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WM 2018

Warum ich Italien vermissen werde

Schwalben, Defensivtaktik, Siege gegen Deutschland: Viele Fußballfans im Land freuen sich über das WM-Aus der Italiener. Ich kann das nicht verstehen.

Getty Images

Roberto Baggio nach seinem verschossenen Elfmeter 1994

Ein Bekenntnis von
Dienstag, 14.11.2017   14:28 Uhr

Ich bin eigentlich nicht der Typ, der beim Fußballgucken sonderlich emotional wird. Vielleicht liegt das daran, dass das inzwischen mein Job ist (das Gucken, nicht das Nicht-emotional-Werden). Oder daran, dass ich aufgrund der sportlichen Leistungen meiner Lieblingsmannschaft (ein Bundesligist aus dem Norden, nicht der HSV) eine emotionale Schutzhaltung eingenommen habe. Aber gestern Abend, beim Playoff-Rückspiel zwischen Italien und Schweden, habe ich meinen Laptop angeschrien.

Gerade war ein Spieler absichtlich über ein seit Ewigkeiten ausgestrecktes Bein des Gegners gestolpert und der Schiedsrichter hatte gepfiffen. Es war keine Schwalbe, eher das Ausreizen der Regeln. "Clever", ist die Reflexvokabel aller Kommentatoren dafür. Mich hat es genervt, dieses Schinden von Freistößen. Wo lernt man so was? Offensichtlich auch in Schweden, der Spieler war Emil Forsberg.

Der Mittelfeldspieler von RB Leipzig tat das, was der deutsche Fußballfan traditionell italienischen Spielern andichtet. Dabei ist es einfach ein verbreitetes taktisches Mittel im Weltfußball, jeder Profi - außer Messi - macht es, Feinfüße wie Forsberg, Kroos, Iniesta, Leichtgewichte wie Reus, Neymar, Griezmann und auch Kanten wie Kanté, Vidal, Khedira. Warum es vor allem Italienern immer unterstellt wird? Vielleicht weil es bei ihnen einfach am besten aussieht.

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WM-Aus: Italiens "unerträgliche Fußball-Schande" in Bildern

Keiner anderen Nationalmannschaft hängen in Deutschland so hartnäckig Klischees an wie der italienischen. Nicht mal den Engländern. Unfair, defensiv und theatralisch spielen die Italiener, hört man vor, während und nach jedem Turnier. Vor allem wenn Deutschland gegen sie ausscheidet. Ist ja schon ein paarmal passiert. Jetzt, nach dem Aus gegen Schweden, ist das Internet voll mit deutscher Häme.

Mir aber werden die Italiener sehr fehlen bei der nächsten WM. Nicht nur Torhüter Gianluigi Buffon, den jetzt wegen seiner bitteren Tränen nach dem Aus in seinem 175. und letzten Länderspiel alle in ihr Herz geschlossen haben. Auch Giorgio Chiellini, einer der besten Verteidiger seiner Generation. Oder Marco Verratti, gerade 25 geworden und die Zukunft des italienischen Fußballs mit einer Übersicht und Schlauheit ausgestattet, die gleich wieder an einen denken lässt, der schon seit zwei Jahren nicht mehr für sein Land spielt und gerade seine Karriere vollends beendet hat: Andrea Pirlo.

Beim Heimturnier ist der deutsche Fan nachtragend

Buffon, Chiellini, Pirlo - große Spieler, über deren Klasse es keinen Zweifel geben kann, die hierzulande aber doch erst im hohen Fußballeralter gewürdigt wurden. Eigentlich erst, seitdem Deutschland 2014 Weltmeister wurde und das Aus bei der Heim-WM 2006 vergessen ließ. Halbfinale zwischen Deutschland und Italien, ein Pass (Pirlo), ein Schuss (Grosso), Schluss mit dem Märchen.

Dass Alessandro Del Piero zwei Minuten später noch ein wunderschönes Tor zum 2:0 geschossen hat, dürften die meisten genauso vergessen haben wie mein Freund Martin, der damals nach dem 1:0 aufsprang, aus der Wohnung lief, fünf Anrufe wegdrückte und erst am nächsten Morgen wieder ansprechbar war. OK, er hatte Karten fürs Finale.

SPON-Videoumfrage: WM 2018 ohne Italien - "Mille catastrofi"

Foto: SPIEGEL ONLINE

In den Jahren zwischen 2006 und 2014 waren Italiens Fußballer das Rote Tuch für deutsche Fußballfans. Ähnlich war es 1988, als die Niederlande Deutschland aus dem Turnier im eigenen Land warf und anschließend Holland zum Fußballfeind Nummer eins wurde. Damals wirkte nicht mal der WM-Titel 1990 friedensstiftend, Stichwort: Rijkaard.

Jedes große Turnier, das ich bewusst verfolgt habe, ist mit Erinnerungen an die italienische Mannschaft verknüpft. Manchmal durch tollen Fußball (EM 2012), meist durch Dramatik (WM 2014) - oder wegen einzelner Spieler.

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Endstation WM-Qualifikation: Große Teams, große Blamagen

1994 war ich fasziniert von den Italienern, vor allem von Roberto Baggio. Der hatte zwar so eine fiese Zopfsträhne wie der Typ aus meiner Parallelklasse, der in der großen Pause dauernd auf den Schulhof spuckte, aber immer wenn Baggio am Ball war, hatte ich das Gefühl, dass der mehr über Fußball wusste als alle anderen auf dem Platz. Beim Elfmeter hat ihm das aber auch nicht geholfen.

Solche Typen wie Baggio, aus denen ich nicht schlau wurde, weil sie schlaff über den Platz liefen und dann das Spiel entschieden, hatten die Italiener immer in der Mannschaft, neben klassischen Sturmbrechern wie Vieri, Toni oder Balotelli. Ich erinnere mich gerne an Filippo Inzaghi und Alessandro Del Piero, Innenverteidiger hatten ihretwegen aber wahrscheinlich Albträume.

Inzaghis und Del Pieros Krönung folgte wie beim Rest dieser Goldenen Generation 2006 im Olympiastadion Berlin. Ich war im Halbfinale für Deutschland gewesen und im Finale drückte ich Zidanes Franzosen die Daumen.

Jeweils gewann Italien, und auch, wenn ich mir für beide Partien einen anderen Ausgang gewünscht habe, waren es große Spiele. Dank Italien - und nicht trotz. Sie werden fehlen.

insgesamt 128 Beiträge
gelegenheitsposter2 14.11.2017
1. Spielplan und Ergebnisse vermisst
Guten Tag, für die WM-Qualifikation vermisse ich bei Ihnen den Spielplan und die Ergebnisse, darauf war bisher immer Verlass .... wohin muss ich mich zur Zeit wenden bis sie sich wieder engagieren? Danke und Grüsse
Guten Tag, für die WM-Qualifikation vermisse ich bei Ihnen den Spielplan und die Ergebnisse, darauf war bisher immer Verlass .... wohin muss ich mich zur Zeit wenden bis sie sich wieder engagieren? Danke und Grüsse
goethestrasse 14.11.2017
2. Theatralische Heulsusen
Warum ist es in Deutschland so weit verbreitet, eher für andere Mitleid zu haben als auf sich selbst stolz zu sein ?? 2 Spiele und kein Tor. Zugegeben in der Quali war es eine starke Gruppe mit Spanien als Sieger, dennoch gibt [...]
Warum ist es in Deutschland so weit verbreitet, eher für andere Mitleid zu haben als auf sich selbst stolz zu sein ?? 2 Spiele und kein Tor. Zugegeben in der Quali war es eine starke Gruppe mit Spanien als Sieger, dennoch gibt es auch stärkere Gegener als Schweden. Siehe Deutschland 2001 gegen die Ukraine in den Play Off Spielen nach der Niederlage gegen England.
hajott59 14.11.2017
3. Ich vermisse sie auch
Nicht sportlich, aber bei dieser WM gehen uns langsam die fusballerischen "Lieblingsfeinde" aus. Erst Holland, jetzt Italien, genau die (möglichen) Spiele, die ich mit großer Vor-Freude, Aufregung, Gänsehaut, Frust, [...]
Nicht sportlich, aber bei dieser WM gehen uns langsam die fusballerischen "Lieblingsfeinde" aus. Erst Holland, jetzt Italien, genau die (möglichen) Spiele, die ich mit großer Vor-Freude, Aufregung, Gänsehaut, Frust, Jubel und überhaupt großen Emotionen verbinde. Klar, man kann gegen alle verlieren, aber nie ist es so schön wie gegen Italien - oder Holland. Und gleiches gilt umgekehrt bei einem Erfolg. Ich finde es schade!
mr.brand 14.11.2017
4. ....ist aber schon lobenswert,
...dass sich die Italiener dem niederländischen Aufruf die WM in Russland zu boykottieren anschließen (ironie aus)
...dass sich die Italiener dem niederländischen Aufruf die WM in Russland zu boykottieren anschließen (ironie aus)
quatermain4000 14.11.2017
5. wie schon gesagt
eine WM ohne Italien ist wie eine Suppe ohne Salz.
eine WM ohne Italien ist wie eine Suppe ohne Salz.

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