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22.11.2012
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Ultras zu DFL-Sicherheitsplänen

"Das Papier ist inakzeptabel"

dapd

Fußballfans, Polizei (Archiv): "Nicht so heftig wie früher"

Das DFL-Papier "Sicheres Stadionerlebnis" stößt bei vielen Fans und Clubs auf Ablehnung. Nun nehmen auch Ultras von mehr als 40 Vereinen Stellung. Im Interview redet ihr Sprecher, der Hamburger Ultra Philipp Markhardt, über Polizeistatistiken, Ganzkörperkontrollen und einen Stimmungsboykott.

SPIEGEL ONLINE: Herr Markhardt, die Deutsche Fußball Liga (DFL) will Stadien sicherer machen. Was haben Sie dagegen?

Markhardt: Nichts natürlich, die Vorschläge machen die Stadien nur nicht sicherer. Aber immerhin bittet man uns mittlerweile, eine Stellungnahme abzugeben. Trotzdem bleibt das Papier für uns in seiner derzeitigen Form inakzeptabel.

SPIEGEL ONLINE: Ursprünglich war vorgesehen, dass künftig überall Vollkontrollen wie jüngst in München erlaubt sind, bei denen sich bestimmte Fangruppen in einem Zelt ausziehen müssen. Man wollte wohl so verhindern, dass Pyrotechnik ins Stadion geschmuggelt wird. Ist diese Forderung vom Tisch?

Markhardt: Eben nicht. In der überarbeiteten Fassung steht jetzt zwar, dass keine generellen Vollkontrollen stattfinden sollen, dass die infrastrukturellen Voraussetzungen, Container, Zelte oder ähnliches, aber trotzdem da sein müssen. Ob es so weit kommt, entscheiden dann Polizisten vor Ort. Und die setzen oft auf maximale Abschreckung.

SPIEGEL ONLINE: Ziel ist eben das sichere Stadionerlebnis.

Markhardt: Und das Gegenteil wäre die Folge. Solche entwürdigenden Maßnahmen führen dazu, dass die Leute, die durch solch eine Kontrolle müssen, auf 180 sind. So steigt das Potential für unschöne Szenen im Stadion. Außerdem kritisieren wir, dass das ganze Papier vage ist. Nichts ist da juristisch sauber ausformuliert, alles ist möglich: Von der Verlängerung der Stadionverbote bis zur Reduzierung der Kartenkontingente. Sie behaupten, sie wollen die Täter rausziehen. Das wäre ja legitim. Aber alle für das Fehlverhalten einzelner zu bestrafen, ist nicht legitim. Zumal selbst nach Polizeiangaben die Wahrscheinlichkeit, im Stadion verletzt zu werden, im absoluten Promillebereich liegt.

SPIEGEL ONLINE: Bei An- und Abreise sieht es anders aus. Jeder Stadiongänger kennt Spiele, bei denen er heilfroh ist, dass Polizei aufpasst.

Markhardt: Ich bestreite das nicht. Aber im Vergleich zu früher, als Schlägereien allgegenwärtig waren, mag das heute noch bei ein, zwei Spielen pro Verein und Saison passieren - aber selbst dann nicht so heftig wie früher.

SPIEGEL ONLINE: Die Zis, eine zentrale Anlaufstelle der Landespolizeien, hat gerade eine Studie veröffentlicht, wonach es in der vergangenen Saison mehr als tausend Verletzte in deutschen Stadien gab. Logisch, dass man da handeln muss, oder?

Markhardt: Die Zahl klingt sehr hoch, und natürlich ist jeder Verletzte einer zu viel. Aber wenn man das auf die Millionen Stadionbesucher hochrechnet, liegt die Zahl doch im niedrigen Promillebereich.

SPIEGEL ONLINE: Ultras tun gerne so, als gäbe es gar keine Sicherheitsprobleme und werfen den Verbänden Panikmache vor. Liegt die Wahrheit nicht in der Mitte? Manche Ultra-Gruppen sind völlig friedlich, andere nicht ohne Polizei zu ertragen.

Markhardt: Natürlich. Aber warum lässt man dann allen Fans das zukommen, was nur bei einer kleinen Minderheit Fans angebracht wäre? Als die Hools aus den Stadien waren und die Ultras aufkamen, hat man die Maßnahmen eins zu eins auf die Ultras angewandt. Das hat ja überhaupt erst dafür gesorgt, dass die Polizei zum Feindbild Nummer eins wurde.

SPIEGEL ONLINE: Wieso das denn?

Markhardt: Weil man die Ultras auf Schritt und Tritt überwacht hat, weil man sie gegängelt und verfolgt hat. Dadurch hat man Menschen, die überhaupt nicht auf Ärger aus waren, sondern singen, Fahnen schwenken und vielleicht auch das ein oder andere bengalische Feuerchen zünden wollten, erst zu dem gemacht, als was man sie gerade wahrnimmt.

SPIEGEL ONLINE: Als Sicherheitsrisiko, das viel zu wenig kontrolliert wird.

Markhardt: Wenn die wüssten. Wenn ich am Spielort aus dem Zug steige, werde ich von der Polizei abgeholt und mit einem Bus zum Stadion gebracht. Aber eigentlich würde ich lieber erst mal auf Toilette, dann in der Stadt was essen. So bin ich Stunden vor Anpfiff irgendwo am Stadtrand, wo es nichts außer einem leeren Stadion gibt. Und wenn dann der Anpfiff naht, werde ich einer, nun ja, genaueren Kontrolle unterzogen als die Leute auf den teureren Plätzen. So richtig mit anfassen. Bewegungsfreiheit? Unschuldsvermutung? Das sind Bürgerrechte, die für Ultras nicht gelten. Und das bedeutet Frust und Aggression, die sich aufstauen und irgendwann Bahn brechen. Behandelt die Leute wie Tiere, und sie werden sich irgendwann auch so benehmen.

SPIEGEL ONLINE: Ist die DFL der richtige Adressat für Ihre Kritik? Politiker fordern zum Teil noch viel strengere Regeln.

Markhardt: Die DFL, also die Vereine, müssten es besser wissen als Leute, die nie in ihrem Leben einen Fanblock von innen gesehen haben.

SPIEGEL ONLINE: Viele Vereine haben Widerstand gegen das Papier angekündigt.

Markhardt: Welcher Vereinsboss soll denn auch guten Gewissens unterschreiben, dass beim Fehlverhalten von Fans TV-Gelder einbehalten werden? Fast jeder Club in den Ligen eins bis drei sagt, dass es in seinem Stadion sicher ist. Warum lassen sie sich dann so unter Druck setzen?

SPIEGEL ONLINE: Die öffentliche Meinung begrüßt härtere Maßnahmen. Das blenden Sie offenbar aus.

Markhardt: Nein, da machen wir uns keine Illusionen. In Problembereichen solle es geeignete Personenkontrollen geben, steht im Entwurf der DFL. Klingt für den Bürger gut. Aber wer entscheidet am Ende, was ein Problembereich ist?

SPIEGEL ONLINE: Fragen Sie die Leute, die samstagnachmittags in einer Sportbar sitzen und im Fernseher sehen, wie wieder ein Spiel unterbrochen wird, weil Bengalos gezündet werden. Die sagen Ihnen, wo der Problembereich ist.

Markhardt: Weil ihnen Stilmittel, die eine positive Stimmung unter den Fans ausdrücken, als Randale verkauft werden. Nehmen Sie den Platzsturm in Düsseldorf. Da feierten Väter mit Kindern den Aufstieg ihrer Fortuna, und der TV-Kommentator spricht von Ausschreitungen.

SPIEGEL ONLINE: Bei Ihrem Treffen in Berlin haben Sie nun Protestaktionen gegen die Verschärfung der Sicherheitsmaßnahmen geplant.

Markhardt: Genau, ab dem 14. Spieltag gibt es mindestens drei Spiele lang einen Stimmungsboykott von 12 Minuten und 12 Sekunden, weil am 12. Dezember die Entscheidung ist. Drei Spieltage Minimum. Und am 8. Dezember wird es einen bundesweiten Aktionstag geben.

Das Interview führte Christoph Ruf

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insgesamt 120 Beiträge
1. Stimmungsboykott?
Mannheimer011 22.11.2012
Oh Gott, bitte nicht. Die armen Bundesligaspieler könnten total verunsichert werden. So etwas Gemeines habe ich ja noch nie gehört. Ich hoffe die Erde hört nicht auf sich zu drehen, bei solch drastischen Maßnahmen.
Oh Gott, bitte nicht. Die armen Bundesligaspieler könnten total verunsichert werden. So etwas Gemeines habe ich ja noch nie gehört. Ich hoffe die Erde hört nicht auf sich zu drehen, bei solch drastischen Maßnahmen.
2.
teekesselchen 22.11.2012
ein gutes Interview. Was an dieser Statistik mit den Verletzten stört, ist, dass darin nicht aufgeführt wird, wieviele der Verletzten sich wodurch verletzt haben. Z.B durch Stürze auf den Treppen, oder aber auch durch [...]
ein gutes Interview. Was an dieser Statistik mit den Verletzten stört, ist, dass darin nicht aufgeführt wird, wieviele der Verletzten sich wodurch verletzt haben. Z.B durch Stürze auf den Treppen, oder aber auch durch fehlgeschlagene Polizeieinsätze wie letzte Saison bei Hannover gegen Bayern. 36 Verletzte durch übermäßigen Pfeffersprayeinsatz gabs damals, (gefunden hat die Polizei trotz ihres anonymen Tips nichts) die auch komplett in diese Statistik zählen.
3. Man müsse doch mal ein Feuer...
schokogold 22.11.2012
abbrennen können? Und was sind schon 1000 Verletzte? Das hat nichts mit Sport zu tun, sorry. Mit meinen Steuern müssen diese "Fans" überwacht werden.
abbrennen können? Und was sind schon 1000 Verletzte? Das hat nichts mit Sport zu tun, sorry. Mit meinen Steuern müssen diese "Fans" überwacht werden.
4. der Fan ist der Fußball, der Fan hat die Macht
wall_e 22.11.2012
Ich schaue Fußball nur hin und wieder im Stadion, meist nur im TV. Aber eines ist klar: ohne Fans und deren Stimmungsmache wird es schlicht und einfach keinen Fußball geben. Wenn die Fans zusammenhalten können sie [...]
Ich schaue Fußball nur hin und wieder im Stadion, meist nur im TV. Aber eines ist klar: ohne Fans und deren Stimmungsmache wird es schlicht und einfach keinen Fußball geben. Wenn die Fans zusammenhalten können sie "durchsetzten" was sie wollen, und das sollten sie auch tun. Und die Pyrotechnik? Ja legg, wenn das nicht cool ist, wo ist denn das Problem? An Sylvester geht's doch auch...
5. Finanzierung
spon-1188894830843 22.11.2012
So lange ich als Steuerzahler jeden dieser Polizeieinsätze mitfinanzieren muss, befürworte ich jede Art von Verbot, Kontrolle und Einmischung der Politik. Sobald ausschließlich die Vereine die Kosten tragen, was endlich [...]
So lange ich als Steuerzahler jeden dieser Polizeieinsätze mitfinanzieren muss, befürworte ich jede Art von Verbot, Kontrolle und Einmischung der Politik. Sobald ausschließlich die Vereine die Kosten tragen, was endlich passieren muss, können Vereine, Ultras und wer auch immer ihr Süppchen kochen.

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  • imago
    Philipp Markhardt ist Ultra beim Hamburger SV (Chosen Few). Der 32-jährige freie PR-Berater ist unter anderem als Sprecher des bundesweiten Fanbündnisses ProFans tätig.

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