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23.02.2012
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Fußballprofi Volz

"Wisst ihr was? Mir ist das alles zu viel"

Getty Images

Als der FC Arsenal 1999 den damals 15-jährigen Moritz Volz verpflichten wollte, waren Transfers von Jugendlichen noch verpönt. Die Folge: Der überforderte Teenager bekam gut gemeinte Ratschläge, und der Presserummel war riesig, wie er in seiner Biografie erzählt.

Ich schlug, ohne zu überlegen, mit der Faust zu. Es gab einen explosionsartigen Knall, und der Schreck darüber, was ich angerichtet hatte, tat mir gut. Ich war augenblicklich ein wenig ruhiger. Um mich herum lag, in hundert Teile verstreut, die Glühbirne unserer Flurlampe.

Über zwei Monate hatte ich still und rational versucht, zu entscheiden, ob ich Arsenals Ruf nach London folgen sollte oder nicht. Ich weiß nicht, das wievielte Mal ich mit meinen Eltern abends am Wohnzimmertisch saß und die Argumente abwog, als das Gefühl, überfordert zu sein, in unhaltbare Wut umschlug. "Wisst ihr was? Mir ist das alles zu viel", rief ich, sprang vom Tisch auf und wollte in mein Zimmer stürmen. Die Lampe war irgendwie im Weg.

Nie zuvor und nie wieder danach hatte ich solch einen Gewaltausbruch. Ich war 15 Jahre alt, ich wollte es doch nur allen recht machen. Es schien mir, dass ich nur alles falsch machen konnte. Ich wäre doch doof, wenn ich ein Angebot von Arsenal ausschlug. Ich wäre doch verrückt, wenn ich in meinem Alter allein die Heimat verließ, wo ich glücklich war, wo ich mit Schalke einen guten Club hatte.

Heute ist es alltäglich geworden, dass deutsche Jugendliche mit 15 oder 16 nach England ziehen, um ihre Ausbildung bei den Clubs der Premier League zu absolvieren. Ich aber war der Erste. Es war 1999, in Deutschland gingen talentierte Fußballer zur Schule oder machten eine Lehre und trainierten dann abends drei-, viermal die Woche in ihrer Freizeit in den Jugendteams der Bundesligavereine. Geld wurde Jugendspielern nur verstohlen bezahlt, 630 Mark im Monat, exakt unter der Steuergrenze. Fußball war doch nur die schönste Nebensache der Welt.

Arsenal garantierte mir einen Profivertrag

In England dagegen zog Arsenal als erster Club die Konsequenz daraus, dass Fußball ein globalisiertes Spiel geworden war: Gezielt suchten sie in der ganzen Welt nach den besten Jugendlichen und boten ihnen eine Ausbildung mit bis zu sieben Trainingseinheiten die Woche. Einigen wie mir garantierten sie auch einen anschließenden Profivertrag, sobald sie 17 wären.

Von "Kinderhandel" sprach der Jugendsekretär des Deutschen Fußball-Bundes, als Arsenals Werben um mich bekannt wurde. "Ein unmoralisches Angebot" nannte es der Jugendkoordinator meines Clubs Schalke 04. Wenn er ein anständiger Junge ist, bleibt er in Deutschland, bleibt er daheim, hörte ich von allen Seiten. Nur die Jugendlichen und Kinder sagten: Arsenal, echt cool.

Das Mikrofon stand wie eine Pistole vor meiner Nase

Unser Telefon klingelte. "Bild"-Zeitung, der SPIEGEL, die "Süddeutsche Zeitung". Wir gingen nicht mehr ran. Aber das Telefon klingelte weiter, das Geräusch klang für mich schon bald wie eine Sirene. Das Deutsche Sport-Fernsehen überfiel mich nach einem Jugendspiel in Schalke. Ich wollte kein Interview geben. Das Mikrophon stand wie eine Pistole vor meiner Nase. Die Kamera lief schon.

"Der Medienrummel muss ganz schön hart für dich sein, du bist ja erst 15", sagte der Reporter, scheinbar verständnisvoll. "Ja, es ist schon viel. Es ist nicht einfach, damit zurechtzukommen." In den nächsten Tagen strahlten sie den Bericht über mich aus. Moritz Volz - ein 15-jähriger Junge - habe von Arsenal unglaublich viel Geld angeboten bekommen, sagte die Reporterstimme. Unmittelbar daran anschließend hatten sie mein Zitat geschnitten: "Ja, es ist schon viel. Es ist nicht einfach, damit zurechtzukommen."

Günther Jauch lud meinen Vater und mich in seine Talkshow ein. Da war ich vermutlich genauso eitel wie die meisten: Jauch sagt man nicht ab. Ich saß in meinem grauen Anzug von der Schulfeier neben meinem Vater, und er redete die meiste Zeit für mich. So wie es wohl bei den meisten 15-Jährigen gewesen wäre. Zur öffentlichen Meinung allerdings passte das Bild, das wir abgaben, perfekt: Der Vater verkauft ihn!

Oh Gott, war mein Vater peinlich

Heute hätte ein Jugendlicher in meiner Situation einen professionellen Agenten an seiner Seite. Mein Vater und ich dagegen nahmen nur meinen kleinen Bruder Konni mit zu den Gesprächen mit Schalkes Manager Rudi Assauer. Als mein Vater irgendetwas von den Spielern der Schalker Profielf erzählte, überkam mich neben ihm ein Gefühl, das wohl fast jeder als ständigen Begleiter aus der Pubertät kennt: Oh Gott, war mein Vater peinlich. Er verwechselte vor Assauer konsequent die Vornamen der Schalker Spieler, Jiri Nemec hieß bei ihm Radoslav, Nico Van Kerckhoven nannte er Marc.

Ich begann, überall Stimmen zu hören. Schau mal, da ist der Volz. Echt cool, der kann nach England gehen. Ach, dem geht es doch nur um die Kohle. Und dabei ist er doch gar nicht so ein guter Fußballer. Ich traute mich nicht, Arsenal zuzusagen, und schaffte es nicht, Arsenal abzusagen. So oft ich auch Pro und Kontra durchging, ich kam immer nur zum selben Ergebnis: Am liebsten würde ich für Schalke und Arsenal spielen.

Lesen Sie in einer Woche im zweiten Teil, wie Moritz Volz in die Geschichte der Premier League einging.

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Zur Person

  • DPA
    Moritz Volz, Jahrgang 1983, ist in Siegen aufgewachsen und wechselte als 16-Jähriger vom FC Schalke 04 zum FC Arsenal. 2003 ging der Verteidiger zum FC Fulham und spielte bis 2009 für den Verein im Londoner Westen. Seit 2010 steht er beim FC St. Pauli unter Vertrag.
    In England ist Volz überaus beliebt. "Er ist ein Deutscher mit Sinn für Humor. Mehr noch, er ist ein deutscher Fußballer mit Sinn für Humor", schrieb einst der "Guardian".

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