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12.12.2012
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Zum Tod von Manfred Amerell

"Alle wussten, wie streng er ist"

Von
Getty Images

Vier Rote Karten in einem Zweitligaspiel, öffentliche Schelten für Spieler und Trainer: Manfred Amerell galt als strenger, aber gerechter Schiedsrichter. Vor zwei Jahren kamen Vorwürfe der sexuellen Belästigung auf, die nie bewiesen wurden - von denen sich der 65-Jährige aber nie erholte.

Klaus Toppmöller tobte. 0:1 lag Waldhof Mannheim gegen den Wuppertaler SV zurück, und das, obwohl die Gäste nur noch zu neunt waren. Toppmöllers Mannheimer glaubten an den sicheren Ausgleich, doch es kam anders. Erst wurde Waldhof-Profi Slaven Stanic in der 68. Minute mit Gelb-Rot vom Feld geschickt, kurz darauf fiel das 0:2, dann sah auch noch Richard Naawu die vierte Rote Karte des Spiels. 1:2 endete diese denkwürdige Zweitligapartie im November 1992, Trainer Toppmöller konnte nur noch den Kopf schütteln: über Schiedsrichter Manfred Amerell.

Der hatte mit den vier Platzverweisen bei Spielern und Trainern für Unverständnis gesorgt - und sich selbst ein Denkmal gesetzt. Nie zuvor hatte ein Schiedsrichter in einem Zweitligaspiel mehr Rote Karten verteilt.

Amerell war ein spezieller Schiedsrichter, sehr streng und gradlinig. Er stand zu seinen Entscheidungen auf dem Platz, als "rigoros" bezeichnet ihn sein ehemaliger Kollege Bernd Heynemann. "Er hatte den Spitznamen Aquarell", sagt Heynemann, "wegen der vielen Karten, die er zeigte." Am Dienstagnachmittag ist Manfred Amerell tot in seiner Wohnung in seiner Heimatstadt München gefunden worden.

"Er hat ganz unten angefangen"

Im Februar wäre Amerell 66 geworden, bis zum Ende war sein Leben vom Fußball bestimmt. Mit 23 stieg er, damals eigentlich Hotelier, als Geschäftsführer beim TSV 1860 München ein. "Es war seine erste Stelle im Fußball und man merkte, dass er anders war als die meisten der Herren im Verein", sagt Hans Tilkowski. Der heute 77-Jährige hatte im gleichen Jahr wie Amerell als Trainer bei 1860 angeheuert, beide verband von Anfang an ein besonderes Verhältnis. "Er hatte ganz klare Vorstellungen von dem, was er wollte. Aber man konnte immer mit ihm reden", sagt Tilkowski. "Ein durch und durch lebensbejahender Mensch."

Einer, der für seine Träume und seine Leidenschaft Fußball vieles entbehrte. Gerd Menne, beim FC Augsburg Trainer unter dem damaligen Geschäftsführer Amerell, sagt: "Er hat ganz unten angefangen. Aber er wusste, wie er seinen Weg gehen muss. Vor allem auch später als Schiedsrichter." Und dieser Weg sei immer ein stringenter gewesen, nie sei Manfred Amerell, der Sportsmann, von seinen Auffassungen von Recht und Fairness abgewichen.

Die Unnachsichtigkeit war wohl Manfred Amerells stärkste Charaktereigenschaft, vor allem in seinen Jahren als Schiedsrichter im Profifußball von 1984 an. "Alle wussten, wie streng er ist, sowohl die Spieler als auch die Trainer", sagt Tilkowski. So machte Amerell sich selbst die größten Vorwürfe, als er bei seinem wichtigsten Spiel, dem Pokalfinale 1994 zwischen Werder Bremen und Rot-Weiß Essen (Endstand: 3:1), ein Handspiel nicht erkannt hatte. Es sei seine gröbste Fehlentscheidung gewesen, "aber es gibt keinen, der immer fehlerfrei pfeift", sagte er einige Jahre später.

Sprecher von 80.000 Schiedsrichtern

Doch egal, ob sich der Schiedsrichter einen Fehler geleistet oder mit seinem Urteil richtig gelegen hatte: Immer war es Amerell am wichtigsten, dass die Entscheidungen des Unparteiischen nicht in Frage gestellt wurden. Auch als er 1994 nach 66 Bundesliga-Spielen seine aktive Karriere beendet hatte, kritisierte er regelmäßig den mangelnden Respekt der Profis auf dem Platz. Die Worte seiner Wutrede nach der Zweitligapartie zwischen 1860 München und Eintracht Frankfurt sind legendär: "Diesen Heuchlern auf der Bank sage ich auf gut Bayerisch: Wie der Herr, so's Gescherr. Diese Rasenden auf den Bänken sind das Vorbild für Randgruppentäter auf den Rängen."

Als Sprecher von 80.000 Unparteiischen des Deutschen Fußball-Bundes stellte Amerell sich immer vor seine Schiedsrichter. Und doch war es der Umgang mit ihnen, der Amerell um Ruf und Ämter brachte. Amerell war seit Ende 2009 vorgeworfen worden, sich ihm anvertrauten Schiedsrichtern gegen deren Willen körperlich genähert zu haben. Schlüsselfigur war dabei Michael Kempter, der Amerell sexuelle Handlungen gegen seinen Willen vorwarf. Der Beschuldigte bestritt die Vorwürfe bis zum Schluss, es habe sich um eine einvernehmliche Beziehung gehandelt.

Ein Gericht sprach ihn mangels Beweisen von den Vorwürfen frei, mit Kempter einigte sich Amerell auf einen zivilrechtlichen Vergleich. Dennoch fand er offenbar keine Ruhe. "Seit dem 1. Februar 2010 lebe ich nicht mehr, ich existiere nur noch. Meine Lebensqualität geht gegen null. Und das ist bis zum Tod nicht mehr zu korrigieren, das nimmt man mit ins Grab", hatte Amerell im vergangenen Jahr verbittert gesagt.

"Seine Lebensfreude war zerstört, so kannte ich ihn nicht", sagt Tilkowski, der Fußball, seine Leidenschaft, habe sich gegen ihn gewandt. Eine Versöhnung war Manfred Amerell nicht mehr möglich.

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insgesamt 20 Beiträge
1. Also, ...
un-Diplomat 12.12.2012
... der Ex-DFB-Opa Zwanziger hat ganz sicher ein Alibi, wie bei seinen sonstigen Untaten. Kempter, was nun?
Zitat von sysopGetty ImagesVier Rote Karten in einem Zweitligaspiel, öffentliche Schelten für Spieler und Trainer: Manfred Amerell galt als strenger, aber gerechter Schiedsrichter. Vor zwei Jahren kamen Vorwürfe der sexuellen Belästigung auf, die nie bewiesen wurden - von denen sich der 65-Jährige aber nie erholte. http://www.spiegel.de/sport/fussball/nachruf-zum-tod-von-schiedsrichter-manfred-amerell-a-872481.html
... der Ex-DFB-Opa Zwanziger hat ganz sicher ein Alibi, wie bei seinen sonstigen Untaten. Kempter, was nun?
2. Traurig
derweise 12.12.2012
Traurig, wie viele Menschen durch die Medien ruiniert werden (s. a. England die Krankenschwester, die von australischen Radioreportern veralbert wurde).
Zitat von sysopGetty ImagesVier Rote Karten in einem Zweitligaspiel, öffentliche Schelten für Spieler und Trainer: Manfred Amerell galt als strenger, aber gerechter Schiedsrichter. Vor zwei Jahren kamen Vorwürfe der sexuellen Belästigung auf, die nie bewiesen wurden - von denen sich der 65-Jährige aber nie erholte. http://www.spiegel.de/sport/fussball/nachruf-zum-tod-von-schiedsrichter-manfred-amerell-a-872481.html
Traurig, wie viele Menschen durch die Medien ruiniert werden (s. a. England die Krankenschwester, die von australischen Radioreportern veralbert wurde).
3. optional
sternfeldthommy 12.12.2012
aber...woran er jetzt leider gestorben ist, steht nirgends geschrieben
aber...woran er jetzt leider gestorben ist, steht nirgends geschrieben
4. Sein zweiter
Foul Breitner 12.12.2012
Spitzname war " Der rote Manni "
Spitzname war " Der rote Manni "
5. Manfred Amerell
ollux 12.12.2012
Der Spitzname "Aquarell" kam nicht von ungefähr: Amerell galt als unerschrockener Fanatiker seiner eigen speziellen radikalen Rechtsauslegung und agierte auf dem Platz in entsprechender Weise.Ob er deshalb ein besonders [...]
Der Spitzname "Aquarell" kam nicht von ungefähr: Amerell galt als unerschrockener Fanatiker seiner eigen speziellen radikalen Rechtsauslegung und agierte auf dem Platz in entsprechender Weise.Ob er deshalb ein besonders guter Schiedsrichter war, kann man im Nachhinein schwierig beurteilen. Zumindest war er jemand, der gerne polarisierte. Die persönlichen Vorwürfe gegen ihn sind komplett niemals in der Gänze aufgeklärt worden.Ein solcher Vorgang kann ohne weiteres einen Menschen izerstören. Ist dies nun der Grund eines öffentlichen Hypes um einen einsamen Menschen? Zumindest scheint es so. Seht her, da ist jemanden Unrecht geschehen, an dem er zerbrochen ist....... Der Tod Amerells , dessen Ursache aber noch der genauen Aufklärung bedarf , ist zum medialen Ereignis geworden. In einer Zeit, in der fast wöchentlich ein Vater seine Familie meuchelt, eine Mutter ihr Neugeborenes in die Tonne kippt, eine sonderbar intensive Anteilnahme einer ansonsten eher zurückhaltenden Medienlandschaft.

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