sein Leben veränderte. Die Folge: chronische Kopfschmerzen, Operationen, Karriereende.

Der Fußball wollte dem Problem mit der Einführung der "Drei-Minuten-Pause" entgegen treten. Diese soll zur besseren Einschätzung von angeschlagenen Spielern sorgen. Erkennt ein Schiedsrichter eine mögliche Gehirnerschütterung, muss das Spiel bis zu drei Minuten unterbrochen werden und der Mannschaftsarzt ist aufgefordert, die Spielfähigkeit des Akteurs bestätigen, ansonsten darf dieser nicht weiterspielen.Schön in der Theorie, irrelevant in der Praxis. Angeschlagene Spieler werden an der Seitenlinie behandelt. Um das eigene Team nicht zu lange in Unterzahl spielen zu lassen gilt nach wie vor oft der Dreisatz: Eisbeutel drauf, einmal kräftig durchschütteln und weiter geht's. "Auch die Mannschaftsärzte stehen unter immensem Druck", sagt Helmich. Sein Vorschlag: "Unabhängige Mediziner, die nicht den Druck von Sieg und Niederlage spüren."

Tests zur Überprüfung

Andere Sportarten machen vor, wie es besser geht: In der deutschen Eishockeyliga DEL müssen sich vor einer Saison alle Spieler einem Test unterziehen, bei dem Denk- und Rechenaufgaben gelöst und Koordinierungsübungen durchgeführt werden. Besteht während der Saison der Verdacht einer Kopfverletzung, wird dieser Test wiederholt und die Ergebnisse miteinander verglichen. Auch auf die Schnelle gibt es Lösungen: Wer nach einem Zusammenstoß eine der fünf Fragen von "In welchem Drittel des Spiels befinden wir uns gerade?" bis "Wie lautet der aktuelle Spielstand" nicht beantworten kann, muss runter vom Eis.

Noch einen Schritt weiter ist man in der NFL gegangen: Dort gibt es pro Spiel zwei Beobachter, die nach jeder Situation eingreifen, in denen sie eine Kopfverletzung vermuten. Anhand von Verdachtsmomenten wie Orientierungslosigkeit oder Verlust des Bewusstseins entscheiden sie gemeinsam mit dem medizinischen Stab über das weitere Vorgehen.

Um wieder ins Spielgeschehen eingreifen zu dürfen, bedarf es der Freigabe durch die Ärzte und dem Okay eines neutralen Neurologen. Sollte sich ein Team nicht an das "Concussion Protocol" halten und einen Spieler ohne das Durchlaufen dieses Verfahrens zurück aufs Feld schicken, wird es teuer. Die Strafe für Ersttäter beträgt bis zu 150.000 Dollar, Zweitverstöße werden mit mindestens 100.000 Dollar geahndet.

insgesamt 21 Beiträge
Flugzeugfreak1 21.04.2017
1. Die Ärzte hätten das sehen müssen!!!
Das ist für mich eine sehr grobe Fahrlässigkeit und könnte durchaus mutwillige Körperverletzung sein. Zumindest sollte man die Teamärzte zur Rechenschaft ziehen.
Das ist für mich eine sehr grobe Fahrlässigkeit und könnte durchaus mutwillige Körperverletzung sein. Zumindest sollte man die Teamärzte zur Rechenschaft ziehen.
dernameistprogramm 21.04.2017
2. Völlig unverantwortlich...
sich selbst gegenüber (was mir noch ziemlich egal ist), den Mitspielern bzw. dem Verein gegenüber (mir ebenfalls ziemlich egal, zumal ich den Tiermörder T. nicht mag), aber auch den Gegner gegenüber! Und selbstverständlich [...]
sich selbst gegenüber (was mir noch ziemlich egal ist), den Mitspielern bzw. dem Verein gegenüber (mir ebenfalls ziemlich egal, zumal ich den Tiermörder T. nicht mag), aber auch den Gegner gegenüber! Und selbstverständlich dem Publikum gegenüber: die Kotzerei sah übel aus. Igitt.
treime 21.04.2017
3. Unglaublich.
In der NFL, der American Football League, hat man jahrzehntelang Spieler mit Gehirnerschütterungen immer weiter und immer weiter spielen und trainieren lassen, bis unglaublich viele Todesfälle durch Hinkrankheiten auftraten und [...]
In der NFL, der American Football League, hat man jahrzehntelang Spieler mit Gehirnerschütterungen immer weiter und immer weiter spielen und trainieren lassen, bis unglaublich viele Todesfälle durch Hinkrankheiten auftraten und die NFL quasi gezwungen wurde zu reagieren. Heutzutage und seit einigen Jahren, muss ein Spieler der auch nur leicht angeschlagen / kurz liegen bleibt (nach einem Zusammenprall) sofort ins sogenannte "Concussion Protocol", wo er durch UNABHÄNGIGE Ärzte untersucht wird. Diese geben ihn dann entweder wieder frei fürs Spiel oder setzen ihn auf eine "Verletztenliste" und es gibt weitere (unabhängige) Untersuchungen. Jaja, der Fussball. Von Amateuren, Stümpern und Mafiosi geführtes, internationales Konsortium. Da werden sogar Spieler nach einem Bombenanschlag auf den Platz gehetzt, damit die Wettanbieter keine Ausfälle haben!!!
gammoncrack 21.04.2017
4. Das kann ich eigentlich nicht glauben:
"Die Strafe für Ersttäter beträgt bis zu 150.000 Dollar, Zweitverstöße werden mit mindestens 100.000 Dollar geahndet." Liebe SPON-Redakteure. Werden Wiederholungstaten immer günstiger und sind am Schluss [...]
"Die Strafe für Ersttäter beträgt bis zu 150.000 Dollar, Zweitverstöße werden mit mindestens 100.000 Dollar geahndet." Liebe SPON-Redakteure. Werden Wiederholungstaten immer günstiger und sind am Schluss strafenfrei, oder fehlt hier eine "Null"? Nein, die Zahlen sind so richtig. MfG Redaktion Forum
Epsola 21.04.2017
5.
DFB/UEFA sollten sowas drakonisch bestrafen. Punktabzug, Wettbewerbsspeere wären nicht übertrieben.
DFB/UEFA sollten sowas drakonisch bestrafen. Punktabzug, Wettbewerbsspeere wären nicht übertrieben.

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