15.06.2012
Spaniens 4:0 gegen Irland
Comeback der Pass-Könige
Aus Danzig berichtet Oliver TrustIn Spanien können sie wieder beruhigt schlafen. Die eigene Nationalmannschaft müde? Satt nach den beiden großen Triumphen bei der EM 2008 und bei der WM 2010? Von wegen. Nach dem 1:1 zum EM-Auftakt gegen Italien gab es Kritik an der Mannschaft von Trainer Vincente del Bosque. Doch die ist nach dem furiosen 4:0-Sieg über Irland vergessen.
"Wir hatten riesige Lust zu siegen", sagte Doppel-Torschütze Fernando Torres nach der Partie. Und nachdem der zweite Gruppenspieltag bei diesem Turnier fast beendet ist, lautet die Zwischenbilanz: Neben Deutschland ist auch Spanien mittlerweile sehr gut in Form. Die Iberer haben bewiesen, dass es ein Fehler war, sie nach der durchschnittlichen Leistung im ersten Spiel zu unterschätzen.
Das liegt nicht zuletzt am Coach. Als die Fußballwelt über das Spanien ohne Stürmer spottete, weil gegen Italien mit Cesc Fàbregas statt eines Stürmers ein zusätzlicher Mittelfeldspieler spielte, blieb del Bosque gelassen. Er analysierte den nächsten Gegner Irland - und antwortete mit der Aufstellung von Torres. Del Bosque nutzte gekonnt die Möglichkeiten, die ihm sein breiter Kader bietet. Vor allem in der Offensive hat er ausschließlich Top-Spieler zur Verfügung.
Irlands Rezept gegen Spanien war allein körperliche Härte
Egal, wer spielt, wer ins Spiel kommt - den spanischen Spielern fällt immer eine Lösung ein, so scheint es. Wer geglaubt hatte, nach dem Remis gegen Italien sei das spanische Spiel entschlüsselt, wurde gegen Irland eines Besseren belehrt. Die Mannschaft von Trainer Giovanni Trapattoni war chancenlos und hatte überhaupt keine Idee, was sie dem spanischen Kurzpass-Spiel entgegensetzen sollte. Die Taktik, mit zehn Mann zu verteidigen, war schon nach vier Minuten über den Haufen geworfen, als Torres das 1:0 erzielte. Körperliche Härte allein ist gegen Spanien zu wenig. Das musste Irland am Donnerstagabend in Danzig erkennen.
Dabei spielten die Spanier gar nicht unbedingt innovativ. Sie setzen auf ihr gewohntes Konzept, spielten flach, schlugen so gut wie nie Flanken, passten so häufig am Stück hin und her, dass man mit dem Mitzählen kaum hinterherkam. Spaniens Spielorganisation ist stabil. Dazu kommt die Lust, Routine mit Überraschung zu würzen. "Die Hoffnungen und Wünsche, den Titel zu verteidigen, sind viel größer als die physische Müdigkeit", sagt Juan Mata.
Spanien ist wieder in der Spur, führt die Gruppe C vor Kroatien (beide vier Punkte) an. Am Montag (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) treffen beide Teams aufeinander. Im Falle einer Niederlage würde Spanien sogar das Aus drohen, sollte Italien zeitgleich gegen Irland gewinnen. Aber derzeit deutet nichts auf ein Scheitern Spaniens hin. Die Form stimmt wieder - und plötzlich schießen sie auch viele Tore.
Denn eigentlich sind die Spanier Minimalisten, die trotz der hochkarätig besetzten Offensive häufig nur knapp gewinnen. Das war schon bei der WM so, als das Team gegen Portugal (Achtelfinale), Paraguay (Viertelfinale), Deutschland (Halbfinale) und die Niederlande (Finale) jeweils 1:0 gewann. Und dann war da noch das EM-Endspiel 2008 gegen die DFB-Elf. Endergebnis: 1:0 für Spanien.
In Gniewino, dem kleinen Ort, in dem die Spanier ihr Mannschaftsquartier aufgeschlagen haben, gibt es wenig Glamouröses. Nicht einmal einen Bahnhof. Das Teamhotel fällt unter die Kategorie Funktionsbau und bietet vor allem Ruhe. Am Rande des Trainingsplatzes des Titelverteidigers hängt ein Plakat, das der spanische Verband aufhängen ließ. Die Botschaft darauf klingt so einfach wie überzeugend. "Geschichte gewinnt keine Titel, Bescheidenheit schon."
Spanien - Irland 4:0 (1:0)
1:0 Fernando Torres (4.)
2:0 David Silva (49.)
3:0 Fernando Torres (70.)
4:0 Fàbregas (83.)
Spanien: Casillas - Arbeloa, Piqué, Sergio Ramos, Alba - Xavi, Busquets, Xabi Alonso (65. Javi Martínez) - David Silva, Fernando Torres (74. Fàbregas), Iniesta (80. Santi Cazorla)
Irland: Given - O'Shea, St. Ledger, Dunne, Ward - Duff (76. McClean), Andrews, Whelan (80. P. Green), McGeady - Cox (46. Walters), Keane
Schiedsrichter: Pedro Proenca (Portugal)
Zuschauer: 39.150 (in Danzig)
Gelbe Karten: Xabi Alonso, Javi Martínez - St. Ledger, Whelan, Keane