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31.03.2011
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Manipulation im Fußball

Kraftlose Kontrolleure

Von
AP

Annahmestelle für Sportwetten: Globaler Markt erwirtschaftet bis zu 400 Millionen Euro

Mit den Wettskandalen im Fußball kamen die Überwacher. Immer mehr Firmen drängen seitdem auf den Markt, kontrollieren Quoten, schlagen bei verdächtigen Spielen Alarm. Manipulateure werden aber selten geschnappt. Wenn doch, sind es meist kleine Fische - wie vor dem Landgericht Bochum.

Jeden Tag verfolgt Detlev Zenglein in seinem Büro Zahlenfolgen auf den Bildschirmen. Unaufhörlich fliegen die Ziffern über die Monitore. Sie bilden klare Muster, folgen festen Regeln. Wenn die Monotonie gestört wird, beginnt Zengleins Job. In diesem Moment vermutet er eine Wett- oder Spielmanipulation.

Zenglein ist Analyst bei der Überwachungsfirma "Early Warning", einem Tochterunternehmen des Fußballweltverbandes Fifa. Wenn eine Quote schnelle Bewegungen nach oben oder unten macht, schrillen bei ihm die Alarmglocken. Ein Beispiel: Ein Spiel zwischen einem hohen Favoriten und einem klaren Außenseiter hat marktübliche Quoten wie beispielsweise 15 für 10 Euro bei einem Heimsieg des Favoriten; 38 für ein Unentschieden und 55 für einen Sieg des Außenseiters. Wenn jetzt hohe Summen auf das Unentschieden gesetzt werden, fällt die Quote. Verändert sie sich binnen kurzer Zeit sehr stark, kann man dieses als erstes Anzeichen für eine Manipulation werten.

Zenglein etabliert sich derzeit in einem innovativen und finanzstarken Markt. Das Geschäft mit der Zahlenkontrolle ist noch jung. Es entstand erst nach dem Bekanntwerden der Affäre um den Bundesliga-Schiedsrichter Robert Hoyzer und immer wieder auftauchenden Gerüchten um dubiose Wettgeschäfte in Fernost.

Für die Manipulationsbekämpfer ist es ein lohnenswertes Geschäft. Zenglein hat mittlerweile zwölf Mitarbeiter. Täglich prüfen sie bis zu 100 Millionen Quoten, in den vergangenen zweieinhalb Jahren wurden mehr als 29.000 Spiele kontrolliert. "Der Sportmarkt erwirtschaftet weltweit 300 Milliarden Dollar. Der Sportwettenmarkt 350 Milliarden Dollar", sagte die Berliner Rechtsanwältin Laila Mintas am vergangenen Samstag bei einem Kongress der Fifa.

Ehemalige Polizisten, Anwälte und Profi-Zocker als Beratungshilfen

Jahrelang gab es auf dem weltweiten Markt lediglich eine Firma, die die Quoten prüfte. "Sportradar" arbeitete bislang mit fast allen großen Verbänden zusammen. In mehr als 70 Ländern auf fünf Kontinenten unterhielten die Quotendetektive dabei Kooperationen, 18 der 23 international führenden Buchmacher arbeiteten mit "Sportradar" zusammen.

Mittlerweile drängen aber weitere Anbieter auf den Markt. Neben "Early Warning System" bauen zahlreiche private Wettanbieter selbst Manipulationswarnsysteme auf. Dafür werden etliche ehemalige Polizisten, Anwälte und insbesondere Profi-Zocker als Berater eingestellt.

"Beim illegalen Wettmarkt geht es um Geldwäsche. Das sind teilweise Mafiastrukturen, die dort entstehen. Das Geld geht dann möglicherweise in die Prostitution, in den Drogenhandel. Und dann wird es zum Problem für die Gesellschaft", sagt Uefa-Generalsekretär Gianni Infantino. Der europäische Fußballverband arbeitet ebenfalls mit "Sportradar" zusammen, versucht die Daten allerdings zusätzlich noch mit einem eigenen Quoten-Beobachtungssystem zu überprüfen.

Welche Möglichkeiten oder Nutzen diese Frühwarnsysteme in der jetzigen Form haben, muss jedoch ernsthaft hinterfragt werden. Als am 9. Februar dieses Jahres alle Warnleuchten wegen den offenbar manipulierten Freundschaftsspielen zwischen Bolivien und Lettland sowie Bulgarien und Estland ausschlugen, blieb den Quotenüberwachern nur das Weiterleiten der Daten an die jeweiligen staatlich-polizeilichen Dienststellen übrig. Die Kontrolleure selbst können weder Ermittlungen einleiten noch in irgendeiner justiziablen Form tätig werden. Wenn man bedenkt, dass Behörden wie Interpol auf eigene Überwachungssysteme zurückgreifen, bleibt die Frage: warum der ganze Aufwand?

Aufschluss darüber liefert auch nicht das Bochumer Landgericht. Dort wird derzeit der wohl größte europäische Wettskandal verhandelt. 47 Spiele sollen laut Anklageschrift manipuliert worden sein. Doch für die Aufklärung des Falles wurden weder "Sportradar" noch "Early Warning System" herangezogen. Vornehmlich hängt dies wohl damit zusammen, dass die Quotenbeobachter bislang kaum einen seriösen Kooperationspartner im asiatischen Wettmarkt haben, noch valide ausweisen können, wer Wetteinsätze platziert beziehungsweise von welchem Kontinent oder Land. Das Wetten geschieht größtenteils anonym.

Werden doch einmal Wettmanipulateure erwischt, sind es meist kleine Fische des Marktes. So wie Ante Sapina oder Marijo C., zwei der Angeklagten im Bochumer Prozess. Staatsanwalt Andreas Bachmann bezeichnete sie als "Champions League der Wettmanipulation", obwohl beide im Überwachungszeitraum von 2008 bis 2009 "nur" 32 Millionen Euro Wettumsatz gemacht und einem Reingewinn von 3,5 Millionen Euro erzielt hatten. Und damit sind sie sicherlich viele Schritte von den Global-Playern entfernt, die auf dem rund 350 Milliarden Dollar schweren Wettmarkt den Takt angeben.

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