Schrift:
Ansicht Home:
Sport

Neuer BVB-Trainer Peter Bosz

"Meine Großmutter war Schalke-Fan"

Er kann mit jungen Spielern umgehen, setzt auf Ballbesitz und Gegenpressing: Peter Bosz scheint genau der Richtige zu sein für die Nachfolge von Thomas Tuchel. Aber es könnte auch Probleme geben. Alles Wichtige zum neuen BVB-Trainer.

Foto: DPA
Von Eike Hagen Hoppmann und
Dienstag, 06.06.2017   17:53 Uhr

Genau sieben Tage lang war Borussia Dortmund ohne Cheftrainer. Nun hat der Klub einen Nachfolger für Thomas Tuchel gefunden: Peter Bosz, 53, wechselt von Ajax Amsterdam zum BVB. "Ich bin stolz, dass ich für so einen großen Verein arbeiten darf", sagte Bosz bei seiner Vorstellung. Die Borussia gehöre "zu den zehn größten Klubs in Europa - eine junge Mannschaft, die Gelbe Wand, das ist legendär. Ich freue mich darauf."

Wofür steht der Niederländer? Passt er zum BVB? Und wo könnten sich Probleme ergeben? Hier sind die Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Was für einen Fußball lässt er spielen?

Bosz legt Wert auf Ballbesitz, Spielkultur und einen hohen Unterhaltungswert. Von ihm stammt das Zitat: "Wenn ich schon auf der Bank sitzen muss, dann will ich wenigstens Spaß haben." Bosz meint das ernst. Nach dem verlorenen Europa-League-Finale gegen Manchester United begann er die anschließende Pressekonferenz mit den Worten: "Ich fand das Spiel langweilig."

Das prägendste Merkmal des Bosz-Fußballs kommt BVB-Fans vertraut vor: Mannschaften des Niederländers zeichneten sich vor allem durch schnelle Rückeroberungen des Balls aus. Ein neuer Gegenpressing-Fanatiker für die Borussia. Schon Tuchel und davor Jürgen Klopp ließen nach Ballverlusten nach vorne verteidigen.

In eigenem Ballbesitz zelebrieren Boszs Teams den Spielaufbau. Der Coach ließ verschiedene Varianten einstudieren, wobei den Innenverteidigern als Passgebern eine Schlüsselrolle zukommt. Sie überbrücken das Mittelfeld oft mit anspruchsvollen flachen Pässen in die Spitze. Das ist riskant, ging in der Eredivisie aber meistens gut. Auch prägnant: intelligentes Öffnen dieser Passwege durch die Mittelfeldspieler und geschickte Ablagen durch einen Mittelstürmer. Das alles wirkt stimmig orchestriert, ein klares Indiz dafür, welch guter Taktiker Bosz ist.

Fotostrecke

Peter Bosz: Er liebt das Spektakel

Passt das zum aktuellen BVB-Kader?

Einerseits ja. Vor lauter Passwegöffnen dürften die Dortmunder Profis nach zwei Jahren unter Tuchel kaum mehr wissen, wie man hohe Bälle schlägt. Auf das taktische Fundament kann Bosz aufbauen, die Mannschaft ist in der Lage, auch komplexe Anweisungen umzusetzen.

Für eine erfolgreiche Zeit beim BVB spricht auch, dass der Coach das Arbeiten mit Talenten gewohnt ist, seine Amsterdamer Mannschaft bestand aus etlichen Teenagern. Allerdings darf bezweifelt werden, ob die Innenverteidiger der Borussia spielstark genug für Boszs Stil sind. Seit dem Abgang von Mats Hummels war Sechser Julian Weigl hauptverantwortlich für die Eröffnung. Will der Trainer seinen Stil nicht deutlich verändern, wird es auch wichtig, was für ein Stürmertyp im Falle des kolportierten Abgangs von Pierre-Emerick Aubameyang verpflichtet wird.

War er Dortmunds Wunschkandidat?

Nein, das war offenbar Lucien Favre. Der ehemalige Trainer von Mönchengladbach soll sich mit dem BVB einig gewesen sein, doch sein aktueller Klub, OGC Nizza, verweigerte dem Schweizer die Freigabe. Favres Vorteile gegenüber Bosz: Er besitzt die größere Erfahrung und hat bereits nachgewiesen, in der Bundesliga erfolgreich arbeiten zu können. Gleichwohl waren Dortmunds Verantwortliche darum bemüht, Bosz als Wunschlösung zu präsentieren. "Wir hatten gleich das Gefühl, dass hier etwas zusammenwachsen kann", sagte BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke bei Boszs Vorstellung.

Welche Erfolge kann er vorweisen?

Der BVB ist für Bosz der erste Klub dieser Kragenweite. Der Coach hat sich hochgearbeitet. Er fing bei kleineren niederländischen Vereinen an, später schaffte er mit dem Mittelklasseteam Vitesse Arnheim die Qualifikation für die Europa League, wobei er nicht von seinem anspruchsvollen Fußballstil abwich. Dortmund ist für Bosz die zweite Auslandsstation. Zuvor war er 2016 für ein halbes Jahr Trainer in Israel bei Maccabi Tel Aviv. Dort blieb er in 19 Ligaspielen unbesiegt - dann kam der Anruf von Ajax. Den Klub führte er zur Vizemeisterschaft und ins EL-Finale. Allerdings scheiterte er in der Qualifikation zur Champions League an Rostow.

Und als Spieler?

Seine größten Erfolge feierte der Defensivspieler mit Feyenoord Rotterdam, wo er Meister und Pokalsieger wurde. Nicht ganz so gut verlief sein Ausflug in die Bundesliga: 1998 wechselte er zu Hansa Rostock, nach einem halben Jahr und 14 Einsätzen war er schon wieder weg. Apropos Bundesliga: Bosz hat eine weitere Verbindung dorthin, ausgerechnet zum Dortmunder Rivalen: "Meine Großmutter war Schalke-Fan. Wir haben früher immer samstags zusammen die Bundesliga geschaut", sagte er einmal.

Haben sich beim BVB bald wieder alle lieb?

Der Klub machte in der Causa Tuchel vs. Watzke keine gute Figur und wird nun darum bemüht sein, wieder Ruhe einkehren zu lassen. Dazu wird auch gehören, Einigkeit mit Bosz zu demonstrieren. Dass der nicht vor Konfrontationen zurückscheut, wurde in Amsterdam deutlich. Erst kürzlich sagte Bosz, er werde seinen bis 2019 laufenden Vertrag bei Ajax erfüllen. Keine zwei Wochen später ist er beim BVB gelandet. Ein Grund für den Abschied ist offenbar ein Streit zwischen Bosz und seinem Assistenten Hendrie Krüzen auf der einen und dem übrigen Trainerstab um Ajax-Legende Dennis Bergkamp auf der anderen Seite. Niederländische Medien, darunter "De Telegraaf" und "Algemeen Dagblad", berichteten von unterschiedlichen Auffassungen in Bezug auf die Spiel- und Trainingsphilosophie. Bosz vermisste demnach Rückendeckung von der Vereinsspitze, der Konflikt war nicht mehr zu lösen.

Mit Material von dpa und sid

insgesamt 43 Beiträge
dt55929784 06.06.2017
1. Wird schon passen!
Der Ruhrpott ist ja nicht weit von den Niederlanden entfernt. Da gibt es schon Ähnlichkeiten in der Mentalität.
Der Ruhrpott ist ja nicht weit von den Niederlanden entfernt. Da gibt es schon Ähnlichkeiten in der Mentalität.
Levator 06.06.2017
2. Der richtige Einstieg
Die Story mit der Großmutter kann man erzählen, muss sie aber nicht erzählen.... LOL Spass beiseite - nachdem was man bei Ajax - und vor allem - durch ihn gesehen hat - nämlich einen über Jahre hinweg _leider_ auf [...]
Die Story mit der Großmutter kann man erzählen, muss sie aber nicht erzählen.... LOL Spass beiseite - nachdem was man bei Ajax - und vor allem - durch ihn gesehen hat - nämlich einen über Jahre hinweg _leider_ auf europäischer Bühne bedeutungslos gewordener Verein wieder aufzupäppeln - sicherlich nicht die schlechteste Wahl der Dortmunder. Watzke geht ins Risiko und ob er am Ende des Tages bejubelt oder geteert und gefedert wird, gilt es abzuwarten. Ich jedenfalls erhoffe mir weiterhin attraktiven Fußball aus dieser Ecke und hoffentlich eine spannende Meisterschaft, Kopf an Kopf mit den anderen, üblichen Verdächtigen. Gruß Levator
joe.micoud 06.06.2017
3.
Man war bereit für Favre 5.000.000 zu zahlen und jetzt soll Bosz die Wunschlösung sein? Das ist sehr unglaubwürdig. Bosz steht jetzt im Fokus. Einerseits ist er zweite Wahl, andererseits wurde ein erfolgreicher Trainer [...]
Man war bereit für Favre 5.000.000 zu zahlen und jetzt soll Bosz die Wunschlösung sein? Das ist sehr unglaubwürdig. Bosz steht jetzt im Fokus. Einerseits ist er zweite Wahl, andererseits wurde ein erfolgreicher Trainer gefeuert. Das sind schwere Hypotheken. Nur: Den arme Kerl kann ja nix dafür. Er ist daran ja nicht schuld. Sollte er Erfolg haben, ist bald Ruhe.Und ein Trainer, der auf junge Spieler und auf Offensive setzt, ist mir in der Bundesliga sehr recht.
sametime 06.06.2017
4. Probleme mit der Führung?
Er verlässt Ajax wegen Problemen mit der Führung? Hatte Tuchel die nicht auch? Und die Großmutter war Schalke-Fan. Oha, ich sehe schwarz für schwarz-gelb. :-)
Er verlässt Ajax wegen Problemen mit der Führung? Hatte Tuchel die nicht auch? Und die Großmutter war Schalke-Fan. Oha, ich sehe schwarz für schwarz-gelb. :-)
Sal.Paradies 06.06.2017
5. Im Detail nicht richtig
Nach dem was ich so erfahren habe gab es ausschließlich mit dem alten Trainerstab Probleme und Bosz sah sich wohl vom Vorstand nicht ausreichende gestützt. Aber weder der Vorstand noch der sportliche Leiter wollten Bosz los [...]
Zitat von sametimeEr verlässt Ajax wegen Problemen mit der Führung? Hatte Tuchel die nicht auch? Und die Großmutter war Schalke-Fan. Oha, ich sehe schwarz für schwarz-gelb. :-)
Nach dem was ich so erfahren habe gab es ausschließlich mit dem alten Trainerstab Probleme und Bosz sah sich wohl vom Vorstand nicht ausreichende gestützt. Aber weder der Vorstand noch der sportliche Leiter wollten Bosz los werden. Im Gegenteil wurde wohl in den letzten Tage versucht ihn umzustimmen bei Ajax zu bleiben...
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge!

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP