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04.01.2013
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Eklat um Boateng

Fan gibt rassistische Beleidigungen zu

Foto: DPA

Der erste Täter hat gestanden: Nach den rassistischen Angriffen auf Kevin-Prince Boateng und andere dunkelhäutige Spieler des AC Mailand bei einem Testspiel hat die Polizei anhand von Videoaufnahmen die Verantwortlichen identifiziert. Die Fußballwelt zeigt sich empört über den Vorfall.

Hamburg - Der rassistischen Ausfälle in Italien gegen den ehemaligen Bundesligaprofi Kevin-Prince Boateng beim Testspiel gegen den Viertligisten Pro Patria werden wohl ein juristisches Nachspiel haben. Wie die zuständige Polizei in Varese mitteilte, konnten die Täter mit Hilfe von Video-Aufzeichnungen aus dem Stadion in Busto Arsizio ermittelt werden. Laut italienischen Medien gestand daraufhin bereits der erste Fan, rassistische Sprechchöre gegen den Profi vom AC Mailand und die übrigen dunkelhäutigen Spieler des Serie-A-Clubs angestimmt zu haben. Zudem seien laut Polizei weitere Personen vernommen worden. Den Tätern drohen Stadionverbote von fünf Jahren und weitere Verfahren.

Die Lega Pro, in der Italiens Dritt- und Viertligisten zusammengeschlossen sind, kündigte an, eine Zivilklage gegen die Täter einzureichen. "Wir können derartige Angriffe nicht dulden, die die Freude am Fußball zerstören", erklärte Lega-Pro-Präsident Marco Macalli.

Vor und während des Testspiels hatten Patria-Fans Boateng und weitere dunkelhäutige Milan-Spieler beleidigt. Daraufhin schoss Boateng in der 26. Minute den Ball in Richtung der Zuschauer, zog sein Trikot aus und verließ den Platz. Seine Teamkollegen folgten dem Ghanaer, das Spiel wurde anschließend abgebrochen.

Unterstützung für Boateng

Etliche Fußballprofis zeigten sich via Twitter solidarisch mit dem Profi und seiner Mannschaft. "Es war mutig, was Kevin-Prince Boateng gemacht hat, und es war richtig. Wir müssen zusammenhalten. Gut gemacht.", schrieb der frühere französische Weltmeister Patrick Vieira. Manchester Uniteds Rio Ferdinand twitterte: "Wenn die Geschichte wahr ist, dann sollte fair mit KPB umgegangen werden." Vincent Kompany von Manchester City schloss sich an: "Wie wäre es, wenn man mal extrem intolerant gegenüber Rassisten würde? Ich kann Milans Entscheidung, den Platz zu verlassen, nur begrüßen."

Der französische Welt- und Europameister Lilian Thuram, Unicef-Botschafter gegen Rassismus, sprach von einer "einmaligen Reaktion" der Milan-Spieler. Per Twitter lobte auch Jerome Boateng das Verhalten seines Bruders. "Ich bin stolz auf meinen Bruder. Gut gemacht", schrieb der deutsche Nationalspieler von Bayern München.

Auch Italiens Nationaltrainer Cesare Prandelli äußerte sich zu dem Vorfall: "Milan ist ein großartiges Team mit einem großartigen Trainer - und Boateng ein großer Mann. Der italienische Fußball muss sich endlich entwickeln, und dieser erste Schritt von Milan war fantastisch." Man könne nur gemeinsam gegen "diese Leute" angehen.

Der Präsident der Spielergewerkschaft AIC, Damiano Tommasi, solidarisierte sich ebenfalls. "Der AC Milan hat ein wichtiges Signal gegeben. Das Ideal ist allerdings nicht, das Spiel abzubrechen, sondern die Rassisten aus den Stadien zu verjagen", sagte Tommasi. Bereits am Donnerstag hatte Giancarlo Abete, Präsident des italienischen Fußballverbandes FIGC, den Vorfall als "unerträglich" bezeichnet.

Doch es gab auch Kritik an der Aktion. Der Bürgermeister von Busto Asizio, Gigi Farioli, nahm die Fans seines Clubs in Schutz und warf Boateng eine "falsche Reaktion" vor. "Es war die Schuld von ein paar Idioten, die ihre Arbeit an diesem Abend nicht richtig gemacht haben. Unter anderem ein paar Spieler und der Schiedsrichter."

Auch die italienische Presse reagierte solidarisch: "Rassistische Schande. Wir sind alle Boateng. Wir beneiden ihm nicht das Talent, den Ruhm, das Gehalt oder die schöne Freundin: Seine Geste, seine Revolte gehören uns allen. Wir sind schwarz wie er, schwarz im Gesicht, in der Seele, schwarz vor Wut wegen einer riesigen Beleidigung gegen die Vernunft und das zivile Verhalten", schrieb die "Gazzetta dello Sport".

"Der AC Milan ist nicht nur der italienische Club, der auf internationalem Gebiet am meisten gewonnen hat. Er ist jetzt auch der erste Club Italiens, der auf dem Spielfeld eine Gruppe von rassistischen Idioten besiegt hat. Milan ist ein großer Verein und er hat es auch bewiesen, indem er gestern seinen Spieler Boateng vor rassistischen Beleidigungen in Schutz genommen hat," so die "Corriere dello Sport".

"Tuttosport" schrieb, dass der "AC Milan größtes Lob" verdiene. Der Club zeige, dass man keine Aggressionen, nicht einmal verbale, seitens Personen tolerieren dürfe, die sich in der Gruppe stark machen würden, um ihre unakzeptablen Meinungen auszudrücken. "Der Beschluss Milans, das Spiel abzubrechen, ist vorbildhaft."

joe/psk/sid/dpa

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