15.05.2012
Fan-Randale beim Karlsruher SC
"Ein solcher Exzess war nicht zu erwarten"
Von Christoph Ruf, KarlsruheUm 22:20 Uhr beendete Schiedsrichter Felix Zwayer die Relegationspartie des Karlsruher SC gegen Jahn Regensburg. Der KSC hatte nur 2:2 gespielt, der Abstieg des badischen Traditionsvereins in die dritte Liga stand somit fest. Doch aufs Spielfeld blickte in diesem Moment keiner der 26.000 Zuschauer. Vor der KSC-Kurve eskalierten die Ereignisse: Mehrere Dutzend Fans kletterten über den Zaun, im Nachbarblock ging ein Tor auf. Böller detonierten, immer mehr Fans stürmten das Feld und drohten die Ordnerkette zu überrennen. Es war der denkbar unrühmlichste Abschied des einst ehrenvollen Karlsruher SC aus dem Profifußball.
Die vorhandenen Polizisten taten ihr Mögliches, den Platzsturm zu verhindern. Auch die wenigen Beamten, die sich vor den etwa 400 Gästefans aufgebaut hatten, rannten nun zur KSC-Kurve. Die Jahn-Spieler flüchteten in die Kabine. Der Abend geriet völlig außer Kontrolle.
Schon zu diesem Zeitpunkt war klar: Die Dimension der Fan-Wut wurde im Vorfeld völlig unterschätzt. In den kommenden Stunden sollte sich das bestätigen. Die unterbesetzte Polizei wurde in ein Katz-und-Maus-Spiel mit mehreren hundert wütenden KSC-Anhängern verwickelt.
Attacken mit Bierflaschen und Steinen
Die Polizei versuchte zunächst, die KSC-Fans zurück in den Block zu treiben. Das gelang nur nach einem Scharmützel, bei dem keine der beiden Seiten zimperlich vorging. Viele Fans suchten die direkte Konfrontation, einer lief allein auf die schwer bewaffneten Beamten zu, holte zum Schlag aus - und lag kurz darauf niedergestreckt am Boden. Der Fanblock leerte sich allmählich. Als die Jahn-Fans später das Stadion verließen, versuchten KSC-Fans, sie anzugreifen. Beim Versuch, das zu verhindern, wurden offenbar die meisten verfügbaren Polizeikräfte gebunden.
Kein Wunder: Nachdem am letzten Liga-Spieltag gegen Eintracht Frankfurt mehrere hundert Beamte und zwölf Pferde auf dem Spielfeld ihre Macht demonstriert hatten - unnötigerweise, wie sich herausstellte, schließlich hatte nicht ein Eintracht-Fan versucht, das Spielfeld zu stürmen - waren diesmal nur 200 Beamte vor Ort, wie Polizeisprecher Fritz Bachholz SPIEGEL ONLINE bestätigt. "Wir wurden mit Bierflaschen, Steinen und Holzknüppeln beworfen. Die haben sich alles gegriffen, was nicht niet- und nagelfest war."
Gleich an drei Punkten habe man Schlimmeres verhindern müssen: Zwischen Haupttribüne und KSC-Kurve, vor der Geschäftsstelle, wo die Vereinsgaststätte seither einen Großteil ihres Inventars vermisst und zwischen den beiden Fanblöcken. Einen solchen "Ausbruch an Aggression und Gewalt" habe er in seiner bisherigen Beamtenlaufbahn noch nicht erlebt, sagt Bachholz.
Friedliche Fans zeigten sich schockiert
Der Polizeisprecher verwahrte sich gegen den Vorwurf, man sei mit zu wenigen Kräften vor Ort gewesen: "Es waren 200 Beamte und 350 Ordner im Einsatz. Wir haben den Abstieg einkalkuliert. Dass es allerdings zu solchen Exzessen kommen würde, war nicht zu erwarten."
Auch viele friedliche Fans - die übergroße Mehrheit der KSC-Sympathisanten - zeigten sich schockiert über die Ausschreitungen. "Ich habe mich gewundert, dass die Polizei nicht rechtzeitig Verstärkung angefordert hat", sagte eine Augenzeugin. "Spätestens in der 80. Minute, als der Abstieg Formen angenommen hat, war doch klar, was passieren würde." So aber "konnten die Randalierer fast überall machen, was sie wollten".
Tatsächlich trafen zeitgleich zur Randale vor den Fanblöcken die ersten Randalierer vor der Geschäftsstelle ein, die an der gegenüberliegenden Seite des Stadions liegt. Ein großer Pulk stand plötzlich unmittelbar vor der Geschäftsstelle, die von innen panikartig abgeschlossen wurde. Von nun an konnten weder Spieler, Offizielle, Angestellte und verbliebene VIP-Fans noch Journalisten das Gebäude verlassen. Eine Anordnung des Ordnungsdienstes, der "für Ihre Sicherheit nicht garantieren kann", wie es hieß.
Die Ordner waren in diesem Bereich komplett allein, kein Polizist konnte dafür sorgen, dass der Durchgang frei gemacht wird. Eine Ordnerin musste von Kollegen zitternd weggeführt werden, Frauen, denen eineinhalb Stunden lang der Weg zum Auto versperrt war, brachen in Tränen aus.
Die Situation entspannte sich erst, als einzelne KSC-Profis wie Gaetan Krebs oder Klemen Lavric sich den Fans stellten und mit ihnen diskutierten. Sie zeigten dabei mehr Mut als manche KSC-Offizielle, die sich verschanzt hielten.
Die Bilanz des Abends: 76 Verletzte, darunter 18 Beamte, 109 Gewahrsamnahmen, acht Festnahmen. Und ein restlos zerstörtes Club-Image.

