24.06.2012
DFB-Team im EM-Halbfinale
Jetzt kommt ein Klassiker
Aus Danzig berichten Peter Ahrens und Rafael BuschmannSelbst die eindrucksvollsten Zahlen locken den Bundestrainer nicht aus der Reserve. Das 4:2 gegen Griechenland im EM-Viertelfinale war der 15. Pflichtspielsieg in Folge für die deutsche Nationalmannschaft. Das DFB-Team steht zum vierten Male hintereinander bei einem großen Turnier im Halbfinale. Aber Joachim Löw will von der Rolle des großen Turnierfavoriten für seine Mannschaft immer noch nichts wissen.
"Alle, die jetzt im Halbfinale stehen, sind Top-Teams. Da sind kaum Niveauunterschiede auszumachen", sagte der Coach nach dem Viertelfinale, ließ sich aber immerhin zu einem "großen Kompliment" an seine Mannschaft bewegen. In der Vorschlussrunde würden "ausnahmslos große Nationen mit viel Turniererfahrung" aufeinandertreffen: "Dann entscheiden Kleinigkeiten über Sieg oder Niederlage." Das mag sein. Aber der bisherige EM-Verlauf zeigt auch: Selbst auf solche Kleinigkeiten scheint das deutsche Team bestens vorbereitet.
Der Aufstellungscoup gegen die Griechen mit der neu formierten Offensive um Miroslav Klose und Marco Reus hat Team und Trainer noch einmal auf ein neues Niveau gehoben. Löw hat sich bei dieser EM von seinem eigenen Prinzip, an den bewährten Kräften konsequent festzuhalten, emanzipiert. Er passt die Elf jetzt dem Gegner an. Löw hat damit, wie es so schön heißt, für sich selbst den nächsten Schritt gemacht. Dass er gegen die Griechen auf sämtliche Torschützen aus der Gruppenphase verzichtete, erforderte Mut, aber noch viel mehr die Überzeugung, dass alles, was er tut, auch richtig ist.
Müller bevorzugt England als Halbfinalgegner
Kapitän Philipp Lahm sagt: "Wir haben zwar einen festen Kern in der Mannschaft, der über die Jahre gewachsen ist. Aber um ihn herum gibt es mittlerweile ganz viele Optionen." Und diese Möglichkeiten kann Löw auch gegen die möglichen Halbfinalgegner Italien oder England am Donnerstag (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) ausschöpfen.
Thomas Müller, der seinen Platz in der Startelf für das Griechenland-Spiel an Marco Reus abgeben musste, sagt zwar: "Mit den Engländern haben wir gute Erfahrungen gemacht, die liegen uns." Aber der Bundestrainer scheint davon noch nicht so überzeugt zu sein. Er überbot sich an Lob für die taktische Weiterentwicklung der "Three Lions". "Trainer Roy Hodgson hat es in kurzer Zeit geschafft, der Mannschaft ein passendes taktisches Konzept zu verpassen." Also genau das, was sie im WM-Duell mit den Deutschen vor zwei Jahren vermissen ließ. Damals boten die Engländer dem Löw-Team die Räume an, die Müller und Co. dankbar annahmen und zum 4:1-Erfolg nutzten.
"England ist viel stärker als 2010", warnt Löw jedoch. Dieser Tage hatte er in Interviews noch seiner Hochachtung für die Premier League dadurch Ausdruck verliehen, dass er sich vorstellen könne, nach seiner DFB-Zeit auf der Insel als Coach zu arbeiten. Die Mannschaft um Kapitän Steven Gerrard und Abwehrchef John Terry trete - anders als noch vor zwei Jahren - als Team auf.
Wie sehr Löw die Arbeit seines italienischen Kollegen Cesare Prandelli schätzt, ist ohnehin bekannt. "Italien bringt derzeit alles mit. Die Mannschaft steht hinten sicher und hat vorne brandgefährliche Stürmer", so der Bundestrainer. Italien hat die Lehren aus dem peinlichen Vorrunden-Aus bei der Weltmeisterschaft in Südafrika gezogen. Der personelle Umbruch scheint gelungen. Mit den "Azzurri" hat Löws Team noch eine Rechnung offen: Das bittere Halbfinal-Aus bei der Heim-WM 2006 ist nicht vergessen.
So oder so: Das Halbfinale wird ein Klassiker werden. Deutschland gegen England, oder Deutschland gegen Italien - darüber geht nur noch Spanien. Aber das kommt später.

