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Sport

Kölns DFB-Pokalgegner Lehe

Raus aus den Schulden

Der 1. FC Köln tritt in der ersten Runde des DFB-Pokals bei der Leher Turnerschaft an. Der kleine Klub aus Bremerhaven will mit dem Spiel das Image seiner Stadt aufpolieren - denn die gilt als Schuldenmoloch der Nation.

imago/ Nordphoto

Leher Turnerschaft

Von
Samstag, 12.08.2017   12:40 Uhr

Bei der Leher Turnerschaft wird man an diesem Freitagmittag doppelt begrüßt. Vor dem Nordseestadion, ein paar Spielfelder von der in die Nordsee fließenden Weser, stehen zwei Herren, die sich sehr ähnlich sehen. Der eine ist Volker Schmidt, Pressesprecher. Der andere ist sein Zwillingsbruder Rainer ("Mit a i!"), auch Medien. Die Brüder haben eine eigene Fernsehsendung mit dem wunderbar schlichten Namen "Regional Sport", die seit 13 Jahren jeden ersten Mittwoch im Bürgerrundfunk Radio Weser.TV läuft.

Mehr Sportkompetenz dürfte schwierig zu finden sein in dieser Stadt. Der bekommt morgen (15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: SKY) den Zirkus zu Besuch. Erste Runde DFB-Pokal, 1. FC Köln, 8119 Zuschauer, 80 Leute vom Fernsehen, 59 akkreditierte Journalisten. Na denn: Moin Moin!

Bevor es mit den Gebrüdern Schmidt und der größten Show ihres Lebens weitergeht, sollte man wissen, mit was für einem Ort man es hier zu tun hat. Lehe ist ein Stadtteil von Bremerhaven. Hier sollen, laut Schuldneratlas, die Menschen mit den prozentual meisten Schulden leben. Jeder Dritte steht im Minus.

Deshalb schickte das ZDF im Frühjahr 2017 die Dokumentare von "37 Grad" nach Lehe, und seitdem haben sie hier den Salat. Die ZDF-Kollegen verkündeten die gigantische Arbeitslosenquote von 38 Prozent, noch am Abend der Ausstrahlung am 12. Juni rief der Pressesprecher von Bremerhaven die zuständige ZDF-Redakteurin an und geigte ihr die Meinung. Die Arbeitslosigkeit läge bei 16,05 Prozent, das ist zwar immer noch mehr als doppelt so viel wie in Hamburg, aber wer schon am Boden liegt, der will nicht noch getreten werden. Doch da war es längst zu spät - und Lehe der Schuldenmoloch der Nation.

Sensationeller Sieg im Verbandspokalfinale

Die Leher Turnerschaft gibt es seit 1898 und damit ein Jahr länger als die TSG Hoffenheim. Die Fußballabteilung befindet sich auf dem Höhepunkt ihrer Geschichte, seit die erste Mannschaft im Verbandspokalfinale den Seriensieger Bremer SV mit 9:8 nach Elfmeterschießen bezwang. Umso erstaunlicher, da die Leher zuvor in der Bremen-Liga vom BSV schwer versohlt worden waren: 0:9 und 1:6. Die Abschlussfahrt führte die zu 90 Prozent aus Eigengewächsen bestehende Auswahl nach Köln - kurz darauf bekam man den Europa-League-Teilnehmer zugelost, was für eine Geschichte! Volker Schmidt kann noch viele davon erzählen, aber er muss jetzt die nächste große Story vorbereiten.

Wo kann man sich besser mit ihm und seinen Vereinskollegen über das Spiel, ihre Stadt und ihren Verein unterhalten als beim Aufbau der improvisierten Pressebühne in der ans Stadion anschließenden Turnhalle. Nebenan ist Kinderturnen. "Kannst ja nicht alles dicht machen, nur weil DFB-Pokal is'", sagt Rainer und muss aufpassen, dass er sich keinen Bruch hebt. Bei der nächsten Schlepperei braucht es noch einen vierten Mann, und der heißt Manfred Meier und ist Teil des vierköpfigen Präsidiums bei der Leher TS, Zuständigkeitsbereich: Organisation. Die Bühnenteile stehen im Innenraum des altehrwürdigen Nordseestadions. Meier ist wie alle anderen 17 Mitglieder des Organisationskomitees seit zwei Monaten im Einsatz, es war so viel zu tun. Denn der DFB-Pokal bringt ja nicht nur TV-Gelder und hohe Zuschauerzahlen, er kostet auch Zeit, Geld und viele Nerven.

Zu normalen Heimspielen kommen 200 Zuschauer

"Wir haben 15 Auflagen vom DFB bekommen", sagt Meier auf dem Weg Richtung Turnhalle, "unter anderem ein 80-seitiges Sicherheitskonzept. Man lernt eine Menge neuer Menschen kennen, wenn man so ein Spiel organisiert." Besonders die Sicherheitsauflagen des Verbands sind streng und streng genommen häufig sehr lästig für kleine Vereine wie Lehe. Weil es der DFB so will, musste der Auswärtsblock mit einem massiven Stahlzaun eingegrenzt werden, der strahlt jetzt da auf der rustikalen Gegentribüne wie ein Satz neuer Felgen am verrosteten Oldtimer. Zu normalen Heimspielen der Turnerschaft kommen 200 Zuschauer. Aber es muss nun mal so sein.

Die Blöcke sind jetzt nummeriert, die Schilder mit den Buchstaben A bis F mussten erst angebracht werden. Genau wie die auf Beton gemalten Notausgang-Hinweise, die Rollstuhlfahrer-Tribüne oder die Arbeitsplätze für die Kameramänner von Sky und ARD. 115.000 Euro bekommt jeder Gastgeber in der ersten Pokalrunde vom Fernsehen, dazu die Einnahmen von mehreren Tausend zahlenden Zuschauern. Doch auch da muss der Klub Abstriche machen. Schiedsrichter sind zu bezahlen, der Ordnungsdienst, die Stadionmiete und immerhin eine auf 7000 Euro festgezurrte Reisepauschale für den Gast. Zum Vergleich: Köln hat in diesem Sommer 16 Millionen Euro Ablöse für Jhon Córdoba bezahlt, der Angreifer hat in 51 Bundesligaspielen zehn Tore geschossen. Manchmal verzichten die Profiklubs nach dem Spiel auf diese Pauschale. Manchmal nicht.

Getty Images

Köln Jhon Córdoba

Wie viel Geld bleibt nun übrig? "Hoffentlich genug, um endlich die Kunstrasenanlage endgültig abzubezahlen", sagt Manfred Meier. Man darf sich da keine Illusionen machen, die meisten kleinen Vereine müssen die Geldspritze mit enormen Aufwandskosten verrechnen. "Das würde sich erst lohnen, wenn wir das Wunder schaffen", sagt Meier und meint einen Sieg gegen den Bundesligisten. Die gastgebenden Klubs der zweiten Runde im DFB-Pokal bekommen 338.000 Euro aus dem TV-Topf und eine DFB-geprüfte Spielstätte wäre ja dann vorhanden. Aber das ist natürlich Quatsch, die Chancen auf einen Erfolg des Fünftligisten sind verschwindend gering, Pressemann Volker Schmidt sagt: "Hauptsache, es wird nicht zweistellig."

Einnahmen und Ergebnis sind bei diesem Spiel sowieso zweit- und drittrangig. Lehe hat einen Ruf zu verlieren. Schlimmer noch: Die Einwohner haben einen schlimmen Ruf im Rest des Landes und wann böte sich eine bessere Gelegenheit zur Aufhübschung des kaputten Images, als wenn der Zirkus in der Stadt ist? Wer will, kann sich Lehe gegen Köln bei Sky komplett anschauen. Oder in der Sky-Pokalkonferenz. Oder später in der Sportschau. Kölns Präsident Werner Spinner gibt sich die Ehre, leider ist er nicht schon am Freitag angereist, Meier hätte ihn so gerne zum Essen eingeladen. Dazu knapp 2000 Kölner, von denen viele ganz bestimmt vom besonderen Flair des Stadions und vielleicht auch der Stadt Bremerhaven angetan sein werden. "Dann sind wir wieder wer", sagt Rainer Schmidt und meint das nicht ganz ernst. Aber ein bisschen.

Für Fußball stand Bremerhaven noch nie

Ein bisschen sind sie nämlich jetzt in Bremerhaven stolz auf diesen Verein und diese Mannschaft, die den 1. FC Köln, den DFB und seine 15 eigenen Gesetze hierher gelockt haben. Bremerhaven hat zwei Erstligisten, aber die spielen Eishockey ("Fischtown Pinguins") und Basketball ("Eisbären"), früher waren sie mal groß im Tennis und Tanzen, aber im Fußball noch nie. Die Liebe verteilt sich hier auf Werder Bremen und den Hamburger SV. Vielleicht verknallt sich ja jetzt jemand in Lehe. Nicht, weil Liebe blind macht, denn so furchtbar ist Lehe gar nicht.

Fiona Steller, eine junge Mutter mit blonden Dreadlocks, die in zwei Wochen Frau Brinker heißen wird, wohnt jetzt zwar im nahe gelegenen Stadtteil Mitte, verteidigt Lehe aber resolut: "Wenn das schon als Getto gilt, dann ist es ein sehr schönes Getto." Der Migrationsanteil ist hoch, und ja, auch die Arbeitslosigkeit. Aber weder das eine noch das andere muss ja bedeuten, dass es sich hier nicht angenehm leben lässt. Mit Fußball hat die zukünftige Frau Brinker eigentlich nichts am Hut, aber das mit dem Leher TS und den Kölnern mache sie tatsächlich ein wenig stolz.

Dafür ist der Fußball doch eigentlich da. Um die Menschen zusammen zu bringen, um sie einander vorzustellen, um Grenzen zu überwinden und Brücken zu bauen. Nicht um 222 Millionen Euro für einen Spieler aufzubringen oder ähnliche Perversitäten. Ob das auch die Fußballer aus Köln denken, die da in ihrem gläsernen Hotelturm auf den Start der neuen Saison warten?

Die Sonne verabschiedet sich als orange-glühender Feuerball hinter der Nordsee und taucht die angeblich so graue Stadt in gleißendes Licht. Die Profis dürften von da oben einen fantastischen Ausblick haben.

insgesamt 1 Beitrag
hammam 12.08.2017
1. Schön!
Gelungene kleine Fußball-Reportage! Zirkus ruut-wieß - das trifft es! Sie hätten vielleicht noch erwähnen sollen, dass den Kölner Profis im Glasturm vermutlich die Muffe vor einer möglichen Blamage geht, während die Jungs [...]
Gelungene kleine Fußball-Reportage! Zirkus ruut-wieß - das trifft es! Sie hätten vielleicht noch erwähnen sollen, dass den Kölner Profis im Glasturm vermutlich die Muffe vor einer möglichen Blamage geht, während die Jungs aus 'Fischtown' einfach nur heiß wie Frittenfett auf das Spiel sind ... Fish and Chips mit eingelegtem Geißbock - Guten Appetit!

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DFB-Pokalsieger seit 1990

Jahr Sieger
2016 FC Bayern München
2015 VfL Wolfsburg
2014 FC Bayern München
2013 FC Bayern München
2012 Borussia Dortmund
2011 FC Schalke 04
2010 FC Bayern München
2009 Werder Bremen
2008 FC Bayern München
2007 1. FC Nürnberg
2006 FC Bayern München
2005 FC Bayern München
2004 Werder Bremen
2003 FC Bayern München
2002 FC Schalke 04
2001 FC Schalke 04
2000 FC Bayern München
1999 Werder Bremen
1998 FC Bayern München
1997 VfB Stuttgart
1996 1. FC Kaiserslautern
1995 Borussia Mönchengladbach
1994 Werder Bremen
1993 Bayer Leverkusen
1992 Hannover 96
1991 Werder Bremen
1990 1. FC Kaiserslautern

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