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Sport

BVB-Niederlage bei Tottenham

Zu lieb

Borussia Dortmund spielte in London nicht schlecht, hatte der Wucht von Gegner Tottenham aber wenig entgegenzusetzen. Der Selbstfindungsprozess des neuen BVB und seines Trainers steckt noch in der Frühphase.

Foto: Getty Images
Aus London berichtet
Donnerstag, 14.09.2017   09:40 Uhr

Der Gang von Mario Götze von der Kabine zum BVB-Mannschaftsbus war eine hübsche Schlussszene für diesen schmerzlichen Abend, den die Dortmunder in London erlebt hatten. Der Fußballprofi hielt sich in Tücher gewickeltes Eis vor den Mund, murmelte nur ein "Mrgmmmh" und verschwand im Londoner Herbst. "Nicht mehr alle Zähne sind noch auf der richtigen Position", berichtete Trainer Peter Bosz später, Götze suchte noch in der Nacht einen Zahnarzt auf.

Der BVB hatte am Ende ganz schön Prügel bekommen, 1:3 (1:2) verlor der Klub sein Auftaktspiel zur neuen Champions-League-Saison bei Tottenham Hotspur. Götzes lädierter Mund, den er sich in einem Zweikampf mit Jan Vertonghen zugezogen hatte, hatte da eine gewisse Symbolkraft: Die imposante Robustheit der Engländer war ein entscheidender Faktor für den Ausgang der Partie. Wenn die Angreifer Heung Min Son oder Harry Kane Fahrt aufnahmen, wenn Eric Dier oder Moussa Dembélé ihre kraftvollen Körper einsetzten, wirkten die Dortmunder mitunter wie Jugendspieler. "Bei den Gegentoren waren wir zu lieb", sagte Bosz.

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Vertonghen trifft Götze

Zwar hätte man nach den harten Zweikämpfen zwischen dem sehr starken Kane und Sokratis und etwas später mit Nuri Sahin vor dem zweiten Treffer womöglich auch einen Freistoß für Dortmund pfeifen können, aber in diesem Fall wurde der stärkere Wille der Engländer belohnt. "Vielleicht hätte ich den Ball ins Aus spielen müssen, aber ich wollte das Foul ziehen", sagte Sahin nach seinem verlorenen Zweikampf. Der erfahrene Mittelfeldspieler hatte gezockt und sich für die falsche Aktion entschieden.

"Dortmund hatte viele Spielanteile, wir waren kaltblütig vor dem Tor", fasste Spurs-Trainer Mauricio Pochettino eine Partie zusammen, die deutlich zeigte, an welchem Mannschaftsteil Trainer Bosz besonders viel Entwicklungsarbeit verrichten muss. Die Stürmer Christian Pulisic, Pierre-Emerick Aubameyang und Andrij Jarmolenko (dem ein wunderschönes Tor gelang) spielten solide. In der Defensive hatten Ömer Toprak und Sokratis zwar keinen guten Tag und begünstigten die Tore durch individuelle Fehler, aber die große Baustelle ist das Dreiermittelfeld im 4-3-3-System.

In den drei bislang absolvierten Bundesligapartien in Wolfsburg, gegen Berlin und in Freiburg war dieser Mannschaftsteil jeweils mit Sahin, Götze und Gonzalo Castro besetzt, gegen Tottenham standen nun zur Überraschung vieler Beobachter Mahmoud Dahoud und Shinji Kagawa auf den beiden Positionen vor Sahin in der Startelf. Diese Kette trug einerseits zum kultivierten Ballbesitz bei, den der BVB mitunter hatte, aber auch zur Imbalance, die nach Ballverlusten immer wieder entstand. Dass Bosz vor so einem wichtigen Spiel einen derart gravierenden Eingriff im Zentrum vorgenommen hat, deutet klar daraufhin, dass er hier noch nach wirklich überzeugenden Konstellationen sucht.

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Dortmunds Pleite bei Tottenham: Ausgekontert

In London wurde besonders deutlichen, wie dringend diese Mannschaft Julian Weigl braucht, der mit seinem Stellungsspiel, aber auch mit seinen klaren und temporeichen Pässen ein zwar unauffälliger, aber sehr kostbarer Stabilitätsfaktor ist. Sahin hat gute Momente, doch er verlangsamt das Spiel häufig und verliert entscheidende Zweikämpfe. Eine gefährliche Mischung. Dieser Abend zeigte, warum Sahin nur eine Nebenrolle bei Thomas Tuchel spielte.

Unter dem im Mai entlassenen Tuchel wirkte die Defensive mitunter auch instabil, aber es war immer eine große Aufopferungsbereitschaft erkennbar. Dass ein Gegner wie Tottenham den Dortmundern nun genau in diesem Punkt überlegen war, ist kein gutes Zeichen.

Nach einer Saison, die viele intime Einblicke in das Seelenleben des Klubs gegeben hat, sind die BVB-Bosse nun erkennbar darum bemüht, Diskussionen an der Oberfläche zu halten. Der Hauptgrund für diese Niederlage sei die Leistung der Schiedsrichter gewesen, sagte Michael Zorc also trocken, "die hatten nicht das Niveau der Spielpaarung". Der Sportdirektor ärgerte sich über die strittigen Zweikämpfe vor dem 1:2 und darüber, dass ein reguläres Tor von Pierre-Emerick Aubameyang zum 2:2 wegen einer nicht vorhandenen Abseitsstellung abgepfiffen worden war.

Das ändert aber nichts daran, dass Tottenham der verdiente Sieger dieses unterhaltsamen Spiels war, und dass der neue BVB erst sehr langsam erkennbar wird.

Tottenham Hotspur - Borussia Dortmund 3:1 (2:1)
1:0 Son (4.)
1:1 Jarmolenko (11.)
2:1 Kane (15.)
3:1 Kane (60.)
Tottenham: Lloris - Alderweireld, Sánchez, Vertonghen - Aurier, Dembélé, Dier, Davies - Son (83. Sissoko), Eriksen - Kane (87. Llorente)
BVB: Bürki - Piszczek, Sokratis, Toprak (80. Zagadou), Toljan - Dahoud (72. Castro), Sahin, Kagawa (66. Götze) - Jarmolenko, Aubameyang, Pulisic
Schiedsrichter: Rocchi (Italien)
Gelbe Karten: Dier - Toljan, Castro
Gelb-Rote Karte: Vertonghen
Zuschauer: 67.343

insgesamt 47 Beiträge
uffta 14.09.2017
1. Fehlendes Fingerspitzengefühl
Obwohl der BVB bei mir schon länger sämtliche Sympathien verspielt hat, möchte ich doch anmerken, dass die Formulierung "hübsche Schlussszene" im ersten Satz angesichts lockerer oder gar verlorener Zähne bei Götze [...]
Obwohl der BVB bei mir schon länger sämtliche Sympathien verspielt hat, möchte ich doch anmerken, dass die Formulierung "hübsche Schlussszene" im ersten Satz angesichts lockerer oder gar verlorener Zähne bei Götze sehr unangebracht ist. Dem Sportler gilt mein Mitgefühl. Die Mannschaft jedoch hat verdient verloren.
geraldwinkeler 14.09.2017
2.
Journalisten lieben es, Misshelligkeiten eine heitere Note abzugewinnen. Fraglich aber ist, ob sie das auch so sehen würden, wenn man Ihnen die Zähne einschlagen würde. Selbst wenn die Zähne noch zu retten sein sollten: Die [...]
Journalisten lieben es, Misshelligkeiten eine heitere Note abzugewinnen. Fraglich aber ist, ob sie das auch so sehen würden, wenn man Ihnen die Zähne einschlagen würde. Selbst wenn die Zähne noch zu retten sein sollten: Die Aktion gegen Götze war eine klare Tätlichkeit. Der Fußball auf Europäischer Ebene entwickelt sich immer mehr zum Catchen mit Ball. Mannschaften wie Borussia Dortmund sind die Leidtragenden, auch wenn das gestern nicht der einzige und vermutlich noch nicht einmal der maßgebliche Grund für die Niederlage war. Ich fand es zum Beispiel sehr verstörend, wie der ungemein beliebte Herr Klopp es so gar nicht einsehen wollte, dass jüngst einem Schiedsrichter der Versuch seines Stürmers, dem gegnerischen Torwart den Kopf abzutreten, eine rote Karte wert war. Die Engländer haben eine verstörende Toleranz für Knochenbrecheraktionen im Fußball, die sich jetzt auch auf Herrn Klopp zu übertragen scheint. Ich möchte jedoch beim Fußball nicht Knochen knacken, sondern spielerisch schöne Aktionen sehen. Der Videobeweis dürfte dabei eine wenn auch kleine Hilfe sein, denn manches Rauhbein hat ihn zu fürchten.
inge-p.1 14.09.2017
3. Ich bin zu tiefst erschüttert, ...
... meine Lieblingsmannschaft ist sang- und klanglos in London untergegangen. Jetzt wird es schwieriger. Gut, Real kann man, muss man schlagen und letztlich gibt es ja noch das Rückspiegel von gestrigen Spiel. Ich will nicht [...]
... meine Lieblingsmannschaft ist sang- und klanglos in London untergegangen. Jetzt wird es schwieriger. Gut, Real kann man, muss man schlagen und letztlich gibt es ja noch das Rückspiegel von gestrigen Spiel. Ich will nicht jammern, von wegen der schwersten Gruppe und so, aber soll am Ende der Saison nur der Deutsche Meister und der DFB Pokal? Also, Kopf hoch und den Frust gegen Köln abspielen!
Abel Frühstück 14.09.2017
4.
Dem BVB ist der CL-Auftakt missglückt, dem Autor der Einstieg in seinen Artikel. "Hübsche Schlussszene"? Warum nicht gleich ein Wortspiel mit "Schusszähne" oder so. Im Fußball und in Artikeln wird zu oft [...]
Dem BVB ist der CL-Auftakt missglückt, dem Autor der Einstieg in seinen Artikel. "Hübsche Schlussszene"? Warum nicht gleich ein Wortspiel mit "Schusszähne" oder so. Im Fußball und in Artikeln wird zu oft einfach mal rausgehauen, das muss ja nicht sein. Bosz hat sich gestern verzockt, auch sein Auftritt im ZDF-interview war ein wenig leblos. Zu lieb eben.
argonaut-10 14.09.2017
5. Keine Ahnung
wer da welches Spiel gesehen hat. Ich jedenfalls war schockiert. Ein Hühnerhaufen, Piszek spielte so, wie er aussah, irgendwir lädiert und in der Rückwärtsbewegung fast immer einen Tick zu langsam, Yarmolenko machte zwar ein [...]
wer da welches Spiel gesehen hat. Ich jedenfalls war schockiert. Ein Hühnerhaufen, Piszek spielte so, wie er aussah, irgendwir lädiert und in der Rückwärtsbewegung fast immer einen Tick zu langsam, Yarmolenko machte zwar ein gutes Tor, aber in der Rückwärtsbewegung kein Teamplayer und am Ende immer wieder eigensinnig. Toprak und Sokrates waren gestern Wackelkandidaten, Auba war nicht wirklich jemand, der die langen Bälle verarbeiten konnte (kaum ein Ball, den er bahupten konnte), Sahin (und darin stimme ich überein) verlangsamte das Spiel aber eben auch Toljan, der fast nie Zug zum Tor hatte, Shinji überfordert gegen die großen, harten Kerle, usw. War die erste Halbzeit noch halbwegs auf Augenhöhe, mit dem Gefühl, die könnten das noch schaffen, so war die Mannschaft in der zweiten Hälfte nur noch ein Hühnerhaufen, Fehlpässe am Fließband, immer wieder Fehler in der Rückwärtsbewegung (wären die Jungs von Insel etwas präziser gewesen, dann hätte Dortmund noch 2-3 Treffer kassiert). Keine Abstimmung und Spielverständnis in der gesamten Mannschaft... ich habe selten so viele unpräzise Pässe gesehen. Ich habe mich regelrecht erschrocken... und wenn es stimmen sollte, dass Bosz nur 4-3-3 kann, dann sehe ich schwarz. Das, was da gestern gezeigt wurde, können sich andere Mannschaften ganz schnell abschauen und dann wirde es schwer für den BVB
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