15.06.2012
Ukraine-Niederlage
Feucht-trauriger Abend für den Gastgeber
Ukrainer Oleh Gusyev: Keine Chance gegen Frankreich - es droht das EM-Aus
Hamburg - Viel war dieser Tage von der Medienpolitik der Uefa die Rede. Pyrotechnik, Flitzer, verbotene Banner - was die Europäische Fußball-Union nicht zeigen will, bekam der TV-Zuschauer auch nicht zu Gesicht.
Doch bei den turbulenten Szenen, die sich am Abend in Donezk zu Beginn der Partie zwischen Co-Gastgeber Ukraine und Frankreich abspielten, war selbst der mächtige Turnier-Ausrichter machtlos.
Blitze zuckten durch den ostukrainischen Himmel, begleitet von einem Niederschlag, den das Wort "Regen" nur noch unzureichend beschreibt. Es war ein Wolkenbruch biblischen Ausmaßes, innerhalb weniger Minuten bildeten sich auf dem Spielfeld große Pfützen. An einen regulären Verlauf der Partie war nicht mehr zu denken.
Nach gerade einmal 4:14 Minuten entschied der niederländische Schiedsrichter Björn Kuipers: Das Spiel muss unterbrochen werden, die Profis wurden vom Feld geschickt. Die Szenen erinnerten an die Wasserschlacht in Frankfurt bei der WM 1974, als Gastgeber Deutschland bei irregulären Bedingungen 1:0 gegen Polen gewonnen hatte.
Beide Teams warteten in den Katakomben auf die Fortsetzung und versuchten sich, mit Dehnübungen warm zu halten. Bayern-Star Franck Ribéry unterhielt sich mit seinem ukrainischen Vereinskollegen Anatoli Timoschtschuk, Frankreichs Coach Laurent Blanc diskutierte mit dem Ukraine-Star Andrej Schewtschenko.
Es dauerte 58 Minuten, ehe der Ball - auf einem erstaunlich gut bespielbaren Platz - wieder rollte. Und vom Wiederanpfiff an machten die Franzosen das Spiel, siegten 2:0 (0:0). "Während der Unterbrechung hatten wir Sorgen, dass es nicht weitergeht, weil wir wirklich das Verlangen hatten, zu spielen", sagte Blanc nach der Partie: "Wir haben das Spiel von der ersten bis zur letzten Minute dominiert."
Die Ukraine, die mit einem umjubelten Sieg gegen Schweden ins Turnier gestartet war, hätte sich mit einem weiteren Erfolg bereits für die K.o.-Runde qualifizieren können. "Wenn wir vorher gedacht haben, dass wir schon im Viertelfinale sind, haben wir uns getäuscht", kritisierte Trainer Oleg Blochin, "mir hat nicht gefallen, dass mein Team nach dem zweiten Gegentor aufgehört hat zu spielen. Frankreich kam mit den Verhältnissen einfach besser zurecht."
Schewtschenkos Schuss nur um Zentimeter am linken Winkel vorbei
Ribéry, später zum Spieler des Tages gewählt, gab das Tempo vor. Jeremy Ménez und Philippe Mexès vergaben noch vor der Pause zwei gute Gelegenheiten (29. Minute/39.). Beide scheiterten am überragenden Keeper Andrej Pjatow. Die beste Gelegenheit der abwartenden Ukrainer hatte Schewtschenko. Bei einem Konter zog der 35-Jährige aus halblinks ab, Frankreichs Schlussmann Hugo Lloris rettete.
Anders als in der ersten Partie gegen Schweden verlor die Ukraine jegliche Kontrolle über das Spiel. Auch wenn sein Team laut Blochin gegen "eine der besten Mannschaften der Welt" spielte - die Fehler in der Abwehr waren teilweise fahrlässig.
In der 48. Minute verlor Ménez zwar auch sein zweites Eins-gegen-Eins-Duell gegen Pjatow und im Gegenzug rauschte Schewtschenkos Schuss nur um Zentimeter am linken Winkel vorbei. Im dritten Anlauf aber traf dann Ménez. Nach Vorarbeit von Karim Benzema ließ der Angreifer von Paris St. Germain Pjatow keine Chance (53.). Nur 180 Sekunden später verwertete Cabaye den zweiten Benzema-Assist mit seinem ersten Länderspieltor zum 2:0. Erneut scheiterte Cabayes am Pfosten (65.). "Wir müssen jetzt über unsere Fehler sprechen", hakte Blochin den Abend lapidar ab.
Frankreich benötigt am Dienstag gegen Schweden (2:3 gegen England) nun nur noch ein Remis zum Einzug ins Viertelfinale. Die Ukrainer verpassten dagegen das vorzeitige Weiterkommen und müssen ihre letzte Partie der Gruppe D am Dienstag gegen England gewinnen, um den vorzeitigen K.o. zu verhindern.
Ukraine - Frankreich 0:2 (0:0)
0:1 Menez (53.)
0:2 Cabaye (56.)
Ukraine: Pjatow - Gussew, Michalik, Chatscheridi, Selin - Tymoschtschuk, Woronin (46. Dewic) - Jarmolenko (68. Alijew), Nasarenko (60. Milewski), Konopljanka - Schewtschenko
Frankreich: Lloris - Debuchy, Rami, Mexes, Clichy - A. Diarra - Nasri, Cabaye (68. M'Vila) - Menez (73. Martin), Ribery - Benzema (76. Giroud)
Schiedsrichter: Björn Kuipers (Niederlande)
Zuschauer: 48.000 (in Donezk)
Gelbe Karten: Selin, Tymoschtschuk - Debuchy, Mexes, Menez
luk/dpa/sid