Schrift:
Ansicht Home:
Sport

Teamkrise beim FC Bayern

Bis die Fetzen flogen

Ein engagiertes Spiel zum Champions-League-Auftakt hätte dem FC Bayern viel Ruhe beschert. Trotz des 3:0-Siegs gegen Anderlecht ist aber nichts besser geworden. Franck Ribéry eröffnete die nächste Baustelle.

Foto: Getty Images
Aus München berichtet Christoph Leischwitz
Mittwoch, 13.09.2017   10:35 Uhr

Schon vor dem Anpfiff war der Wurm drin. Beim Verlesen der Startelf lagen Stadionsprecher und Videoleinwand mehrere Sekunden auseinander, sodass die Fans gar nicht mehr wussten, welchen Nachnamen sie nun rufen sollten. Während des Spiels passierte es bei Auswechslungen gleich zweimal, dass auf der Tafel des vierten Offiziellen falsche Zahlen standen. Als etwa Thomas Müller mit der Rückennummer 25 an der Seitenlinie bereitstand, wurde die 29 für Kingsley Coman angezeigt.

Diese kleinen Pannen bildeten den passenden Rahmen für das Bild, dass die sonst so souveränen Bayern auch auf dem Platz abgaben. Auf dem Papier war alles in Ordnung: Ein 3:0 zum Auftakt in die Champions League gegen den RSC Anderlecht ist ziemlich genau das, was man vom FC Bayern erwarten durfte. Auch dass Anderlecht, aktuell gerade mal Zehnter der belgischen Tabelle, nach der frühen Roten Karte für Sven Kums (11. Minute) trotz Unterzahl zwei Riesenchancen auf den zwischenzeitlichen Ausgleich hatte, war letztlich noch das kleinere Problem. Das viel größere war, dass die elf Bayern auf dem Platz schlicht keine Mannschaft waren.

Es rumort gewaltig. Und ausgerechnet an jenem Abend, an dem sich die internationale Konkurrenz um den Champions-League-Titel mit Lust und Laune warmschießt - Gruppengegner Paris Saint-Germain etwa gewann 5:0 in Glasgow - gaben sich die Spieler nicht einmal mehr Mühe, ihre internen Streitigkeiten zu verbergen. Mitten auf einem Spielplatz mit 70.000 Zuschauern. Es war ein Auftritt, der nicht einmal das Prädikat FC Hollywood verdient hatte. Eher schon: FC Kindergarten.

Drei Treffer, aber wenig Tempo im Spiel

Die Risse in der Mannschaft wurden durch viele kleine Details deutlich. An den meisten Szenen war Robert Lewandowski beteiligt, der mit seinem vom Verein nicht autorisierten Interview im SPIEGEL für internen Gesprächsbedarf an der Säbener Straße gesorgt hatte. Zunächst entschied der Pole mit einem schnellen Antritt das Spiel zugunsten der Bayern. Er holte einen Elfmeter heraus und provozierte den Platzverweis. Als er den anschließenden Strafstoß verwandelte, jubelte er allerdings ziemlich alleine.

Umgekehrt jubelte der Pole dafür auch nicht mit Thiago oder Kimmich, als diese die beiden weiteren Treffer des Abends erzielten (65., 90.) - Kimmich übrigens traf nach Zuspiel von Jérôme Boateng, der nach seiner langwierigen Oberschenkelverletzung erstmals nach knapp vier Monaten wieder zum Einsatz kam. Es hätte also durchaus Grund gegeben, einander zu gratulieren oder mal kurz abzuklatschen. Doch Lewandowski drehte beide Male ab.

In der 72. Minute hatte sich Lewandowski auf der linken Seite freigespielt, vertändelte aber vor einer möglichen Hereingabe den Ball. Arjen Robben hätte in der Mitte freigestanden. Entgeistert blickte der Holländer Lewandowski an, doch dieser drehte sich weg und ging so einer Diskussion aus dem Weg. Robben ging dann noch zu Franck Ribéry und erzählte ihm, dass Lewandowski ihn nicht angespielt hatte. Auch Richtung Bank äußerte er seinen Unmut.

Fotostrecke

Bayerns Start in die Königsklasse: Arbeitssieg, keine Fußballparty

Später sagte Robben: "Mit allem Respekt, nach der Roten Karte musst du die aus der Arena schießen." Damit meinte er den Gegner Anderlecht, doch eigentlich war es eine Kritik am eigenen Team. Tempo und Lust hätten gefehlt, um viele Tore zu machen. "Da müssen wir uns alle hinterfragen." Denn man dürfe schon auch kritisch sein zurzeit. Vor allem aber müsse man zusammenhalten. "Das gilt nicht nur für Lewi, wir müssen weniger reden und es auf dem Platz zeigen", so der Niederländer in Anspielung auf Lewandowskis Interview.

"Das darf nicht passieren beim FC Bayern München"

Und dann war da noch der kindische Auftritt von Franck Ribéry. Als er ausgewechselt wurde, ließ er sich zunächst eine demonstrative Minute lang Zeit, vom Feld zu schreiten. Vor der Bank würdigte er dann Trainer Carlo Ancelotti keines Blickes, zog sein Trikot aus und warf es wutentbrannt auf den Sessel. Selbst der bislang nicht gerade als autoritärer Gruppenleiter aufgefallene Sportdirektor Hasan Salihamidzic war nach dieser Aktion sofort zu Ribéry gegangen, später fand er klare Worte: "Das darf nicht passieren beim FC Bayern München."

Ancelotti sagte: "Ich verstehe seine Reaktion nicht." Er habe den Franzosen nur ausgewechselt, weil dieser schon Gelb gesehen hatte und am Sonntag nicht hatte trainieren können. "Ich muss ihn fragen", merkte Ancelotti an. Womöglich wird ja beim FC Bayern zurzeit auch gar nicht zu viel, sondern zu wenig miteinander geredet.

Niklas Süle, der etwas überraschend statt Mats Hummels in der Startelf stand, sagte später noch: "Die Stimmung in der Mannschaft ist überragend." Außerdem sei Ribéry eben ein Spaßvogel, man dürfe seinen Aussetzer nicht so ernst nehmen. Und das Spiel der Bayern gegen Anderlecht fand der Bayern-Neuling auch gut. Auch hier waren sich die Spieler alles andere als einig. Robben sagte mit einem Lächeln, jeder dürfe ja seine Meinung haben.

insgesamt 90 Beiträge
spon_2937981 13.09.2017
1. Argumente
Es gab exakt zwei Argumente FÜR die Verpflichtung Ancelottis: 1. die Top-Form seiner Teams im Frühjahr 2. die gute Stimmung in seinen Teams, trotz vieler Stars und großer Egos Argument 1 wurde in der Rückrunde schon [...]
Es gab exakt zwei Argumente FÜR die Verpflichtung Ancelottis: 1. die Top-Form seiner Teams im Frühjahr 2. die gute Stimmung in seinen Teams, trotz vieler Stars und großer Egos Argument 1 wurde in der Rückrunde schon widerlegt. Argument 2 wird in diesen Tagen widerlegt. Aktuell spricht NICHTS dafür, weiter an Ancelotti festzuhalten.
comfortzone 13.09.2017
2. Ancelotti muss weg
... dann stimmt's auch wieder im Mannschaftsgefüge. Jeder der Spieler über die er verfügt, hat ein unglaubliches Potential - er kann es aber nicht abrufen. Außerdem fehlt ihm völlig so etwas wie ein modernes und flexibles [...]
... dann stimmt's auch wieder im Mannschaftsgefüge. Jeder der Spieler über die er verfügt, hat ein unglaubliches Potential - er kann es aber nicht abrufen. Außerdem fehlt ihm völlig so etwas wie ein modernes und flexibles Spielsystem ---- im Prinzip fehlt ihm chon ein Plan. Er spielt unbeirrt seinen 4-3-3-Stiefel und hofft, dass es gut geht. Alternativen kennt er nicht. Allein diese sture Spiel über die Flanken. Man sehnt fast einen Pep Guardiola herbei - seit dessen Abgang ist die komplette Spielkultur verloren gegangen.
ptb29 13.09.2017
3. Ribery ist immer sauer, wenn er raus muss
Daraus aber einer Bayernkrise herauszuschreiben, ist weit hergeholt. Bayern hat in der Championsleague 3:0 gewonnen. Was erwartet man zu Beginn der Saison? Aus welchem Grund wird so getan, als wäre alles außer einer Fußballgala [...]
Daraus aber einer Bayernkrise herauszuschreiben, ist weit hergeholt. Bayern hat in der Championsleague 3:0 gewonnen. Was erwartet man zu Beginn der Saison? Aus welchem Grund wird so getan, als wäre alles außer einer Fußballgala eine existenzbedrohende Krise des Vereins? Besonders mit aus dem Zusammenhang gerissenen Sätzen der Spieler wird hier etwas nicht vorhandenes konstruiert.
wedding13347 13.09.2017
4. Bayern-Aus ?
So wird das nix mit der Champions League. Und auch in der BL werden die Gegner lachen über die Selbstzerstörung des FCB. Aber die Großkopferten haben ja alles unter Kontrolle - und dabei alles flasch gemacht: inkompetenter [...]
So wird das nix mit der Champions League. Und auch in der BL werden die Gegner lachen über die Selbstzerstörung des FCB. Aber die Großkopferten haben ja alles unter Kontrolle - und dabei alles flasch gemacht: inkompetenter Sportdirektor, falsche Einkäufe, schlechten Trainer...
ge1234 13.09.2017
5. Klasse, gelle,...
... wie man Krisen künstlich herbei reden und sich dann genüßlich daran ergötzen und darin suhlen kann! Zum Spiel selbst: 3:0, berücksichtigt man das zu Unrecht nicht gegebene Tor von Süle sogar 4:0, im ersten [...]
... wie man Krisen künstlich herbei reden und sich dann genüßlich daran ergötzen und darin suhlen kann! Zum Spiel selbst: 3:0, berücksichtigt man das zu Unrecht nicht gegebene Tor von Süle sogar 4:0, im ersten CL-Gruppenspiel deutet jetzt nicht gerade auf eine Krise hin. Anderlecht hatte mit dem Pfostenschuß genau eine Chance, die aber auch eher dem Zufall als dem Spiel entsprang und war ansonsten komplett abgemeldet. James ist auf einem guten Weg, sich in die Mannschaft zu integrieren und Ribéry, ja mei, ist halt Ribéry. Schön, wenn ein solcher Spieler auch mit 34 in einem bereits gewonnen Spiel noch vor Ehrgeiz brennt. Andere gehen mit 20 schon nicht mehr ins Training, weil ihnen irgend etwas nicht passt. Aber wen interessiert das schon, wenn die "Krise" doch so viel mehr hergibt.

Verwandte Artikel

Verwandte Themen

Sieger Uefa Champions League

Jahr Verein
2017 Real Madrid
2016 Real Madrid
2015 FC Barcelona
2014 Real Madrid
2013 FC Bayern München
2012 FC Chelsea
2011 FC Barcelona
2010 Inter Mailand
2009 FC Barcelona
2008 Manchester United
2007 AC Mailand
2006 FC Barcelona
2005 FC Liverpool
2004 FC Porto
2003 AC Mailand
2002 Real Madrid
2001 FC Bayern München
2000 Real Madrid
1999 Manchester United
1998 Real Madrid
1997 Borussia Dortmund
1996 Juventus Turin
1995 Ajax Amsterdam
1994 AC Mailand
1993 Olympique Marseille

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP