02.12.2012
Top-Spiel München versus BVB
Remis schützt Bayern vor Überheblichkeit
Aus München berichtet Rafael BuschmannKaum war der Schlusspfiff erklungen, da rannte Roman Weidenfeller zu Mats Hummels. Der Torwart, der nur Minuten zuvor drei erstklassige Chancen des FC Bayern vereitelte und so das 1:1-Unentschieden festhielt, klatschte mit seinem Abwehrchef ab. Danach rannte er nacheinander zu Sven Bender, Ilkay Gündogan und Marco Reus und wiederholte die Geste. Weidenfeller freute sich sichtlich über den Punktgewinn im Spitzenspiel der 50. Bundesliga-Saison.
"Wir haben heute ein Ausrufezeichen gesetzt und gezeigt, dass wir jederzeit zurückkommen können. Mit uns muss man immer rechnen", sagte der 32-Jährige Torwart anschließend. Das Spiel, so Weidenfeller, sei Ausdruck des "Willens" seiner Mannschaft. Und einen Punkt aus München mitzunehmen "ist eine großartige Leistung". Weidenfeller verschwieg dabei geflissentlich, dass der Punktgewinn die Dortmunder tabellarisch kein Stück weiter bringt. Stattdessen hängen sie immer noch auf dem dritten Rang fest, kaum einholbare elf Punkte hinter den Münchnern und mittlerweile auch drei Zähler hinter Bayer Leverkusen.
Entspannung scheint diese Tatsache in München jedoch niemandem zu geben: "Wir wollten Dortmund heute abschütteln, das ist uns nicht gelungen. Sie sitzen uns immer noch im Nacken. Das ist schlecht", sagte Thomas Müller. Der Rechtsaußen erinnerte anschließend mit Nachdruck daran, dass die Borussia ein äußerst unbequemer Verfolger sein kann. In der vergangenen Saison hatten die Bayern zwischenzeitlich acht Punkte Vorsprung auf Dortmund, am Ende wurde aber der BVB mit acht Punkten Distanz auf die Münchner Deutscher Meister.
Bayern jagt Dortmunds Punkterekord
"Heute haben wir Selbstvertrauen getankt", sagte BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke. Gleichzeitig merkte er an, dass die Bayern eine "wahnsinnige Qualität haben und in diesem Jahr wohl nicht einzuholen sind". Was ein solches Understatement tatsächlich bedeutet, mussten die Münchner im vergangenen Jahr allerdings ebenfalls schmerzhaft erfahren. Damals beteten die Borussen fast mantraartig den Satz "Wir konzentrieren uns nur auf das nächste Spiel" herunter, um am Ende mit 81 erspielten Punkten eine Rekordsaison zu feiern.
Doch eine Wiederholung dieser Aufholjagd scheint in dieser Saison ausgeschlossen. Vielmehr muss wohl der BVB um seinen aufgestellten Punkterekord bangen. Denn Bayern München spielt in dieser Saison deutlich konstanter, souveräner und insbesondere kompakter als in den vergangenen Spielzeiten. "Sie versuchen ein wenig uns zu kopieren. Ihr Pressing und das schnelle Umschalten sind wirklich sehr gut", sagte BVB-Außenverteidiger Marcel Schmelzer SPIEGEL ONLINE. Dazu kommt ein überragender Franck Ribéry, der auch gegen den BVB kaum zu verteidigen war.
Dortmund war zwar auch diesmal nicht wirklich schlechter als die Münchner, das Unentschieden wurde von fast allen Beteiligten als leistungsgerecht bewertet. Aber dem BVB fehlt es in dieser Saison noch an Konstanz, an Abgeklärtheit, um eine solch herausragende Runde wie die Bayern zu spielen. "Wir haben einige Punkte zu lässig verspielt. Darum sind wir auch sauer auf uns selbst. Nun geht es darum, dass wir das wieder geradebiegen", sagte Schmelzer.
BVB als Meister-Motivator
Diese Tatsache könnte für Bayern München am Ende tatsächlich als größter Gewinn aus dem Unentschieden gelten: Denn das Wissen um die Präsenz der Dortmunder als steter Verfolger wird die Münchner wohl weiter antreiben. Bei einem Sieg hätten die Bayern 14 Punkte Vorsprung gehabt, die Gefahr, sich dann - ähnlich der vergangenen Saison - verstärkt auf die internationalen Auftritte konzentrieren zu können, wäre wohl ungleich höher gewesen. "Eines kann mir hier jeder glauben: Es wird uns in diesem Jahr auf keinen Fall passieren, dass wir Dortmund zu irgendeiner Zeit abschreiben. Wir bleiben diesmal bis zum Ende voll fokussiert", sagte Müller.
Dass die Rolle des Meister-Motivators für den BVB aber nur ein schwacher Trost ist, machte Innenverteidiger Neven Subotic deutlich: "Das heute war in Ordnung. Wir haben gezeigt, dass wir es können, können uns dafür aber nichts kaufen." In genau diesem Moment ging Weidenfeller in seinem Rücken vorbei in Richtung des Mannschaftsbusses. Auch dem Torwart war das Lächeln mittlerweile gewichen. Und abklatschen wollte er auch niemanden mehr.