27.06.2012
DFB-Manager Bierhoff
"Reizfigur? Das bin ich immer noch"
DFB-Manager Bierhoff: "Wenn Interna rauskommen, ist das immer schlecht"
SPIEGEL ONLINE: Herr Bierhoff, niemand beim DFB hat so viel Italien-Erfahrung wie Sie. Sie spielten über zehn Jahre dort, wurden Meister und Torschützenkönig. Können Sie den italienischen Fußball einmal charakterisieren?
Bierhoff: Italien steht für taktische Disziplin. Das wird dort von klein auf gelehrt. Früher gab es in der Serie A auch fast nur 1:0-Ergebnisse oder zumindest Spiele mit sehr wenigen Toren. Für die Italiener macht das das Besondere am Fußball aus. Der italienische Fan freut sich unwahrscheinlich darüber, wenn er ein Spiel schauen und taktische Feinheiten entdecken kann.
SPIEGEL ONLINE: Umso überraschender ist deshalb das Auftreten der Italiener bei dieser EM. Gegen Kroatien oder auch im Viertelfinale gegen England waren sie die offensivere Mannschaft. Ist das die Handschrift von Trainer Cesare Prandelli?
Bierhoff: Ich glaube, dass sich der Fußball grundsätzlich etwas verändert hat. Die Internationalität in den einzelnen Ligen hat die landestypischen Spielansätze aufgeweicht. Als ich nach Italien ging, waren dort nur zwei Ausländer pro Team zugelassen, da hat man eher nach alter, italienischer Schule trainiert und gespielt.
SPIEGEL ONLINE: Jetzt spielt Italien aber mutig nach vorne.
Bierhoff: Im Viertelfinale war das wohl eher dadurch bedingt, dass England so schwach war. Aber klar: Italien muss Spieler wie Cassano, Balotteli und die anderen Klasseleute in der Offensive bestmöglich in Szene setzen.
SPIEGEL ONLINE: Gelingt ihnen das?
Bierhoff: Sie gehen schon sehr früh auf den Gegner, pressen gut. Aber Italien spiegelt derzeit ja nicht unbedingt den EM-Trend wider.
SPIEGEL ONLINE: Sie meinen, weil aktuell eher die Defensive denn die Offensive spielprägend ist?
Bierhoff: Die meisten Mannschaften igeln sich eher mit acht, neun Mann hinten ein und spielen fast nur gegen den Ball. Italien will aber eher mit ihm spielen.
SPIEGEL ONLINE: 1982 gewann Italien durch Paolo Rossis Tore den WM-Titel. Rossis Sperre wegen Wettbetrugs lief aber erst kurz vor dem Turnier ab. 2006 holte Italien in Deutschland den Titel - trotz des Manipulationsskandals im eigenen Land. Auch jetzt stehen Spieler unter dem Verdacht des Wettbetrugs. Brauchen die Italiener solche Skandale, um erfolgreich zu sein?
Bierhoff: Ich habe vor dem Turnier gesagt: 'Achtung vor den Italienern.' Denn durch solche Skandale wird der sportliche Druck komplett vom Team weggenommen, es wird nichts von ihm erwartet.
SPIEGEL ONLINE: Der ehemalige italienische Nationalspieler Marco Materazzi nannte den Wettskandal sogar "ein gutes Omen für die EM".
Bierhoff: Italien ist skandalerprobt. Nicht nur im Sport. Die Skandale werden dort deshalb auch nicht ganz so dramatisch, sondern eher gelassen genommen. Der Deutsche verlässt sich ja sehr stark auf die Ordnung, den Staat. Der Italiener überhaupt nicht. Er findet seine Sicherheit in der Familie, in seinem Mikrokosmos. So interpretiert es auch die Nationalmannschaft: Je größer die Unruhe draußen ist, desto enger rückt das Team zusammen.
SPIEGEL ONLINE: Im Gegensatz zu den handfesten Italien-Skandalen wirkt der DFB fast wie ein Hort der Glückseligkeit. Sie kämpfen nur gegen Maulwürfe. Ärgern Sie diese Indiskretionen?
Bierhoff: Wenn Interna rauskommen, ist das immer schlecht. Ich bin da zwar selbst nicht so empfindlich, weil es zu mühselig ist, diesen ganzen Dingen bis ins Detail nachzugehen. Zumal mit Handys und Internet vieles unbemerkt passieren kann und man nie weiß, ob man nicht den Falschen verdächtigt. Wir haben aber allen noch mal mit Nachdruck mitgeteilt, dass das nicht in Ordnung ist. Auch, weil wir den Gegner gerne mal überraschen würden.
SPIEGEL ONLINE: Eine Möglichkeit wäre ja, die Mannschaft erst eineinhalb Stunden vor Spielbeginn über die Aufstellung zu informieren.
Bierhoff: Bisher war es eine unserer Stärken, die Spieler frühzeitig zu informieren und ihnen somit Klarheit zu geben. Natürlich gibt es auch Trainer, die die Aufstellung erst kurz vor Spielbeginn bekanntgeben und so bis zuletzt für eine hohe Konzentration bei jedem einzelnen sorgen wollen. Mal sehen, für was wir uns am Donnerstag entscheiden.
SPIEGEL ONLINE: Aber bis auf diese Maulwurfgeschichte ist das Team doch ein Segen für jeden Trainer und Mannschaftsverantwortlichen. Oder sind die Spieler zu brav?
Bierhoff: So würde ich das nicht bezeichnen. Unsere Spieler sind vielmehr professionell. Die Mannschaft ist zudem authentisch und auch ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. In unserem Miteinander sind uns Werte wie Integration, Respekt und Offenheit sehr wichtig.
SPIEGEL ONLINE: Wünschen Sie sich aber nicht manchmal einen Spieler mit mehr Ecken und Kanten? Einer wie es beispielsweise Kevin-Prince Boateng ist?
Bierhoff: Wir können uns solche Spieler nicht herzaubern. Wobei Spieler mit einem solchen Image aus unserer Perspektive gar nicht zu unserer Mannschaft passen würden. Andererseits wäre es für mich schon problematisch, wenn ich merken würde, dass wir hier nur eine "Wohlfühloase" hätten. Das wäre für die Leistung des Teams sicher nicht förderlich. Dagegen setzen wir schon Reizpunkte.
SPIEGEL ONLINE: Wie sehen diese konkret aus?
Bierhoff: Wir wollen nicht, dass hier alles samtig und weich ist. Wir wollen, dass jeder seine Meinung sagt, Kontroversen ausgetragen werden.
SPIEGEL ONLINE: Thomas Müller oder Mats Hummels haben hier zuletzt auch Kritik an der medialen Berichterstattung geübt. Unterstützen Sie solch ein Auftreten?
Bierhoff: Natürlich geben wir den Spielern auch mal Hinweise auf bestimmte Dinge. Ich will aber auf keinen Fall Spieler managen, die sich nur stromlinienförmig äußern. Genauso wenig mag ich Floskeln. Wenn die Spieler sprechen, dann sollen sie auch etwas zu sagen haben. Aber sachliche Kritik an uns und an ihnen muss erlaubt sein. Damit müssen wir leben - ohne Wenn und Aber.