23.02.2012
Bayern-Niederlage
Schmach in der Schweiz
Aus Basel berichtet Oliver TrustMit jedem Wort von Mario Gomez bröckelte die Front der Schönredner. Wie ein verzweifelt bemühtes PR-Team waren zuvor die Bayern-Mitarbeiter an den wartenden Journalisten vorbeigezogen. Sportdirektor Christian Nerlinger hatte trotz der 0:1-Niederlage beim FC Basel im Achtelfinal-Hinspiel der Champions League die Einstellung des eigenen Teams gelobt. Kapitän Philipp Lahm erinnerte daran, "dass wir im Rückspiel noch alle Chancen haben".
Toni Kroos sah eine "wesentliche Leistungssteigerung im Vergleich zum Wochenende" als man bei Liga-Schlusslicht SC Freiburg nicht über ein mageres 0:0 hinausgekommen war. Präsident Uli Hoeneß war zu den Reportern geeilt, um kundzutun, es sei nichts verloren, man könne die Sache positiv sehen: "Das habe ich auch der Mannschaft gesagt."
Gomez machte das alles nicht mit. "Wenn wir jetzt keine Krise haben. . . ", sagte der Stürmer, der auf dem holprigen Rasen des St. Jakob-Park kaum einen verwertbaren Ball bekam. Er musste den Satz gar nicht beenden. Die Lage sei "sehr ernst".
Manuel Neuers Gesicht sah aus wie das von Gomez. Ernst und wie in Beton gegossen. "Es läuft nur, wenn wir 1:0 führen. Schaffen wir das nicht, sieht es so aus wie heute". Das Wort "Krise" wollte er zwar nicht in den Mund nehmen. "Eine gute Phase haben wir nicht", sagte er stattdessen und ließ einen Satz mit Sprengkraft folgen. "Fußball stellen wir uns anders vor."
Laute Vorwürfe in der Bayern-Kabine
Wie genau, blieb an diesem Abend ein Rätsel, weil auch Trainer Jupp Heynckes so wirkte, als fiele ihm nichts ein, was seiner Mannschaft aus der gegenwärtigen Schaffenskrise heraushilft. Heynckes hatte stattdessen ein ausgeglichenes Spiel in Basel gesehen. "Wir sind selbstbewusst genug, daran zu glauben, es im Rückspiel noch zu richten", sagte er.
In der Bayern-Kabine soll es nach der Niederlage sehr laut geworden sein, hieß es später. Von gegenseitigen Vorwürfen ist die Rede. Am Spielfeldrand stand Ex-Trainer Ottmar Hitzfeld und sah die Mannschaft "zurzeit ein bisschen auseinander fallen", was Lahm ebenso wenig verhindern konnte wie Arjen Robben und Franck Ribéry. Die Bayern-Krise ist auch eine Krise der Führungsfiguren, Heynckes eingeschlossen.
Ohne zu einem von Leichtigkeit inspirierten Spielzug fähig zu sein, schob man sich vor dem Basler Strafraum die Bälle zu und hoffte gegen den defensiven und taktisch disziplinierten Schweizer Meister auf einen Geniestreich der Künstler Robben und Ribéry. Bei Kontern des FC Basel reagierte die Abwehr um Jérôme Boateng, Holger Badstuber und Rafinha kopflos wie beim späten Gegentor in der 86. Minute durch Valentin Stocker. Es sei "bedenklich", was da passiere, kommentierte Franz Beckenbauer, Basel habe "verdient gewonnen".
Das Finale im eigenen Stadion ist weit weg
In der 71. Minute musste Ribéry raus, Thomas Müller kam für ihn. Der Franzose marschierte angesäuert an Heynckes vorbei. Kein Handschlag, kein Blick, kein Wort. "Da scheint einiges nicht zu stimmen", vermutete Hitzfeld, was Hoeneß als Unsinn abtat. "Ihr immer mit eurem scheiß Handschlag" polterte er. "Wir sind doch nicht im Mädchen-Pensionat". Nein, man ist beim FC Bayern München, einem Club, der in akuter Gefahr ist, im Rennen um den ersehnten Einzug ins Champions-League-Finale am 19. Mai im eigenen Stadion viel zu früh auszuscheiden.
Auf dem nach den Champions-League-Partien üblichen Bayern-Bankett sah Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge deshalb die Zeit für eindringliche Appelle gekommen. "Wir müssen gemeinsam und hart arbeiten, um aus dieser Scheiße, die wir uns in den letzten Wochen eingebrockt haben, raus zu kommen." Spätestens jetzt war das Schönreden beendet.
Rummenigge holte aus, sachlich im Tonfall, deutlich in der Sprache: "Ich möchte an die Mannschaft appellieren: Ihr müsst wach werden! Es hat keinen Sinn, auf den Platz zu gehen und zu glauben, die Dinge werden sich von selbst regulieren. Ihr müsst jetzt aggressiv spielen und die alte Sepp-Herberger-Weisheit 'Einer für alle, alle für einen' müsst ihr jetzt wieder aus dem Hut zaubern."
Das sollten sie nun nicht erst im Rückspiel gegen Basel am 13. März beweisen, sondern gleich am Sonntag, wenn es in der Bundesliga gegen den FC Schalke 04 (15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) geht. Auch da gibt es nach dem Verlust der Tabellenführung schließlich einiges aufzuholen.
