09.02.2012
Hoffenheims Pokalpleite
Ein Missverständnis namens Stanislawski
Von Frank Hellmann, SinsheimEs ist ein liebgewonnenes Ritual bei Holger Stanislawski, nicht auf der gepolsterten Ersatzbank Platz zu nehmen. Seit der 42-Jährige bei 1899 Hoffenheim das Sagen hat, lässt sich der Cheftrainer bei Heimspielen normalerweise in der Coaching Zone zwei Plastikstühle mit schmalen Beinen aus Stahl aufstellen, auf denen er sich gemeinhin mit seinem Assistenten André Trulsen zu platzieren pflegt. Am Mittwochabend hatte es schon etwas Symbolisches, dass Stanislawski die bittere 0:1 (0:1)-Pleite im DFB-Pokal-Viertelfinale gegen den Zweitligisten Greuther Fürth nicht mehr von seinem Stammplatz verfolgte.
Sein Stuhl jedenfalls wackelt bedenklich. Manager Ernst Tanner konnte sich nach diesem neuerlichen Rückschlag nicht mehr zu einem Lippenbekenntnis für Stanislawski durchringen. "Zum Trainer äußere ich mich nicht. Das ist einfach nicht der richtige Zeitpunkt", knurrte Tanner missgelaunt. Stanislawski selbst konnte mit seinen Erklärungsversuchen auch nicht punkten: Unentwegt Leidenschaft und Laufbereitschaft "seiner Jungs" nach einem Pokal-Abend zu belobigen, der einmal mehr als spielerischer Offenbarungseid daherkam und an Einfallslosigkeit nicht zu überbieten war, war pure Schönfärberei.
Immerhin: Das Publikum gab bemerkenswerte Sympathiekundgebungen für den erst vor acht Monaten als vermeintlichen Hoffnungsträger in den Kraichgau gelotsten Fußballlehrer ab - mit "Pro-Stani"-Plakaten und Sprechchören. Und als die Aufstellung verlesen wurde, intonierten die rund 9000 Hoffenheimer Fans - von den 14.000 Zuschauern waren 5000 aus Fürth angereist - bei jedem Spielervornamen den Nachnamen ihres Trainers.
Zuschauerzuspruch genießt Stanislawski "still"
Stanislawski sagte, er könne das "still genießen", das bedeute ihm viel, "die Zuschauer haben hier ein feines Gespür". Doch vermutlich wird ihm das nicht viel nützen, wie die klare Ansage von Tanner nach Spielschluss verdeutlichte: "Es zeigt, dass die Leute den 'Stani' gerne haben." Fakt aber sei, "dass wir bei aller Leidenschaft wieder nichts Produktives aufs Tor gebracht haben". Tanners Bemerkung traf das Problem der spätestens nach dem Platzverweis von Marvin Compper - der 26-Jährige hatte dem Fürther Stephan Fürstner ins Gesicht gegriffen (32.) - ziemlich hilflos gegen die Fürther anrennenden Hausherren.
Statements wie die des Managers waren der nächste Schlag ins Gesicht eines eigentlich als Erneuerers verpflichteten Cheftrainers, der sich am Tag zuvor bereits heftiger Attacken des allmächtigen Gönners und Strippenziehers Dietmar Hopp ausgesetzt sah. Der 71-Jährige hatte Stanislawskis ohnehin angeschlagene Autorität weiter unterhöhlt mit den Worten, es sei weder eine Linie noch eine Entwicklung bei der Mannschaft erkennbar. Und nebenbei habe ihm auch das Pressing unter Ralf Rangnick gefallen.
Stanislawski konterte am Mittwoch nur mühsam: "Das nehme ich zur Kenntnis - und mache mir meine eigenen Gedanken." Kaum vorstellbar, dass eine Zusammenarbeit, die sich zum gegenseitigen Missverständnis ausweitet, über das Saisonende hinaus fortgesetzt wird. Vielleicht wird sogar noch vor dem Auswärtsspiel am Samstag bei Werder Bremen die Reißleine gezogen.
Mannschaft ist durch die Unruhe verunsichert
An der Mannschaft geht die neuerliche Posse aus der Provinz nicht spurlos vorüber. "Die Unruhe im Umfeld ist nicht gut", konstatierte Andreas Beck, "es ist eine Spirale in Gang, die sich nach unten dreht." Der Kapitän und Rechtsverteidiger kann wie so viele Kollegen auf dem Rasen kaum noch Impulse geben. Das Team wirkt verunsichert und verängstigt, spielerisch limitiert und anfällig. Bezeichnend dafür, wie leicht es Olivier Occean nach einem Steilpass hatte, das entscheidende Fürther Siegtor anzubringen (44.).
Offensichtlich ist, dass es einstigen Leistungsträgern schwerfällt, dem Zickzackkurs ihres Übungsleiters zu folgen: Wer beobachtete, wie gleichgültig sich der Brasilianer Roberto Firmino über den Rasen bewegte, wie missgelaunt der gar nicht eingesetzte Tobias Weis die Spielstätte verließ oder wie wenig noch die bereits auf die Bank verbannten Top-Verdiener Ryan Babel oder Sejad Salihovic zum Gemeinschaftsprojekt beisteuern, dem schwant nichts Gutes. Hopp fragte ja bereits auch öffentlich, ob die Spieler im Kopf nicht frei seien.
Torwart Tom Starke war bislang der Einzige, der es wagte, dabei auch den Geldgeber anzugehen ("Es ist in keinem Verein der Welt förderlich, sich übereinander in der Öffentlichkeit zu äußern"). So viel Hopp für Hoffenheim als verlässlicher Förderer am Laufen hält, so sehr ist der Beiratsvorsitzende mit seiner unberechenbaren Art auch ein Hemmschuh. Ein Bundesligist lässt sich eben nicht hemdsärmelig vom Clubheim am Golfplatz in St. Leon-Rot aus führen.
Nun erlebte Hopp von seinem VIP-Sessel aus der Rhein-Neckar-Arena an der A 6 die nächste Sequenz der Desillusionierung: Auf der einen Seite feierten die Fürther den Einzug ins Halbfinale mit Veitstänzen, ihr berauschter Trainer Mike Büskens ("Wir bekommen im Halbfinale jetzt das Spiel unseres Lebens") kugelte mit seinem ehemaligen Schalker Spielkameraden Gerald Asamoah kindlich über den Rasen. Auf der anderen Seite schaffte es Büskens' Hoffenheimer Kollege nicht mal mehr, seine Spieler wie sonst üblich in einem Kreis zu versammeln.

