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Sport

Europa-League-Erfolg von Manchester United

Ein typischer Mourinho

Ein besonderer Abend? Unter dem Eindruck des Anschlags in Manchester hat United die Europa League gewonnen - mit Mourinho-Fußball. Seine Genugtuung konnte der Coach auch diesmal nicht verbergen.

DPA

José Mourinho

Aus Stockholm berichtet
Donnerstag, 25.05.2017   10:38 Uhr

Nach dem Finale waren die üblichen Choreografien zu besichtigen. Die Spieler von Manchester United, gerade durch das 2:0 über Ajax Amsterdam zum Gewinner der Europa League gekürt, posierten mit dem Pokal, sie hüpften und tanzten vor ihrer Fankurve, genossen die Nähe zum Publikum.

Angreifer Zlatan Ibrahimovic, der wegen eines Kreuzbandrisses im Moment keinen Sport machen kann und das Spiel als Zuschauer erlebte, ließ sich sogar vor einem Plakat fotografieren, das ihn mit fragwürdigen Mitteln zur Vertragsverlängerung bewegen sollte: "Zlatan, Stay and You Can Shag My Wife" ("„Bleib, und du darfst meine Frau vögeln"“), war darauf zu lesen. Am anderen Ende der Arena in Stockholm schlug der Frust einiger Ajax-Fans in Zerstörungslust um. Sie rissen Sitze aus der Verankerung und warfen sie auf den Platz.

Alles ganz normal also, konnte man denken.

Dabei war ja nichts normal an diesem Finale, es stand unter dem Eindruck des Anschlags von Manchester mit mindestens 22 Toten. „Eigentlich geht man mit Freude in so ein Spiel. "Aber wir sind einfach nur gekommen, um unseren Job zu machen"“, sagte United-Trainer José Mourinho. Mittelfeldmann Ander Herrera trug Sätze vor, die ziemlich einstudiert klangen, inhaltlich aber ihre Bedeutung hatten. „"Wir wollen Frieden in der Welt - in einer normalen Welt mit Respekt. Dafür müssen wir zusammen kämpfen“", sagte er. Den Sieg widmete er den Opfern des Anschlags.

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Manchesters Europa-League-Sieg: Geld schießt eben doch Tore

Neben den gesprochenen Worten gab es weitere Hinweise, dass eine große Tragik über der Veranstaltung lag. Das übliche Tamtam vor Anpfiff fiel aus. Keine Tänzer, keine Sänger. Der ehemalige Bayern-Profi und schwedische Nationalspieler Patrik Andersson brachte den Pokal, das war's. Es gab eine Schweigeminute, in der es für ein paar Augenblicke tatsächlich gespenstisch still war in dem mit 47.000 Menschen gefüllten Stadion, die aber schnell umgewandelt wurde in eine Minute Beifall.

Und als die United-Fans während der Partie mit Inbrunst „"Manchester, Manchester, Manchester!“" sangen, war damit sicher auch ihr Verein gemeint -– vor allem aber ihre Stadt. Ob der Titel den Schmerz in der Heimat ein bisschen lindert? Schwierige Frage. "„Vielleicht"“, sagte Trainer Mourinho. Besonders überzeugt klang er nicht.

Aber immerhin: Die Mannschaft hatte getan, was sie konnte. Sie hatte gewonnen und damit einer eigentlich misslungenen Saison einen silbernen Anstrich verliehen. In der Liga wurde der Klub nur Sechster. Durch den ersten Europa-League-Sieg der Vereinsgeschichte hat United aber doch noch die Zulassung zur Champions League erlangt. „"Das ist der wichtigste Titel meiner Karriere, so sehe ich das“", sagte Mourinho sogar, was natürlich eine Übertreibung war. Immerhin gewann er in Stockholm sein viertes europäisches Finale. Die bekannte Genugtuung, dass er es seinen Kritikern wieder einmal gezeigt hat, war aber auch an diesem besonderen Abend nicht verschwunden.

Der Sieg gegen Ajax war ein typischer Mourinho-Sieg. Seine Mannschaft spielte unansehnlich, hatte nur 33 Prozent Ballbesitz, stand in der Deckung aber sicher. Die Folge war eine Partie ohne Höhepunkte. „"Ein langweiliges Spiel“", wie Ajax-Trainer Peter Bosz gestand. Seine junge Elf probierte es mit Dribblings, Hackentricks und viel Kleinklein, die Versuche blieben aber wirkungslos gegen einen gut organisierten und destruktiven Gegner. Manchesters Torwart Sergio Romero wurde kein einziges Mal ernsthaft geprüft. Das hochgelobte Sturmtalent Kasper Dolberg war nicht zu sehen und wurde schon nach einer Stunde ausgewechselt.

United dagegen kam durch zwei Halbchancen zu zwei Toren. Paul Pogba traf in der 18. Minute mit einem abgefälschten Schuss aus rund 20 Metern, der frühere Dortmunder Henrich Mchitarjan brachte zu Beginn der zweiten Hälfte mit einem Seitfallrückzieher nach einer Ecke die Entscheidung. So erteilte Manchester dem hochbegabten, aber auch naiven Team aus Amsterdam eine Lektion darin, wie man große Spiele gewinnt. Trainer Mourinho sprach von einem „Sieg des Pragmatismus“.

Wie er schon sagte: Seine Mannschaft wollte ihren Job erledigen. Und genau das tat sie.

Video aus Fußball-Pub in Manchester: "Wir halten zusammen"

insgesamt 32 Beiträge
vhn 25.05.2017
1. Mourinho
Sicher ein erfolgreicher Trainer. Aber mit dem Fußball macht man sich keine Freunde. Ich frage mich was wäre, wenn die andere Mannschaft auch "Arbeitsverweigerung" machen würde? Da könnte man eigentlich gleich zum [...]
Sicher ein erfolgreicher Trainer. Aber mit dem Fußball macht man sich keine Freunde. Ich frage mich was wäre, wenn die andere Mannschaft auch "Arbeitsverweigerung" machen würde? Da könnte man eigentlich gleich zum Elfmeterschießen übergehen. Da hätten sich alle Beteiligten 120 min ihrer Lebenszeit gespart...
marjebrun 25.05.2017
2. Diese Niederlage lässt hoffen..
..denn was das junge Team von Ajax Amsterdam während des Spiel gezeigt hat, war nicht nur schön anzusehen, sondern auch eine Art von Demonstration eines jungen tollen Spiels, wofür Ajax einmal sehr bekannt war und bewundert [...]
..denn was das junge Team von Ajax Amsterdam während des Spiel gezeigt hat, war nicht nur schön anzusehen, sondern auch eine Art von Demonstration eines jungen tollen Spiels, wofür Ajax einmal sehr bekannt war und bewundert wurde. Auch mit dieser Niederlage lässt sich für die "neuen jungen wilden" aus den Niederlanden einiges mitnehmen. Darunter auch die Erkenntnis, dass es gegen eine andere Mannschaft sicherlich gereicht hätte.
immerfroh 25.05.2017
3.
Nur wird dieses junge Team so kaum zusammenbleiben. Dieses Los hat Ajax nun schon seit Jahren. Es ist ein Ausbildungsverein für die großen Fische im Teich.
Zitat von marjebrun..denn was das junge Team von Ajax Amsterdam während des Spiel gezeigt hat, war nicht nur schön anzusehen, sondern auch eine Art von Demonstration eines jungen tollen Spiels, wofür Ajax einmal sehr bekannt war und bewundert wurde. Auch mit dieser Niederlage lässt sich für die "neuen jungen wilden" aus den Niederlanden einiges mitnehmen. Darunter auch die Erkenntnis, dass es gegen eine andere Mannschaft sicherlich gereicht hätte.
Nur wird dieses junge Team so kaum zusammenbleiben. Dieses Los hat Ajax nun schon seit Jahren. Es ist ein Ausbildungsverein für die großen Fische im Teich.
derhatschongelb 25.05.2017
4. Tja, Mourinho
Er weiß eben, wie es geht. Ajax hat tolle Fußballer, aber sie haben es kein einziges Mal geschafft, hinter die United-Abwehr zu kommen. Das war der Schlüssel zum Sieg.
Er weiß eben, wie es geht. Ajax hat tolle Fußballer, aber sie haben es kein einziges Mal geschafft, hinter die United-Abwehr zu kommen. Das war der Schlüssel zum Sieg.
pirx64 25.05.2017
5.
Der Sieger hat immer recht und an den Verlierer erinnert sich bald niemand mehr. Kann man in Ordnung finden, muss es aber nicht
Der Sieger hat immer recht und an den Verlierer erinnert sich bald niemand mehr. Kann man in Ordnung finden, muss es aber nicht

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2009 Schachtar Donezk
2008 Zenit Sankt Petersburg
2007 FC Sevilla
2006 FC Sevilla
2005 ZSKA Moskau
2004 FC Valencia
2003 FC Porto
2002 Feyenoord Rotterdam
2001 FC Liverpool
2000 Galatasaray Istanbul
1999 AC Parma
1998 Inter Mailand
1997 FC Schalke 04
1996 FC Bayern München
1995 AC Parma
1994 Inter Mailand
1993 Juventus Turin
1992 Ajax Amsterdam
1991 Inter Mailand
1990 Juventus Turin
1989 SSC Neapel

bis einschl. der Saison 2008/2009 "Uefa Cup"

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