27.05.2012
DFB-Pleite gegen die Schweiz
Deutschland braucht Bayern
Aus Basel berichtet Peter AhrensEs hat genau eine Woche gedauert seit diesem horrenden Champions-League-Finale, aber jetzt dürfen sich die Spieler des FC Bayern doch noch als Sieger fühlen. Das Länderspiel gegen die Schweiz, die 3:5-Niederlage von Basel, die bemerkenswerten Defizite im Abwehrbereich der Nationalelf - dies alles hat wohl auch dem hartnäckigsten Bayernhasser klargemacht: Ohne die Defensivabteilung des Deutschen Rekordmeisters geht es nicht, wenn man das Ziel "Europameistertitel" ernsthaft anstreben möchte.
Die Bayern, die nach der Niederlage gegen den FC Chelsea aus der Vorwoche eine kreative Pause verordnet bekommen hatten, waren erst am Samstag zur Nationalmannschaft gestoßen - logischerweise zu kurzfristig, um schon gegen die locker aufspielenden Schweizer von Trainer Ottmar Hitzfeld eingesetzt zu werden. In Basel wurden sie vermisst, schmerzlich sogar. Die Ruhe eines Manuel Neuer im Tor, das Stellungsspiel des jungen Holger Badstuber, der Biss eines Philipp Lahm, die Aufräumarbeit eines Bastian Schweinsteiger - sie werden in dieser Mannschaft gebraucht. Dringend. Das ist die Lehre von Basel.
Über die Wertigkeit von Testspielen wird in jedem Fall ausgiebig und gerne gestritten. Und über die Bedeutung einer Partie, in der 14 Tage vor der ersten EM-Aufgabe noch sieben von elf Stammspielern nicht bereitstehen, muss man an sich erst recht nicht diskutieren. Über die Form einiger Nationalspieler, die sich Hoffnungen auf die Startelf machen dürfen, allerdings schon.
"Noch einiges aufzuarbeiten"
"Heute sind unheimlich viele Dinge passiert, da ist noch einiges aufzuarbeiten", quittierte Bundestrainer Joachim Löw das "ärgerliche Ergebnis", bevor er und die Spieler ohne große weitere Kommentare zum Bus eilten, um noch den Flieger zurück ins Trainingslager nach Südfrankreich zu erwischen. In der Luft hatten besonders Abwehrchef Per Mertesacker und seine Dortmunder Nebenleute Mats Hummels und Marcel Schmelzer allen Grund, über ihr verpfuschtes Testspiel nachzudenken.
Hummels hatte gegen die Schweizer alles von der Hegemonie eingebüßt, die er bei Borussia Dortmund ausstrahlt. Stattdessen stand da ein unsicherer Innenverteidiger auf dem Platz, von dem man das Gefühl hatte, es sei sein allererstes Länderspiel. Es ist aber sein 14. gewesen. Und viele überzeugende waren nicht dabei.
Mertesacker, der sich noch vor Tagen im Trainingslager selbstbewusst wie die geborene Führungsfigur der deutschen Abwehr gerierte, war gegen die Schweizer der vielleicht schwächste deutsche Akteur. Immer wieder stand er falsch, er unterlief Flankenbälle und ließ die beiden Spitzen der Eidgenossen, Eren Derdyiok und Admir Mehmedi, gewähren - Freiräume, die vor allem der künftige Hoffenheimer Derdyiok nach Belieben und zu drei Treffern nutzte.
Problem Außenverteidigung bleibt ungelöst
"Man hat bei Per gespürt, dass er nach der langen Verletzungspause noch das eine oder andere Spiel brauchen wird", sagte Löw. Viele wird er aber nicht mehr benötigen dürfen. Nach dem Test gegen Israel am Donnerstag (20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) wartet dann schon Portugal am 9. Juni als erster EM-Gegner.
Cristiano Ronaldo und Co. dürften sich dann auch über die DFB-Außenverteidiger freuen. Lahm kann schließlich nicht beide Seiten gleichzeitig bespielen. Löw versuchte es am Samstag mit Schmelzer und dem Schalker Benedikt Höwedes. Beide liefen ihren Gegenspielern mit Vorliebe hinterher, Höwedes ließ den Leverkusener Tranquillo Barnetta nach Herzenslust flanken - Ursache für die ersten beiden Gegentreffer.
Und hinter dieser Alibi-Abwehr stand mit dem Mönchengladbacher Marc-André ter Stegen ein bedauernswerter 20-jähriger Debütant, dem man nach einer starken Liga-Saison eine bessere Premiere gewünscht hätte. Je länger das Spiel dauerte, desto fahriger wurde auch der junge Torwart. Der Bundestrainer nahm ihn anschließend verbal in den Arm und nannte ihn "dennoch einen großartigen Torhüter".
Tröstende Worte hielt Löw auch für die deutsche Öffentlichkeit parat. "Das macht mir alles keine großen Sorgen", moderierte er mögliche Aufgeregtheiten aufgrund des Ergebnisses schon einmal präventiv ab: "Wir kommen schon noch in die Spur."
Löw hat dazu ab sofort die Bayern-Spieler zur Verfügung, aber nur noch 13 Tage Zeit. Viel ist das nicht.
Schweiz - Deutschland 5:3 (2:1)
1:0 Derdiyok (21.)
2:0 Derdiyok (23.)
2:1 Hummels (45.)
3:1 Derdiyok (50.)
3:2 Schürrle (64.)
4:2 Lichtsteiner (67.)
4:3 Reus (72.)
5:3 Mehmedi (76.)
Schweiz: Benaglio - Lichtsteiner, Senderos, von Bergen, Ziegler - Inler, Fernandes ab 90.+2 Djourou - Barnetta ab 77. Stocker, Xhaka ab 90. Wiss, Mehmedi - Derdiyok
Deutschland: ter Stegen - Höwedes ab 78. Sven Bender, Mertesacker, Hummels, Schmelzer - Khedira ab 46. Gündogan - Schürrle, Götze ab 78. Lars Bender, Özil ab 46. Reus, Podolski ab 62. Draxler - Klose ab 77. Cacau
Schiedsrichter: Antony Gautier (Frankreich)
Zuschauer: 27.381
Gelbe Karten: Inler - Hummels