Lade Daten...
01.11.2011
Schrift:
-
+

Polizei gegen Ultras

Draufhauen statt Dialog

Von
Getty Images

Die Fronten sind verhärtet: Ultras seien für Gewalt beim Fußball, sagt die Polizei und geht immer härter gegen die Fans vor. Die fühlen sich schikaniert und reagieren mit weiteren Provokationen. Sollten die Vertreter nicht zurück an einen Tisch finden, droht die Situation zu eskalieren.

Eis, Wasser und feuchte Lappen wurden massenhaft herbeigeschafft. Zahlreiche Kinder, Jugendliche und Erwachsene saßen auf den Betonstufen der Nordkurve im Stadion von Hannover 96 und versuchten, ihre brennenden Augen zu säubern und zu kühlen. Wenige Minuten zuvor war die Polizei in den Fanblock der Niedersachsen eingedrungen, hatte vor dem Spiel gegen den FC Bayern München (2:1) Pfefferspray und Schlagstöcke eingesetzt. Jacken und Rucksäcke wurden nach Pyrotechnik durchsucht.

Leuchtraketen wurden nicht gefunden, es gab aber 36 verletzte Anhänger. Der Einsatz liefert neuen Zündstoff für die Debatte, die seit den jüngsten Vorfällen im DFB-Pokal heftig geführt wird: Haben tatsächlich nur die Fans, vor allem die Ultras unter ihnen, an der derzeitigen Eskalation Schuld?

"Die Fans, die regelmäßig ins Stadion gehen, empfinden die Polizeieinsätze als extrem und unverhältnismäßig", sagt Marco Noli. Der Münchner gehört dem Arbeitskreis Fananwälte an und setzt sich insbesondere für die Rechte von Ultras ein. Gerade die, so Noli, haben in den vergangenen Jahren zunehmend gelitten: Ultras werden bei Auswärtsfahrten häufig schon am eigenen Bahnhof in einem "Wanderkessel" zusammengefasst, bei dem zig Polizisten die Fangruppe einkreisen, sie filmen und in ein extra für sie vorbereitetes Zugabteil verfrachten. "Man kann dann weder etwas zu essen kaufen oder trinken gehen, noch pinkeln oder mal kurz telefonieren", beklagt ein Münchner Ultra.

Strategien wie bei Hooligans

"Den Ultras werden kaum Freiheiten gelassen, sie werden von der ersten Minute an kriminalisiert. Dies führt natürlich dazu, dass sie sich von der Polizei provoziert fühlen", sagt Fanforscher Jonas Gabler. Auch er glaubt, dass die Spannungen zwischen der Polizei und den Ultras größer geworden sind. "Die Ultra-Szene hat sich in den vergangenen sieben bis zehn Jahren sehr gewandelt, die Polizei hat sich aber nicht darauf eingestellt. Stattdessen werden immer noch die Strategien verfolgt, die vor 20 Jahren nützlich waren, um Hooligans zu bekämpfen", sagt Gabler.

Der Fanforscher charakterisiert die derzeitige Ultra-Bewegung als "gesprächsbereit und pragmatisch". Als Beispiel führt er die Debatte um Pyrotechnik an, in der sich die Ultras über Monate in friedliche Diskussionen mit den Fußball-Verbänden, Sicherheitsdiensten und mit Polizeivertretern begeben haben. Erst als sie sich vom DFB hintergangen fühlten, eskalierte die Situation.

Für den Chef der Polizeigewerkschaft GdP, Bernhard Witthaut, sind diese Argumente hingegen Augenwischerei. Er empfindet die Ultras als eine "massive Bedrohung für die Polizei" und hat den Eindruck, "dass es zunehmend mehr gezielte Attacken auf Polizisten gibt".

Witthaut fordert ein striktes Alkoholverbot bei den Anfahrten zu Auswärtsspielen, zudem ein Vermummungsverbot im Stadion und radikalere Stadionverbote für Gewalttäter. "Die verschiedenen Polizeigewerkschaften werben um Kundschaft und übertreffen sich dadurch im Populismus", erwidert Noli und ergänzt: "Die Polizei vermittelt den Eindruck, dass sie die Ultra-Kultur nicht wünscht und einfach abschaffen möchte."

Die Situation ist verfahren, Polizei und Ultras stehen sich unversöhnlich gegenüber, keine der beiden Gruppen möchte der anderen Rechte zubilligen. "Dabei gibt es zahlreiche Problemlösungsstrategien, die aber scheinbar ignoriert werden", sagt Gabler. Eine davon ist der Einsatz von szenekundigen Beamten, die die Ultras namentlich kennen, in ständigem Kontakt mit ihnen sind, sie auch außerhalb des Stadions ansprechen können. "Dass diese aber bei vielen Einsätzen an Spieltagen von den Zugführern der Bereitschaftspolizei nicht ernst genommen werden, ist für uns mittlerweile Alltag", sagt ein Fanbetreuer aus Gelsenkirchen.

Polizei-Übergriff auf Fanbetreuerin

Darüber hinaus gibt es zahlreiche Fanprojekte und Sozialarbeiter, mit denen die Polizei derzeit kaum zusammenarbeitet: "Manche Beamte wissen gar nicht, was ein Fanprojekt ist", sagt Barbara Paech. Die Fanbetreuerin beim SV Babelsberg 03 ist vor wenigen Wochen von einem Polizisten der Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit bei einem Auswärtsspiel des Drittligisten auf dem Bahnhof in Jena zu Boden geschlagen worden.

Auslöser soll Paechs Frage an einen Beamten gewesen sein, warum dieser die Personalien eines Mitglieds des Fanprojekts aufnehme. Die Polizei in Jena wollte sich dazu auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE nicht äußern. "Überharter Einsatz der Polizei bleibt häufig unaufgeklärt oder wird justiziabel nicht abschließend verfolgt", sagt Noli. Der Rechtsanwalt fordert Erkennungsnummern an den Polizeiuniformen, Fanansprechpartner bei der Einsatzleitung und eine objektive Kontrolle der Polizei.

Solange dies nicht der Fall ist, versuchen die Ultras sich selbst zu helfen. Seit Ende 2005 existiert die Initiative Fußballfans beobachten die Polizei, auf deren Homepage überharte Polizeieinsätze protokolliert werden. "Wir wollten mit unserer Initiative eine Gegenöffentlichkeit zur allgemeinen Wahrnehmung des ausschließlich randalierenden Fans schaffen", sagt der Sprecher Jakob Roth. Es ist ein Ansatz, der Dialoge und Diskussionen schaffen soll.

Und vielleicht auch eine Möglichkeit für den Runden Tisch am 14. November, bei dem Vereins-, Verbands, und Polizeivertreter sowie Mitglieder der Landesministerien zum Thema "Fangewalt im Fußball" tagen. Bisher sind bei dieser Diskussion keine Fans zugelassen. Ultras sowieso nicht.

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 69 Beiträge
1.
Christian W. 01.11.2011
---Zitat--- Zahlreiche Kinder, Jugendliche und Erwachsene saßen auf den Betonstufen der Nordkurve im Stadion von Hannover 96 und versuchten, ihre brennenden Augen zu säubern und zu kühlen. Wenige Minuten zuvor war die Polizei [...]
---Zitat--- Zahlreiche Kinder, Jugendliche und Erwachsene saßen auf den Betonstufen der Nordkurve im Stadion von Hannover 96 und versuchten, ihre brennenden Augen zu säubern und zu kühlen. Wenige Minuten zuvor war die Polizei in den Fanblock der Niedersachsen eingedrungen, hatte vor dem Spiel gegen den FC Bayern München (2:1) Pfefferspray und Schlagstöcke eingesetzt. Jacken und Rucksäcke wurden nach Pyrotechnik durchsucht. Leuchtraketen wurden nicht gefunden, es gab aber 36 verletzte Anhänger. ---Zitatende--- Das sagt wohl alles. Aber die Alternative wäre auch ZU einfach gewesen: Einfach mal die Jacken und Rucksäcke untersuchen BEVOR die Plätze eingenommen werden, sprich, am Stadioneingang.
2. ...
jp' 01.11.2011
Was hat die Polizei dort eigentlich zu suchen? Warum werden Fussballspiele, wo die Spieler und Vereine Millionen verdienen, durch Polizei und nicht eigene Sicherheitsleute beschützt? Bei jeder Veranstaltung, wo ein paar mehr [...]
Was hat die Polizei dort eigentlich zu suchen? Warum werden Fussballspiele, wo die Spieler und Vereine Millionen verdienen, durch Polizei und nicht eigene Sicherheitsleute beschützt? Bei jeder Veranstaltung, wo ein paar mehr Menschen kommen, muss der Betreiber für die Sicherheit sorgen. Nur dort, wo das richtige Geld sitzt, muss der Staat eingreifen?? Sollen die Vereine doch Sicherheitskräfte einsetzen, dann bleibt auch so eine leidige Diskussion aus, dass die Polizei mal wieder der Bösewicht ist und an den Ausschreitungen durch ihre ständige provoziererei Schuld ist...
3. finde ich gut ...
bed_gru_eink 01.11.2011
... daß es eine GEGENSEITIGE Beobchtung gibt, da meist die Selbstwahrnehmung doch erheblich beeinträchtigt ist und das Gefühl für ein "gemäßigt" bei einer Selbstbezeichnung als "Ultra" ja nicht unbedingt [...]
... daß es eine GEGENSEITIGE Beobchtung gibt, da meist die Selbstwahrnehmung doch erheblich beeinträchtigt ist und das Gefühl für ein "gemäßigt" bei einer Selbstbezeichnung als "Ultra" ja nicht unbedingt vorauszusetzen ist. Dafür ist sicher Fanbetreuung der vernünftigste Ansatz. "Die Polizei vermittelt den Eindruck, dass sie die Ultra-Kultur nicht wünscht und einfach abschaffen möchte." Ob ich da unbedingt von "Kultur" sprechen würde, weiß ich nicht. Was man da so beobachtet im Stadion, falls man das Pech hat nur noch in der Nähe der Fanblocks Karten zu bekommen, empfinde ich immer als extrem kulturfremdes Verhalten, um nicht zu sagen unkultiviert. Meist beschränkt sich das aber auf gegenseitige Verbalattacken unter Nutzung niedrigster Fäkalsprache. Fußball ist der beste Sport. So solls auch bleiben. Hab keine Lust wegen irgendwelchem Mob Geisterspiele im Fernsehen anschauen zu müssen. Unberechtigt auf die Mütze gehauen bekommen von "Freunden und Helfern" hab ich aber auch keine Lust.
4. Ultra-Fans ?
argus54 01.11.2011
Mir erschließt sich nicht, welcher Teil der Ultras FANS sind. Bei der Betrachtung der jüngsten Auswüchse kann ich KEINEN außer einem zufälligen Zusammenhang mit Fussball erkennen: In Menschenansammlungen öffentliche [...]
Zitat von sysopDie Fronten sind verhärtet: Ultras*sind für Gewalt beim*Fußball, sagt die Polizei und geht immer härter gegen die Fans vor. Die fühlen sich schikaniert und reagieren mit*weiteren Provokationen. Sollten die Vertreter nicht zurück an einen Tisch finden, droht die Situation zu eskalieren. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,795107,00.html
Mir erschließt sich nicht, welcher Teil der Ultras FANS sind. Bei der Betrachtung der jüngsten Auswüchse kann ich KEINEN außer einem zufälligen Zusammenhang mit Fussball erkennen: In Menschenansammlungen öffentliche Aufmerksamkeit erregen ist das Ziel, der Rest ist Nebensache. Meines Wissens gibt es am Stadion-Eingang gute Möglichkeiten, Rücksäcke auf unliebsamen Inhalt zu prüfen. Wenn das konsequent gemacht wird, sollte es da kein Problem geben. Ich entsinne mich gewisser Probleme, selbst kleine Trinkflaschen in Plastik mitzunehmen. Letzthin gab es sogar Probleme bei einem kleinen Mitbringsel, unterwegs erstanden, Kleinfinger klein und von höchstens 50g Gewicht und damit natürlich ein potentielles Wurfgeschoss. Es durfte nicht mit hinein, und das war irgendwie OK. Wieso findet man dann keine bengalischen Feuer und Knallkörper? Klingt nach einem Sicherheitsproblem der Sicherheitskräfte. Oder ein Motivationsprobem?
5. .
raka 01.11.2011
Wäre aber eine denkbare Alternative. Fangesänge und Publikumsgeräusche könnten vom Playback kommen. Bei amerikanischen Sitcoms klappt das mit dem Gelächter doch auch ganz prima.
Zitat von bed_gru_eink... daß es eine GEGENSEITIGE Beobchtung gibt, da meist die Selbstwahrnehmung doch erheblich beeinträchtigt ist und das Gefühl für ein "gemäßigt" bei einer Selbstbezeichnung als "Ultra" ja nicht unbedingt vorauszusetzen ist. Dafür ist sicher Fanbetreuung der vernünftigste Ansatz. "Die Polizei vermittelt den Eindruck, dass sie die Ultra-Kultur nicht wünscht und einfach abschaffen möchte." Ob ich da unbedingt von "Kultur" sprechen würde, weiß ich nicht. Was man da so beobachtet im Stadion, falls man das Pech hat nur noch in der Nähe der Fanblocks Karten zu bekommen, empfinde ich immer als extrem kulturfremdes Verhalten, um nicht zu sagen unkultiviert. Meist beschränkt sich das aber auf gegenseitige Verbalattacken unter Nutzung niedrigster Fäkalsprache. Fußball ist der beste Sport. So solls auch bleiben. Hab keine Lust wegen irgendwelchem Mob Geisterspiele im Fernsehen anschauen zu müssen. Unberechtigt auf die Mütze gehauen bekommen von "Freunden und Helfern" hab ich aber auch keine Lust.
Wäre aber eine denkbare Alternative. Fangesänge und Publikumsgeräusche könnten vom Playback kommen. Bei amerikanischen Sitcoms klappt das mit dem Gelächter doch auch ganz prima.

MEHR AUF SPIEGEL ONLINE

MEHR IM INTERNET

Fotostrecke

Artikel

News verfolgen

Lassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
Twitter RSS
alles zum Thema Fußballbundesliga
RSS
Rubriken

© SPIEGEL ONLINE 2014 Alle Rechte vorbehalten