19.06.2012
EM-Titelverteidiger Spanien
Zähmung der "Roten Furie"
Von Michael BaltesHamburg - Es war eine Zitterpartie, mit der vorher so wohl kaum jemand gerechnet hatte. Im abschließenden Vorrundenspiel der Gruppe C mühte sich Spanien zu einem knappen 1:0-Sieg über Kroatien und sicherte sich damit den Einzug ins EM-Viertelfinale. Erst ein Tor von Joker Jesús Navas in der 88. Minute befreite den Welt- und Europameister von der Angst, vorzeitig das Turnier verlassen zu müssen.
"Wir können sehr zufrieden sein. Es war schwer für uns, ins Spiel zu kommen, aber am Ende war der Sieg verdient", sagte Matchwinner Navas nach der Partie. Eine Einschätzung, die das Spielgeschehen nur unzureichend widergibt. Kroatien war den Spaniern zwar spielerich unterlegen, brachte die Mannschaft von Trainer Vicente del Bosque aber trotzdem an den Rand einer Niederlage und den damit verbundenen Turnier-K.o.
Erst verweigerte der deutsche Schiedsrichter Wolfgang Stark den Kroaten beim Stand von 0:0 einen klaren Elfmeter. Sergio Ramos hatte Mario Mandzukic im Strafraum gefoult. Dann scheiterte der frühere Schalker Ivan Rakitic mit einem Kopfball aus kurzer Distanz an Keeper Iker Casillas. Zudem sorgte der Treffer der Spanier für Aufregung: Beim Abspiel von Cesc Fàbregas auf Andrés Iniesta stand Navas im Abseits, also zunächst passiv. Sekunden später griff er jedoch aktiv ins Spielgeschehen ein, als er das Zuspiel von Iniesta zum entscheidenden Tor verwertete.
Wäre nur eine dieser Szenen anders entschieden worden oder hätte zu einem Tor für die Kroaten geführt, Spanien hätte möglicherweise vor dem Aus gestanden.
Tatsächlich scheint das hochgehandelte Team - Spitzname: "Rote Furie" - etwas von der bisherigen Spielstärke verloren zu haben. Das Fehlen der beiden Schlüsselspieler Carles Puyol (Knieoperation) und Stürmer David Villa (Schienbeinbruch) in der spanischen Elf wiegt offenbar schwerer, als zunächst angenommen. Gegen die Kroaten agierten die Kurzpass-Künstler zwar gewohnt ballsicher; im Abschluss fehlte es aber genau wie im Auftaktspiel gegen Italien an der Durchschlagskraft, dazu kommen eklatante Abstimmungsprobleme in der Defensive.
Der spanischen Abwehr fehlt die Organisation
Die beiden Mittelfeld-Strategen Andrés Iniesta und Xavi schafften es nicht, Stürmer Fernando Torres entscheidend in Szene zu setzen. Die wenigen Aktionen von Torres selbst waren zu leicht durchschaubar für die Abwehr der Kroaten. Trotz seiner beiden Tore gegen Irland ist es ihm bisher nicht gelungen, Villa gleichwertig zu ersetzen. Villa ist ein anderer Spielertyp. Er agiert flexibler, weicht auf die Flügel aus und holt sich Bälle aus dem Mittelfeld. Torres tut das meist nicht.
Noch schwerer ist das Fehlen von Abwehrchef Puyol zu kompensieren. Ohne ihn wirkt die Defensive der Spanier unorganisiert. Der etatmäßige Rechtsverteidiger Sergio Ramos soll ihn in der Innenverteidigung vertreten. Spielerisch ist das kaum ein Problem - ein Abwehrchef ist Ramos aber nicht. Diese Rolle soll Gerard Piqué übernehmen. Dem Profi vom FC Barcelona fehlt dafür aber die Erfahrung. Im Verein ist es schließlich ebenfalls Teamkollege Puyol, der die Anweisungen gibt und seine Nebenleute organisiert.
Genau diese fehlende Organisation der Spanier hätte gegen die Kroaten fast zum Gegentor durch Rakitic geführt. Der frühere Schalker stand bei seinem Kopfball im Strafraum der Spanier völlig frei. Einzig die mangelnde Kopfballstärke des 24-Jährigen und die sehenswerte Parade von Casillas verhinderten den Treffer.
Del Bosque zeigte sich trotzdem zufrieden mit der Leistung seiner Elf: "Heute haben wir einen großen Schritt gemacht. Wir wollten nicht auf Unentschieden spielen, das wäre gefährlich geworden. Kroatien hat ein sehr gutes Spiel gemacht, aber am Ende haben wir bewiesen, dass wir das Spiel kontrollieren können."
Im Viertelfinale trifft Spanien am Samstag (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) entweder auf England, Frankreich oder die Ukraine. Je nachdem wie die abschließenden Vorrundenpartien in der Gruppe D enden. Eins scheint jedenfalls klar, fürchten muss sich der Gegner Spaniens nicht: Die "Rote Furie" scheint bei dieser Europameisterschaft zähmbar.
Kroatien - Spanien 0:1 (0:0)
0:1 Jesús Navas (88.)
Kroatien: Pletikosa - Vida (66. Jelavic), Corluka, Schildenfeld, Strinic - Vukojevic (81. Eduardo), Rakitic - Srna, Modric, Pranjic (66. Perisic) - Mandzukic
Spanien: Casillas - Arbeloa, Piqué, Sergio Ramos, Alba - Xavi (89. Negredo), Busquets, Xabi Alonso - Dav. Silva (73. Fabregas), Iniesta - Fernando Torres (61. Jesús Navas)
Schiedsrichter: Wolfgang Stark
Zuschauer: 36.000
Gelbe Karten: Corluka, Strinic, Rakitic, Srna, Mandzukic, Jelavic

