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Sport

BVB-Gegner Tottenham

Der Fluch von Wembley

Für die meisten Teams ist es eine Ehre, im Wembley-Stadion spielen zu dürfen. Für Tottenham Hotspur, Gegner von Borussia Dortmund, ist die derzeitige Heimat aber eher eine Last - es ist wie verhext.

Getty Images
Von Raphael Honigstein, London
Mittwoch, 13.09.2017   18:38 Uhr

Trainer Ron Saunders ließ Mitte der Achtzigerjahre Kruzifixe an den Flutlichtmästen im St. Andrews-Stadion anbringen, Nachfolger Barry Fry urinierte eine Dekade später an die vier Eckfahnen. Doch es half alles nichts: Birmingham City FC wurde die bösen Geister nicht los, die andere gerufen hatten.

Der Legende nach hatten die Blues 1906 vor dem Stadionneubau eine Gruppe Roma von ihrer angestammten Lagerstätte vertrieben. Diese sollen sich mit einem fürchterlichen Fluch gerächt haben: Die nächsten 100 Jahre sollten Pech und Pleiten über den Klub kommen. Birmingham spielte zwar einige Jahrzehnte einigermaßen erfolgreich in der ersten Liga, kämpfte jedoch weiter fest gegen die dunkle Kraft der Verwünschung. 2016, selbst zehn Jahre nach Ablauf der vermeintlichen Verfemung, besprinkelte ein Polsterer im Auftrag des Zweitligisten die neuen Trainerbank-Sitze im St. Andrews mit Weihwasser. Man kann ja nie wissen.

So schlimm ist es bei Tottenham Hotspur noch nicht. Der Klub, am Abend Gegner von Borussia Dortmund in der Champions League (Anpfiff 20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE), trägt in dieser Saison alle Heimspiele auf dem berühmtesten Rasen der Fußballgeschichte aus. Das eigene Stadion an der White Hart Lane, in dem man zuletzt 17 von 19 Spielen gewann, wird gerade neu gebaut. In der Übergangsheimat will es aber so gar nicht laufen. Zwölf Mal sind die Spurs seit der Neuerrichtung der Beton- und Stahlschüssel vor zehn Jahren im Wembley-Stadion angetreten, nur zwei Spiele davon konnten sie gewinnen.

"Es war ein Alptraum für uns"

Noch gilt bei den Nordlondonern die offizielle Sprachregelung, wonach sich bei den auffallend schlechten Ergebnissen höchstens um einen "Wembley-Effekt" (Trainer Mauricio Pochettino) handele und noch nicht um das Werk höherer Mächte.

Vor dem schwierigen Match gegen Dortmund ist die Gefahr allerdings nicht unerheblich, dass sich der Trend verselbstständigt und die Spieler irgendwann glauben, es gäbe den von den britischen Zeitungen Tag für Tag neu beschworene "Fluch von Wembley" wirklich. Zum Saisonauftakt gegen Chelsea verlor man dort 1:2, Abstiegskandidat Burnley entführte beim schmerzhaften 1:1 daraufhin auch einen Punkt.

Schon die Nachbarn vom FC Arsenal hatten als Untermieter im Nationalheiligtum große Probleme. Die Gunners trugen 1998/1999 und 1999/2000 ihre Champions-League-Spiele im damals alten Wembley aus, um die Einnahmen zu maximieren - und flogen mit drei Niederlagen und einem Unentschieden in den sechs Heimspielen beide Male frühzeitig aus dem Wettbewerb. "Es war ein Alptraum für uns, wir kamen überhaupt nicht zurecht", sagte Coach Arsène Wenger. "Der Platz war größer, das Stadion ganz anders, für unsere Spieler war das sehr ungewöhnlich. Wir waren aus dem Highbury einen engen Platz gewöhnt. Im Wembley sind uns die Gegner einfach weggelaufen."

Die Spurs betreiben unter dem Argentinier Pochettino ein äußerst laufaufwändiges Spiel (114 Kilometer pro Spiel in der Saison 2016/2017) mit sehr systematischem Pressing, das sich auf dem Spielfeld an der Lane (100 mal 67 Meter) besser umsetzen ließ als in den Weiten vom Wembley, dem größten Feld des Landes mit 105 mal 68 Meter Ausmaß. Auch wenn die Unterschiede zunächst nicht so gewaltig klingen, sind es doch 440 Quadratmeter, die die Teams in Wembley mehr zu bearbeiten haben.

Dortmunder Erfahrung mit dem "Wembley-Fluch"

So weit die schnöden Zahlen, bestimmt nicht unwichtiger ist beim Thema Wembley der Mythos. Gastmannschaften könne es beflügeln, in diesem vielleicht berühmtesten Fußballstadion der Welt zu spielen. Chelseas Torhüter Thibaut Courtois sagte nach dem Sieg seiner Mannschaft im Derby im August: "In so einem Stadion will man noch besser sein als sonst, man kann über sich hinauswachsen. Teams, die hierher kommen, sind nicht beeindruckt von der Kulisse, sondern inspiriert."

Arsenal-Verteidiger Martin Keown hatte vor knapp 20 Jahren die gleiche Erfahrung gemacht. "Ich sah, dass Fiorentinas Stürmer Gabriel Batistuta vor dem Spiel lächelnd im Kabinengang stand und unbedingt ein Tor im Wembley schießen wollte", berichtete der ehemalige Nationalverteidiger Jahre später. Battistuta erzielte damals tatsächlich den Siegtreffer der Italiener.

Hinzu kommt die Schwierigkeit der Tottenham-Fans, im weitläufigen Wembley eine ähnlich heiße Stimmung wie in der liebevoll rostigen Wellblech-Rumpelkiste an der White Hart Lane zu erzeugen. "Die Leute saßen dir da im Nacken und der Lärm blieb unterm Dach", sagte Ex-Spurs-Flügelstürmer Gareth Bale, der am 1. November als Spieler von Titelträger Real Madrid in die britische Hauptstadt zurückkommt.

Der statistisch gesehen ohnehin seit Jahren zurückgehende Heimvorteil scheint für Tottenham noch viel kleiner zu sein, weil sich weder Mannschaft noch Anhang im Exil richtig heimisch fühlen. Fernab von Nordwest-London hat man saisonübergreifend die vergangenen Partien überzeugend gewonnen.

Vielleicht sollten es die Spurs mit einem kleinen Autosuggestions-Trick versuchen und das Match gegen Dortmund als imaginäre Auswärtsmannschaft antreten, um so den vermeintlichen Fluch elegant an die Besucher aus Deutschland abzugeben. Die Borussen waren 2013, beim verlorenen Champions-League-Finale gegen den FC Bayern, offiziell als Heimelf.

insgesamt 2 Beiträge
joe.micoud 13.09.2017
1.
Na ja, wie ja erst im letzten Satz kurz angemerkt, ist Wembley vor allem für Dortmund das definitive Trauma. Finalniederlage im wichtigsten Spiel überhaupt und dann noch gegen den Erzfeind, gar in der letzten Minute und dann [...]
Na ja, wie ja erst im letzten Satz kurz angemerkt, ist Wembley vor allem für Dortmund das definitive Trauma. Finalniederlage im wichtigsten Spiel überhaupt und dann noch gegen den Erzfeind, gar in der letzten Minute und dann auch noch durch den verhassten Robben. Schlimmer geht es einfach nicht. Es wird interessant heute beim ersten Endspiel um Platz zwei. Freue mich darauf.
gnarze 13.09.2017
2. Unfassbar schlecht
Fazit zur 60 Minute - ein solche unfassbar schlechte Abwehr ist nicht mal EuroLeague-Reif , inklusive des Torwartes. Da bekommt Dortmund doch echte Grenzen aufgezeigt und Real wartet noch. Man muss also mit Nikosia um Platz 3 [...]
Fazit zur 60 Minute - ein solche unfassbar schlechte Abwehr ist nicht mal EuroLeague-Reif , inklusive des Torwartes. Da bekommt Dortmund doch echte Grenzen aufgezeigt und Real wartet noch. Man muss also mit Nikosia um Platz 3 kämpfen und jetzt ein Debakel vermeiden.

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