28.06.2012
DFB-Gegner Italien
"Die Deutschen haben Angst vor uns"
Von Sara PeschkeHamburg - Dass Andrea Pirlo ziemlich abgebrüht ist, zeigte sein frecher Elfmeter gegen Englands Torhüter Joe Hart: lässig, technisch brillant und unhaltbar. Nun griff der Italiener vor dem Halbfinale gegen Deutschland am Abend (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) erneut in die Trickkiste. Eher beiläufig erinnerte der Spielmacher der Azzurri an die bisherigen Turnier-Duelle beider Teams - und verwies listig schmunzelnd auf die rabenschwarze Bilanz der DFB-Elf. So stark und zuversichtlich sich die DFB-Elf vor der Partie auch geben mag, Pirlo ist sicher: "Die Deutschen haben Angst vor uns."
Zusammen mit Torhüter Gianluigi Buffon, Daniele De Rossi und Andrea Barzagli gehörte Pirlo zum Weltmeisterteam 2006, das den damaligen Gastgeber Deutschland im Halbfinale nach Verlängerung 2:0 besiegte. Auch jene Italiener, die nicht dabei waren, werten die Partie vor sechs Jahren als gutes Omen: "Ich glaube zwar nicht, dass die Deutschen uns gegenüber einen Minderwertigkeitskomplex haben. Aber sie respektieren uns mehr als andere. So wird es auch am Donnerstag sein", prophezeite der Deutsch-Italiener Riccardo Montolivo, dessen Meinung dieser Tage besonders gefragt ist. "Jede Mannschaft hat Schwächen, aber die Deutschen haben nur ganz wenige", sagt er.
Auch die italienischen Zeitungen sehen in der gemeinsamen Geschichte einen Vorteil für die Azzurri: Sie drucken Bilder von den Siegen der Italiener in den WM-Halbfinals von 1970 und 2006 sowie im Endspiel 1982. "Sie haben Angst vor uns", titelte die Sportzeitung "Tuttosport" und die "Gazzetta dello Sport" warnte die DFB-Elf mit der etwas holprigen deutschen Schlagzeile: "Achtung Italia".
Parallelen mit Triumphjahr 2006
Italien hofft auf die Fortsetzung der Serie - und zieht Parallelen zum Triumphjahr 2006: Wie damals ist der neuerliche Wettskandal angesichts des bisherigen Turnierabschneidens der Azzurri kaum noch Thema. Vergessen sind auch die blamablen Vorbereitungsspiele, als man gegen die USA (0:1) und Russland (0:3) verlor. Es scheint, als habe die turbulente Vorbereitung gekrönt durch eine Razzia im Trainingslager, den Zusammenhalt der Italiener gestärkt. Und als erspiele sich das Team von Trainer Cesare Prandelli immer mehr - beinahe überhebliche - Selbstsicherheit: "Unser Mittelfeld ist so stark wie das der Spanier. Das haben wir bewiesen", sagte Pirlo. Und sein Coach ergänzte: "Wir haben große Lust auf dieses Spiel. Unser Adrenalinspiegel ist ganz oben."
Prandelli wird als Vater des Erfolgs gefeiert. Der 54-Jährige hat das ängstliche Catenaccio-System überwunden und seinem Team einen eher landesuntypischen Angriffsfußball beigebracht. Dabei setzt er auf polarisierende Offensivspieler wie Antonio Cassano und Mario Balotelli. "Wir dürfen uns nicht zurückziehen, sondern müssen versuchen, Deutschland unser Spiel aufzuzwingen", sagt Prandelli. Doch den Italienern gelangen in ihren bisherigen Spielen - abgesehen vom Elfmeterschießen gegen England - erst vier Tore bei dieser EM. Ganz scheint Italien seinen ergebnisorientierten Fußball also noch nicht losgeworden zu sein.
"Schwächen der Deutschen nutzen"
Sorgen bereiten den Italienern weniger ihre Gegner als die eigene körperliche Verfassung: Nach dem kräftezehrenden Viertelfinale gegen England am Sonntag haben sie zwei Tage weniger Regenerationszeit als die deutschen Spieler. "Das kann sich in solch einer wichtigen Turnierphase bemerkbar machen", sagte Teamarzt Enrico Castellacci. Unklar ist zudem, ob Mittelfeldstar Daniele De Rossi und Abwehrspieler Ignazio Abate im Halbfinale einsatzbereit sind. Innenverteidiger Giorgio Chiellini meldete sich hingegen fit. Alle drei mussten gegen England wegen Muskelproblemen ausgewechselt werden.
Prandelli hat somit wenig Variationsmöglichkeiten für seine Aufstellung. Seine Taktik ist deshalb simpel: "Wir müssen die Momente nutzen, in denen Deutschland schwächer ist", sagte Prandelli: "Jede Mannschaft hat solche Phasen."
Deutschland - Italien in Warschau (20.45 Uhr)
(voraussichtliche Aufstellungen)
Deutschland: Neuer - Boateng, Hummels, Badstuber, Lahm - Schweinsteiger , Khedira - Reus, Özil, Podolski - Gomez
Italien: Buffon - Abate, Barzagli, Bonucci, Chiellieni - Marchisio, Pirlo, De Rossi - Montolivo - Cassano, Balotelli

