21.01.2012
Pleite gegen Gladbach
Bayerns böses Déjà-vu
Von Tim Röhn, MönchengladbachEs sind häufig genau diese Situationen, für die Manuel Neuer gelobt wird. Wenn er den Ball am Fuß hat, das Spielfeld vor sich, und der Torhüter des FC Bayern seine Pässe zielgenau zum Mitspieler bringt. Damit ermöglicht der Nationaltorwart meist schnelle Gegenangriffe. Neuer gilt als einer der fußballerisch stärksten Keeper der Liga. Doch sein Spiel mit dem Ball ist immer auch riskant, weil Neuer als letztem Mann kein Fehler unterlaufen darf. Doch am Freitagabend ging es schief, mit schlimmen Folgen.
Etwas mehr als zehn Minuten waren in der Partie der Bayern bei Borussia Mönchengladbach gespielt, als Neuer einen Rückpass von Holger Badstuber nach vorne spielen wollte. Der Ball fand aber keinen Mitspieler, sondern Gegner Marco Reus. Der wartete nicht lange, sondern zog aus mehr als 30 Metern sofort ab und traf ins Tor. "Wenn ich hier nicht schieße, wann dann", fragte Reus nach dem Spiel mit einem Grinsen. Mit seinem Fehler hatte Neuer maßgeblichen Anteil an der 1:3 (0:2)-Niederlage der Bayern in Mönchengladbach.
Bevor er im Münchner Mannschaftsbus verschwand, sagte Neuer knapp: "Ich habe diese Niederlage mit meinem Fehler eingeleitet. Es tut mir leid." Doch so einfach kam der Keeper, der in der bisherigen Saison zu den besten Bayern-Spielern gehörte, dann doch nicht davon. Sein Trainer Jupp Heynckes, ansonsten die Ruhe in Person, immer um Sachlichkeit bemüht, kritisierte Neuer scharf: "Er versucht den Ball unheimlich schnell wieder ins Spiel zu bringen, und dann passieren solche Fehler. Das ist sein Problem. Er muss in diesen Situationen ruhiger und konzentrierter agieren."
Die Aktion zu Beginn des Spiels war für Neuer ein schmerzhaftes Déjà-vu-Erlebnis. Schon einmal war ihm in dieser Saison ein katastrophaler Fehler unterlaufen, der eine Niederlage der Bayern nach sich zog. Es war beim 0:1 im ersten Saisonspiel gegen Borussia Mönchengladbach.
Dennoch lag es beim Rückspiel nicht allein an Neuer, dass der FC Bayern den Start in ein verheißungsvolles Jahr 2012, in dem der Club das Triple aus Meisterschaft, Pokalsieg und Champions-League-Triumph anpeilt, gründlich verpatzte. Bei den Gegentreffern zwei und drei, beide vom stark aufspielenden Patrick Herrmann erzielt, war Neuer chancenlos. Seine Vorderleute hatten es zugelassen, dass die Gladbacher bei Kontern fast unbedrängt durch die Bayern-Defensive spazieren konnten. Vor allem aber konnten sie die Pässe in die Schnittstelle der Viererkette nicht verhindern. Vor dem 2:0 spielte Mike Hanke einen traumhaften Diagonalpass auf Herrmann, das 3:0 legte Reus sehenswert auf.
Gladbacher Innenverteidigung nahezu unüberwindbar
Zwar hatten die Münchner rund 64 Prozent Ballbesitz. Aber das nützt nichts, wenn aus nett ausschauenden Kombinationen im Mittelfeld keinerlei Torgefahr resultiert. Mario Gomez vergab per Kopfball im ersten Durchgang die einzige Großchance der Gäste. Nach der Pause ging für Bayerns Offensivspieler gegen die Gladbacher Innenverteidiger Roel Brouwers und Martin Stranzl dann nichts mehr. Sie hatten keine Mittel, um die durch den Ausfall von Abwehrchef Dante geschwächte Gladbacher Abwehr zu überwinden. Bezeichnend das Bayern-Tor zum 1:3, als Schweinsteiger im Anschluss an eine Ecke aus dem Gewühl heraus traf.
"Es ist eine große Enttäuschung", sagte Toni Kroos. Der Nationalspieler musste wegen der Sperre von Franck Ribéry auf der Position im linken Mittelfeld ran und konnte von dort nicht für die so dringend benötigten Überraschungsmomente sorgen. Rechts war Arjen Robben ein Totalausfall. "Wir haben uns so viel vorgenommen, und dann das. Wir hatten gute Ballpassagen, aber dann auch viel zu leichte Ballverluste", so Kroos.
Insgesamt war es eine Vorstellung, die den Bayern vor allem angesichts der großen Ziele in dieser Saison Sorgen bereiten muss. Mit so wenig Kreativität und Spielwitz wie in Mönchengladbach wird selbst der als Sparringspartner eingeschätzte FC Basel im Champions-League-Achtelfinale eine große Hürde sein. Für die Bayern wäre ein vorzeitiges Ausscheiden aus der Königsklasse eine Katastrophe - nicht zuletzt, weil das Finale am 19. Mai in München stattfindet.
Die Niederlage in Mönchengladbach, vor allem die Art und Weise der Pleite, ist aus Münchner Sicht umso erschreckender, weil die Bayern mit Ausnahme von Ribéry in Bestbesetzung angetreten waren. Und Kroos als Ersatz für den Franzosen ist auch nicht irgendwer. Aber die elf in rot gekleideten Stars des Rekordmeisters verstärkten den Eindruck, dass es vielleicht besser gewesen wäre, im Winter doch die eine oder andere Verstärkung zu holen.
Der Bayern-Abend war endgültig versaut nach der vorläufigen Diagnose bei Daniel van Buyten. Der Innenverteidiger musste kurz vor Schluss mit verletzt ausgewechselt werden. Eine Röntgen-Untersuchung am Samstag bestätigte den Anfangsverdacht eines Bruchs des linken Mittelfußes. Der Belgier wird nun sechs bis acht Wochen ausfallen und reißt damit ein großes Loch in die Münchner Defensive. Es war der Tiefpunkt eines für den FC Bayern ganz bitteren Abends.
Borussia Mönchengladbach - Bayern München 3:1 (2:0)
1:0 Reus (11.)
2:0 Herrmann (41.)
3:0 Herrmann (72.)
3:1 Schweinsteiger (76.)
Mönchengladbach: ter Stegen - Jantschke, Stranzl, Brouwers, Daems - Nordtveit, Neustädter - Herrmann (89. Marx), Arango - Reus (90.+3 Leckie), Hanke (81. de Camargo)
München: Neuer - Boateng (66. Rafinha), van Buyten (76. Luiz Gustavo), Badstuber, Lahm - Timoschtschuk (57. Alaba), Schweinsteiger - Robben, Müller, Kroos - Gomez
Schiedsrichter: Kinhöfer
Zuschauer: 54.047 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Arango / -

