28.05.2012
Löws Streich-Quartett
Ab in den Urlaub
Aus Tourrettes berichtet Rafael BuschmannDie 22. Trainingseinheit war eine Premiere: zum ersten Mal nach knapp zwei Wochen Trainingslager versammelte Bundestrainer Joachim Löw am Montagmorgen seinen gesamten Kader um sich. Alle 27 Akteure standen auf dem akribisch gemähten Rasen des Trainingscamp in Tourrettes. Auch die Spieler des FC Bayern München, die erst vorgestern in Südfrankreich gelandet waren, waren mit dabei.
Mit einigen Stunden Abstand betrachtet wird klar: Es ging bei dieser ersten gemeinsamen Einheit weniger um das Einstudieren von Laufwegen, Pressing oder Eckbällen. Vielmehr diente sie der Begrüßung der einen und Verabschiedung der anderen Spieler. Denn nur kurz nach dem Training bat Joachim Löw die Spieler Cacau, Sven Bender und Julian Draxler sowie Torwart Marc-André ter Stegen jeweils einzeln zum Gespräch.
Während nur knapp eineinhalb Kilometer entfernt vom DFB-Quartier Sami Khedira in einer Pressekonferenz darüber sprach, dass die Streichung aus dem EM-Kader "für jeden Spieler extrem brutal ist", teilte Löw dem Quartett mit, dass es nicht mit nach Polen und in die Ukraine reisen darf.
Einmal mehr demonstrierte der 51-Jährige so, dass er ein klarer Verfechter von Kontinuität und langsamem, stetem Wachstum ist. Im endgültigen Aufgebot finden sich 14 Spieler wieder, die bereits das WM-Turnier 2010 gespielt und Bronze gewonnen hatten. Dieser Wunsch, Erfolg durch Nachhaltigkeit zu erzielen, ohne große Experimente oder Überraschungen, zeichnet Löw aus. Das Prinzip zieht sich nahtlos durch seine gesamte DFB-Ära. Die Zeiten, in denen überalterte Altstars wie beispielsweise Lothar Matthäus bei der EM 2000 aufgrund des öffentlichen Drucks für ein Turnier nominiert wurden, sind schon seit der WM 2006 und dem Trainerduo Jürgen Klinsmann/Löw passé.
Insofern sind die jüngsten Streichungen nicht sonderlich überraschend. Ter Stegen, Draxler und Sven Bender sind allesamt Anfang 20, sie stehen noch am Anfang ihrer Karrieren, haben bisher kaum internationale Erfahrungen sammeln können. Wenn sie es schaffen, diesen Rückschlag wegzustecken, dürften sie zeitnah in Löws Kader zurückkehren.
Auch die Demission Cacaus passt voll und ganz zu Löw. Der Nationaltrainer hielt so lange und eisern am gebürtigen Brasilianer fest, dass die Streichung nun einer Erlösung gleichkommt. Cacau, der eine katastrophale vergangene Saison gespielt hatte und beim VfB Stuttgart nur noch Edelreservist war, wirkte in zahlreichen Übungen auf dem Trainingsplatz in Tourrettes völlig deplaziert. Bei manchen Einheiten sah es aus, als würde dort ein Vater, der früher einmal in Form war und gut Fußball gespielt hat, mit seinem Sohn und dessen Freunden kicken.
Die Nationalmannschaft hat Cacau schlichtweg überholt, Spieler wie Marco Reus haben ein wesentlich größeres Potential. Cacau hat zwar nach wie vor eine große Ruhe vor dem Tor, glänzt noch immer mit guter Übersicht. Aber ihm fehlt seit geraumer Zeit die nötige Dynamik, der schnelle Antritt und auch das Durchsetzungsvermögen für die Momente, auf die Löw und sein Team hinarbeiten.
"Ich werde in jedem Training alles geben, damit ich bei der EM dabei bin", hat der Stürmer noch vor wenigen Tagen gesagt. Zudem kokettierte er mit seinem Wert als Teamspieler, der die Mannschaft bei Laune halten kann. Aber auch dieser letzte Strohalm, der für Löw bisher keineswegs ein unbedeutender war, konnte Cacau diesmal nicht retten. Nun ist die Nationalmannschaftszeit des Stuttgarters wohl endgültig abgelaufen. Es scheint nach den Eindrücken der vergangenen Trainingswochen selbst für den Nostalgiker Löw ausgeschlossen, Cacau jemals wieder ins Nationalteam zu holen.
Menschlich wird die Abreise des Stuttgarters ein Verlust für das DFB-Team darstellen. Sportlich aber hat seine Streichung, wie auch die der drei anderen Spieler für die EM-Mannschaft keine Bedeutung. Das Quartett wäre ohnehin über den Status des Ergänzungsbeiwerks nicht hinaus gekommen, realistische Chancen auf EM-Einsätze hatte niemand von ihnen. Wahrscheinlich wird schon beim Länderspiel in Leipzig gegen Israel am kommenden Donnerstag kaum jemand über Draxler und Co. sprechen. Dann sind die vier bereits im Urlaub.