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Dortmund vor dem CL-Start

Wer ist hier der Bosz?

Die Spieler des BVB haben das System ihres Trainers Peter Bosz verinnerlicht - das wird auch das Spiel gegen Tottenham zeigen. Dabei könnte der dogmatische Ansatz des Niederländers langfristig zu Problemen führen.

Foto: AP
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Mittwoch, 13.09.2017   15:56 Uhr

Als José Mourinho im vergangenen Mai mit Manchester United seinen insgesamt vierten internationalen Titel als Fußballtrainer gewann, wurde er von seinem Gegenüber ob der Spielweise seines Teams kritisiert. Das Finale der Europa League sei "langweilig" gewesen, weil Manchester nur lange Bälle gespielt habe und Ajax Amsterdam deshalb nicht zu seinem Spiel gekommen sei. Der Ajax-Coach hieß Peter Bosz, der noch auf seinen ersten großen Titel als Trainer wartet. Mittlerweile ist der 53-Jährige zu Borussia Dortmund weitergezogen, heute feiert er gegen Tottenham sein Debüt in der Champions League.

Pragmatiker Mourinho konnte über die Bemerkung des Kontrahenten nur lächeln. "Im Fußball gibt es viele Dichter", sagte der Portugiese der "Times", "aber Dichter gewinnen keine Titel." Der neue Dortmund-Trainer ist der Gegenentwurf zu Mourinho. Dogmatisch, inspiriert von Johan Cruyff, fasziniert von schönem Fußball - und von seiner Spielidee so sehr überzeugt, dass er nicht davon abweichen möchte.

Der sportliche Start, abseits des Wirbels um Ousmane Dembélé, verlief verheißungsvoll. Nach einer durchwachsenen Vorbereitung, einer Niederlage gegen die Bayern im Supercup und einem Pflichtsieg im DFB-Pokal folgten drei ungeschlagene Spiele in der Bundesliga - inklusive Tabellenführung. Die Spieler des BVB scheinen den Pressing-Ansatz von Bosz immer besser zu verinnerlichen, dafür kranken noch andere Aspekte des Dortmunder Spiels: Das 0:0 beim SC Freiburg war allerdings von bemerkenswerter spielerischer Armut begleitet.

Bosz will dominieren

Gegen Tottenham, in der Gruppe mit Real Madrid wohl der direkte Konkurrent um Platz zwei, ist ein völlig anderes Spiel zu erwarten. Freiburg hatte sich nach der Roten Karte gegen Yoric Ravet mit allen Feldspielern zurückgezogen, mit zwei eng beieinander stehenden Abwehrriegeln agiert und die Teilnahme am Spiel nahezu komplett verweigert. Die Spurs wiederum wollen selbst den Ball haben, sind um spielerische Lösungen bemüht - und werden den Dortmundern Räume bieten, die es in Freiburg nicht gab.

Und dann kommen die Dinge zum Tragen, die Bosz seiner Mannschaft bereits erfolgreich vermittelt hat. Nach zwei Jahren unter Thomas Tuchel, der verschiedene Systeme spielen ließ und häufig innerhalb einer Partie taktische Anpassungen vornahm, gibt es nun eine klare Idee: Der 53 Jahre alte Niederländer lässt im 4-3-3 spielen, er will, dass der Ball möglichst lange in den eigenen Reihen gehalten wird und bei Ballverlust sofort ein hohes und laufintensives Gegenpressing einsetzt. Eine Spielweise, die an die Jahre unter Tuchels Vorgänger Jürgen Klopp erinnert.

Mit dieser Mischung dominierte der BVB die ersten drei Bundesligapartien, hatte durchschnittlich 73 Prozent Ballbesitz und setzte Wolfsburg, Hertha BSC und Freiburg im eigenen Angriffsdrittel zumindest phasenweise so unter Druck, wie Bosz es sehen will. Positiver Nebeneffekt: Die Borussia ließ in den drei Spielen nur sieben Schüsse auf das eigene Tor zu und kassierte kein Gegentor. Bisher stimmt die Balance, der erste wirkliche Härtetest für die Defensive folgt allerdings nun gegen die Spurs.

Wieder Probleme gegen tief stehende Gegner

Erinnerungen an Klopp werden in Dortmund aber nicht nur wegen des Pressings wach. Das Remis in Freiburg hat, wie im letzten BVB-Jahr des heutigen Liverpool-Trainers gezeigt, was eine destruktive Spielweise des Gegners anrichten kann. Ohne schnelle Ballgewinne fehlte in der insgesamt zu langsamen Ballzirkulation der Dortmunder die Tiefe, es gab zu viele Flanken, dagegen kaum gefährliche Weitschüsse und nach den Abgängen von Dembélé und Emre Mor fehlt im Kader des BVB ein Spieler, der in Eins-gegen-eins-Situationen Abwehrreihen aufreißen kann. Zur Erinnerung: Marco Reus fällt noch bis tief in den Winter mit einem Kreuzbandriss aus.

Den Kader, mit dem Bosz nun arbeiten muss, haben andere zusammengestellt. Ömer Toprak und Mahmoud Dahoud waren Wunschspieler von Tuchel und wurden bisher wenig eingesetzt. Maximilian Philipp kam fast zeitgleich mit dem Trainer und bei Andrey Yarmolenko ist bekannt, dass die Dortmunder schon lange interessiert waren und nach Dembélés Abgang im dritten Versuch zuschlugen. Als Bosz kurz vor Yarmolenkos Verpflichtung über den ehemaligen Ajax-Stürmer Kasper Dolberg als Option sprach, wurde es vom BVB im Nachhinein als Missverständnis dargestellt.

Die vergangene Transferperiode ist nicht nur als Erfolg zu werten. Dortmunds Kader wirkt mit 28 Spielern zu groß, Bosz wird deshalb in Zukunft als Moderator gefragt sein. Im Mittelfeld gibt es mit Nuri Sahin, Julian Weigl, Dahoud, Gonzalo Castro, Sebastian Rode, Shinji Kagawa und Mario Götze sieben Profis mit Stammplatzambitionen, im Dreierangriff wird es nach der Rückkehr der verletzten André Schürrle und Reus ähnlich eng. Um keinen Unmut aufkommen zu lassen, würden am besten Erfolge helfen. Vielleicht kann sich Bosz bei Mourinho ja ein paar Tipps holen.

insgesamt 1 Beitrag
phrasenmaeher 13.09.2017
1. Fußallunterhaltung oder Unterhaltung von Fußballern?
Sollen die Spieler nun sportlich erfolgreich sein, oder ist der Trainer eher dazu da, diese um ihrer selbst Willen bei Laune zu halten? Man braucht selbst als Berufskicker kein übermäßiges Verständnis der Mathematik um zu [...]
Sollen die Spieler nun sportlich erfolgreich sein, oder ist der Trainer eher dazu da, diese um ihrer selbst Willen bei Laune zu halten? Man braucht selbst als Berufskicker kein übermäßiges Verständnis der Mathematik um zu begreifen, dass nur 11 Spieler auf dem Platz stehen können. Bedeutet im Umkehrschluss, dass je nach Größe des Kaders weitere 11 bis 17 Spieler zunächst draußen bleiben. Gehen wir jetzt mal von einem vorhandenen Leistungsprinzip aus, bedeutet dies ferner, dass der eine oder andere Spieler einfach schlechter ist als sein mannschaftsinterner Konkurrent - und deshalb keine Berücksichtigung findet. Genau das gehört dann wohl zum Berufsbild "Fusball-Profi". Für die persönliche Bespaßung haben die zu kurz Gekommenen neben ihren Millionengehältern, die sie dennoch beziehen, auch noch ihre Playsi, ihre Sportwagen, ihre Spielerfrauen, ihre Immobilien, und, und, und. Da braucht es streng genommen nicht noch einen Trainer, der ihnen seelischen Beistand leistet, weil andere gerade beim Bolzen einfach besser sind als sie selbst? Sie haben die ganze Woche über Training, um sich für einen Einsatz zu empfehlen. Und dann noch englische Wochen, Rotation, etc. Hach, schon hart, so ein Fusballer-Leben.

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2009 FC Barcelona
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2007 AC Mailand
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2004 FC Porto
2003 AC Mailand
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2001 FC Bayern München
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