29.05.2012
DFB-Kader
Viel Fleiß, kein Preis
Aus Tourrettes berichtet Rafael BuschmannAm späten Montagabend versammelte Bundestrainer Joachim Löw zum ersten Mal seinen endgültigen EM-Kader um sich. 23 Spieler aus elf Vereinen sind es geworden. Sie sollen in den kommenden Wochen gemeinsam an der Realisierung des Projekts "Europameistertitel" arbeiten.
Mit dabei waren auch erstmals die Spieler des FC Bayern, die verspätet ins zweite DFB-Trainingslager angereist waren. Zudem tummelten sich auch alle Rekonvaleszenten bei tief stehender Sonne auf dem Fußballplatz im französischen Tourrettes.
Wie Per Mertesacker, der über drei Monate verletzt war und nun versucht, die Abwehr zu dirigieren. Oder Bastian Schweinsteiger und Mario Götze, die monatelang mit größeren Blessuren zu kämpfen hatten, jetzt aber wieder einsetzbar sind. Genau wie Miroslav Klose, dessen Körper mittlerweile die vielen Profi-Jahre mit etlichen Zipperlein quittiert, der aber am Montagnachmittag trotzdem mit Vehemenz aufs Tor köpfte und schoss.
Drei fitte Spieler wurden aus dem Kader gestrichen
Doch wirklich fit wirkt noch keiner der vier Akteure. Götze, den seine Mitspieler in Dortmund neckisch "Pummelfee" nennen, trägt weiterhin noch einiges an überflüssigem Körperballast übers Spielfeld. Mertesacker und Klose sind noch lange nicht bei ihrer alten Spritzigkeit. Bei der 3:5-Testspielpleite gegen die Schweiz kamen sie in den entscheidenden Situationen zwei, drei Schritte zu spät. Und Schweinsteiger sucht nach wie vor seinen Rhythmus und sagt selbst: "Ich brauche jetzt jedes Spiel."
Im Gegensatz dazu stehen Julian Draxler und Sven Bender voll im Saft. Sie haben viele der 22 Trainingseinheiten mitgemacht, Draxler war sowohl auf Sardinien als auch in Südfrankreich dabei. Doch für sie sowie Mönchengladbachs Torhüter Marc-André ter Stegen und den in den vergangenen Wochen ein wenig überfordert wirkenden Cacau reichte es trotzdem nicht. Sie mussten am Sonntag Abend nach Deutschland zurückfliegen. Bis auf die Personalie Cacau stellt sich nun aber die Frage, warum drei fitte Akteure nach Hause geschickt werden, während andere Spieler ihrer Form mühsam hinterherlaufen?
Wenn es nach dem in vielen Gesellschaftsbereichen teilweise unerbittlich vorhandenem Leistungsprinzip gehen würde, hätten Löws Streichkandidaten eher Mertesacker, Klose, Götze oder Schweinsteiger heißen müssen. Sie alle bringen aktuell nicht die Form, die man von zukünftigen Europameistern erwartet. "Aber alleine mit jungen, talentierten Spielern gewinnst du eben kein Turnier", sagt Sami Khedira.
Das Team muss als Einheit funktionieren
Der Mittelfeldspieler des spanischen Meisters Real Madrid verteidigt Löws Marschroute, wenig zu experimentieren und sich in erster Linie von denen zu trennen, die neu dabei sind. "Schweinsteiger, Klose und Mertesacker sind für die Mannschaft sehr wichtig. Nicht nur auf, sondern auch außerhalb des Platzes", so Khedira. Er zählt auf, wie viele Turniere die Granden des Teams schon gespielt haben und nennt sie "unverzichtbar wegen ihrer Ruhe und Erfahrung". Für ein Team brauche es Spieler, die in schwierigen Phasen den Mund aufmachen, die sich auch etwas trauen, sagt Khedira.
"Wir brauchen ein Team, das funktioniert", sagt Löw mit Nachdruck. Die Spieler, die nun endlich den ersten Titel einer deutschen Nationalmannschaft seit 16 Jahren erringen sollen, müssen dafür nicht als Individuen funktionieren, sondern als Einheit. Dabei ist es für Löw fast unerheblich, ob ein oder vier Spieler zehn Tage vor dem Turnier noch nach ihrer Form suchen.
Dass dieses Vertrauen in den Kader aufgehen kann, hat der Bundestrainer schon mehrfach bewiesen: Zuletzt vor der WM 2010, als im Vorfeld des Turniers sowohl Klose als auch Lukas Podolski trotz einer vorangegangen schwachen Saison in die Stammmannschaft gerückt waren. Am Ende waren es insbesondere Klose und Podolski, die dieses Turnier nachhaltig geprägt haben. Auch damals predigte Löw fast ununterbrochen, dass eine Mannschaft nicht aus Namen oder Einzelspielern, sondern ausschließlich aus der Funktion der Gesamtheit besteht.
Dies wird er wohl gestern auch seinen drei jüngsten Akteuren noch mal mitgeteilt haben. Für Draxler, Sven Bender und ter Stegen ist das bitter. Und führt auch zu der Erkenntnis: Fleiß und Fitness alleine garantieren bei weitem noch keine EM-Teilnahme.


