10.09.2011
DFB-Star in Italien
Ein Ferrari namens Klose
Aus Mailand berichtet Oliver BirknerMan kann ja nie wissen, was die laufende Saison noch alles bereithält. Und so verewigte sich Miroslav Klose zur Sicherheit schon jetzt im italienischen Almanach. Gekonnter Stopp mit rechts, Annahme mit der Brust, ein kurzer Abschiedsgruß an Alessandro Nesta, dann mit links ins Netz. Nicht nur ein herrlicher Treffer, sondern auch das allererste Serie-A-Tor der Saison 2011/12 - Freitagabend, kurz vor neun in Mailand.
Später dann, kurz vor Mitternacht, schlurfte Klose mit gesenktem Blick aus dem San Siro zum Lazio-Teambus und wirkte am schwülwarmen Abend nach reichlich Rochieren so ausgepumpt wie bei seiner Auswechslung in der 68. Minute. Eventuell mischte sich darin die leise Enttäuschung, nach Lazios 2:0-Führung beim Titelverteidiger AC Mailand letztlich nur ein etwas glückliches 2:2 erreicht zu haben.
Dabei durfte Klose den Tempel des Calcio unter der Anerkennung der italienischen Journalisten verlassen. Schon seit Jahren genießt der 33-Jährige einen immens guten Ruf in Italien, und man ist durchaus euphorisch, ihn nun Woche für Woche in der heimischen Liga kicken zu sehen. Dementsprechend feierten die Zeitungen Kloses Leistung: "Miro stellt sich als Phänomen vor" (Corriere dello Sport), "der Torprofi" (Gazzetta dello Sport), "der Rassestürmer drückt der Liga gleich seinen Stempel auf " schrieb der "Corriere della Sera", und fuhr leicht martialisch fort: "Das Schönste am Spiel war Kloses Treffer an einem Abend der Bomber: vier Stars, vier Tore."
Feiner Fußball und vier Tore
Zumindest eine Stunde lang ließ die Partie zwischen Milan und Lazio das Krisengerede des italienischen Fußballs vergessen und offerierte feinen Fußball mit formidablen Treffern von Klose (12.), Dibril Cissé (21.), Zlatan Ibrahimovic (29.) und Antonio Cassano (33.).
Freilich reichte die Partie nicht aus, die längst bekannten Strukturprobleme des Calcio wegzuwischen. Phlegmatisches Palaver und zerstrittene Institutionen blockieren seit Jahren perspektivische Planung und den Eintritt in die Moderne. Dennoch steht Italien nicht vor düsteren Szenarien, wie sie Milan-Geschäftsführer Adriano Galliani ausmalte, der einen Abstieg zur fünften europäischen Nation hinter Frankreich prognostizierte.
Spielerisch bewegt man sich in Italien auf einem höheren Niveau, als es die Reputation im Ausland suggerieren möchte. Allerdings tut man sich mit strukturellen Altlasten immer noch schwer - beispielsweise verpusten die 20 Serie-A-Clubs die TV-Einnahmen von über einer Milliarde Euro aktuell komplett in Spielergehälter.
Lazios Bestverdiener aus Deutschland
Klose ist dabei mit 2,1 Millionen Euro netto Lazios Bestverdiener. Doch obwohl Präsident Claudio Lotito das Gehaltsbudget im Vergleich zum Vorjahr um 34 Prozent auf 50,2 Millionen Euro hochschraubte, hat er Lazios Schulden seit der Übernahme 2004 in den Griff bekommen. Jahrelang galt der kauzige Reinigungsunternehmer, der sich gerne gegen das Establishment auflehnt und an Latein-Sentenzen erfreut, ob seiner Sparmaßnahmen als Feind der Kurve. Nach dem jüngsten Bilanz-Plus präsentierte er den Tifosi im Sommer endlich namhafte Zugänge und stellte den ältesten Serie-A-Coach Edy Reja (65) in die Pflicht: "Ich habe dem Coach mit Spielern wie Klose einen Ferrari zur Verfügung gestellt."
Der Ferrari-Motor brummte beim ersten echten Härtetest jedoch lediglich 30 Minuten. Lazios Sportdirektor Igli Tare, der mit dem Deutschen einst gemeinsam in Kaiserslautern kickte, zeigte sich gegenüber SPIEGEL ONLINE zuversichtlich: "Miro muss nichts mehr beweisen. Er soll sich nur wohlfühlen und seine großartige Karriere fortsetzen. Wir haben großes Vertrauen in ihn, für uns ist er ein fundamentaler Spieler." Ähnliche Worte fand auch Coach Reja, der den ehemaligen Stürmer des FC Bayern als "Weltstar" auszeichnete.
Der Deutsche selbst blieb bescheiden. Er wolle vor allem verletzungsfrei bleiben und viel von dem neuen Abenteuer lernen. "Hier ist vieles anders als in Deutschland. Man isst später, das Leben ist entspannter. Italien ist genauso wunderschön, wie ich es mir vorgestellt habe, und die Integration fällt mir leicht."
Schon am kommenden Donnerstag erwartet man wieder seine Tore in der Europa League gegen die Rumänen des FC Vaslui. In der Qualifikation stellte er sich bereits mit drei Assists und einem Tor vor. "Vola tedesco vola" ("Flieg, Deutscher, flieg") sang die Kurve des AS Rom einst zu Ehren von Rudi Völler. Nun soll Klose für Lazio fliegen, um sich des provinziellen Duftes zu entledigen, der den Himmelblau-Weißen seit jeher als Nummer zwei der Hauptstadt anhaftet.

