02.11.2011
Sieg gegen Piräus
Dortmunds Abschied vom Deppen-Image
Von Rafael Buschmann, DortmundAls Borussia Dortmund vor acht Jahren seinen letzten Sieg in der Champions League feierte, war Kevin Großkreutz 13 Jahre alt. Der Teenager sah sich damals beinahe jedes Spiel des BVB von der Südtribüne aus an und gilt deshalb auch heute als absoluter Fanliebling. Durch sein 1:0-Siegtor am Dienstagabend gegen Olympiakos Piräus - der erste Erfolg des BVB in der Königsklasse seit dem 2:1-gegen den FC Brügge im Jahre 2003 - hat er an seinem schwarz-gelben Helden-Status noch einmal deutlich gearbeitet.
"Wir haben heute ganz Deutschland gezeigt, dass wir in der Champions League gewinnen können", sagte Großkreutz, der bereits in der siebten Minute mit einem 24-Meter-Distanzschuss das Tor des Abends erzielte. Ein Treffer sinnbildlich für das gesamte Spiel des BVB: Er wurde mit brachialer Gewalt erzielt und fiel zudem äußerst glücklich. Balázs Megyeri, der Torwart von Olympiakos, verweigerte in diesem Moment die Arbeit und versuchte nur kläglich, den relativ mittig aufs Tor geschossenen Ball zu parieren.
Glück der Borussen und Unvermögen der Griechen - das waren die Hauptmerkmale dieser Partie. Während der BVB in den früheren Partien, insbesondere gegen den FC Arsenal und bei Olympique Marseille, die spielbestimmende Mannschaft war, die viel Ballbesitz und zahlreiche Tormöglichkeiten hatte, aber am Ende dennoch nicht siegte, verlief die Begegnung am Dienstag völlig anders. Denn weder das schnelle Kurzpassspiel, noch die überfallartigen Angriffe standen diesmal auf der Agenda, vielmehr schien der BVB nach dem frühen Führungstor sein Heil in der Defensive zu suchen und agierte mit vielen Befreiungsschlägen und zahlreichen langen Pässen in die Sturmspitze.
Klopp rückte von seinem bewährten System ab
"Wir sind nicht dazu da, in der Champions League zu zeigen, wie gut wir kicken können, um dann anschließend als die Deppen von Europa bezeichnet zu werden", sagte Klopp nach der Partie. Damit versuchte der Trainer seine Systemumstellung - weg von der Taktik mit der der BVB in der vergangenen Saison den Meistertitel feierte - zu erläutern. Denn erstmals seit langem ließ der 44-Jährige seine Mannschaft nicht das mittlerweile fast markengeschützte 4-2-3-1-System spielen. Der Dortmunder Trainer schickte stattdessen Mario Götze als etwas offensiveren dritten Abräumer vor die eigene Abwehr. Er sollte neben dem Startelf-Debütanten Moritz Leitner und Kapitän Sebastian Kehl für Stabilität in der Defensive sorgen. "Der Trainer hat uns am Morgen von seinen Plänen berichtet. Ich glaube, es war eine spontane Eingebung", sagte Götze.
Eine Systemumstellung, die dem BVB nur begrenzt weiterhalf - der Schlüssel zum ersten europäischen Dreier war es sicher nicht. Denn durch den defensiven Part von Götze fehlte nicht nur eine zentrale Anspielstation im Mittelfeld, sondern auch eine ordnende Hand in der Offensive. Der BVB verlor dadurch reihenweise Bälle im Aufbau und manövrierte sich durchweg in brenzlige Situationen.
Insbesondere die daraus resultierenden Eckbälle brachten die BVB-Defensive in große Nöte. Insgesamt fünfmal köpfte und schoss Piräus nur sehr knapp am Borussen-Gehäuse vorbei. "Natürlich haben wir heute kein Riesenspiel gemacht. Aber es ist höchste Zeit gewesen, dass das Glück auch mal auf unserer Seite war", sagte Neven Subotic. Der zuvor mit zahlreichen Fehlpässen agierende Innenverteidiger war der einzige Dortmunder, der weder über einen "weiteren Schritt in unserer Entwicklung" (Großkreutz), noch über "ein System, das uns hilft, aber an das wir uns noch gewöhnen müssen" (Götze) fabulierte. Subotic benannte den tatsächlichen Sieg-Faktor sehr prägnant: Glück.
Hilfe der Konkurrenz wird gebraucht
Glück wird das Team auch weiterhin dringend brauchen. Denn für ein Weiterkommen in der Königsklasse brauchen die Borussen auch die Mithilfe eines der Konkurrenten aus der Gruppe F. Nach dem 0:0-Remis zwischen FC Arsenal und Marseille stehen die Borussen mit vier Punkten auf dem dritten Gruppenrang. Arsenal hat acht Zähler, die Franzosen sieben. Durch die hohe 0:3-Pleite des BVB in Marseille hat die Borussia zudem den schlechteren direkten Vergleich. "Wir haben jetzt das zweite Endspiel vor uns und freuen uns darauf", sagt Großkreutz mit Blick auf die nächste Partie in London. Der BVB muss dann aber auf Piräus hoffen, das gegen Marseille zumindest punkten müsste. "Wir haben uns die Situation selbst eingebrockt und dürfen uns jetzt nicht beschweren", sagt Götze.
Der BVB-Shootingstar gab zudem zu, dass "wir uns nicht von diesem Sieg blenden lassen. Wir müssen weiter arbeiten." Und hoffen, dass der Erfolg die Europa-Verkrampfungen in der Mannschaft gelöst hat und diese nun mit Selbstvertrauen in 21 Tagen zum Rückspiel nach London reisen werden. Wenn das Glück dann auch weiterhin ein Borussen-Fan bleibt, könnten aus den Dortmundern vielleicht doch noch die Ex-Deppen von Europa werden.