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09.01.2013
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Krise bei 1860 München

"Anzeichen, dass sie wieder miteinander reden"

Von Katharina Blum, München
DPA

Investor Ismaik, Präsident Schneider (v.l.): Protagonisten in einem Trauerspiel

Vermögender Investor gegen bodenständigen Präsidenten: In der Krise bei 1860 München geht es vor allem um das Duell zwischen Hasan Ismaik und Dieter Schneider. Wer sind die beiden Männer, die den Club vor eine Zerreißprobe stellen? Und wie geht es weiter bei den "Löwen"? Eine Analyse.

Wenn eine wissen muss, wer in der aktuellen Episode dieser Münchner Seifenoper die Rolle des Guten und wer die des Bösewichts spielt, dann doch wohl die Christl. Die serviert im Löwenstüberl nicht nur Schinkennudeln und Bratensülze, sondern bekommt den Münchner Komödienstadl seit nunmehr 18 Jahren direkt vor ihre Wirtshaustür geliefert. Doch bei der neuesten Posse hebt auch Christl Estermann nur ratlos die Schultern: "Tja, der Gute ist eigentlich der, der das Geld bringt", sagt sie. "Aber der hat dann eben auch Forderungen, die vielleicht nicht immer passen."

Der Mann, der das Geld nach München gebracht hat, heißt Hasan Ismaik. Und seit dem Auftauchen des arabischen Investors Anfang 2011 herrscht beständiges Chaos beim Zweitligisten 1860 München. Bei einem Krisentreffen ist der Streit zwischen dem jordanischen Geschäftsmann und Präsident Dieter Schneider nun eskaliert. Der Investor drohte mit Zahlungsstopp und verschwand.

Ismaik gegen Schneider, Morgenland gegen Ur-Münchner - der bedauernswerte Zustand des Traditionsclubs 1860 kann am besten über den Konflikt der zwei Protagonisten dieses Trauerspiels erzählt werden, das noch vor gar nicht langer Zeit wie ein Märchen begonnen hatte. Da taten sich ein notleidender Club und ein reicher Investor zusammen, um Großes zu erreichen: wirtschaftliche Blüte, sportlichen Erfolg und irgendwann sogar die Champions League. Das war der Traum. Die Realität ist mittlerweile ein Lehrstück darüber, welche Probleme der Einstieg eines fußballfremden, ausländischen Investors einem deutschen Verein bereiten kann.

Nobelkarossen von Bugatti bis Aston Martin

Hasan Ismaik spielte die Rolle des Gönners zunächst bravourös. Bei seiner Antrittspressekonferenz erzählte Ismaik von seinem Traum, mit den Münchnern "in zehn Jahren auf einer Stufe mit dem FC Barcelona zu stehen". Regelmäßig soll er sich seitdem danach erkundigen, wann endlich ein Derby gegen den FC Bayern anstehen würde. Das dauert wohl noch. Derzeit sind die Löwen Tabellensechster, fünf Punkte hinter dem Relegationsplatz. Familienvater Ismaik (vier Kinder sollen es sein) liebt schnelle Autos, in seinem Fuhrpark in Abu Dhabi (einer von sieben Wohnsitzen) parken Nobelkarossen von Bugatti bis Aston Martin. Die bevorzugte Selbstdarstellung Ismaiks ist aber eine andere: "Ich bin ein einfacher, bodenständiger Typ. Meine Familie ist mir das Allerwichtigste."

Fotostrecke

1860 München: Niedergang eines Traditionsclubs
Ansonsten weiß man erstaunlich wenig über den Mann aus Jordanien. Seit er Anfang April 2011 aufgetaucht ist, ranken sich viele Geschichten um ihn. Angeblich kam Hasan Abdullah Mohamed Ismaik am 14. August 1976 in Kuwait zur Welt, jedoch nicht als blaublütiger Scheich, wie zunächst verbreitet wurde. Wer ihn fragte, wie er zu seinem Vermögen gekommen sei, der erhielt als Antwort: mit Öl und Immobilien. Vermutlich ist Ismaik sehr reich, andernfalls wäre es ihm wohl kaum möglich gewesen, im Mai 2011 für 18,4 Millionen Euro 60 Prozent der Aktien des Zweitligisten zu erstehen (davon 49 Prozent mit Stimmrecht und 11 Prozent ohne). Und von einem Welttrainer wie dem Schweden Sven-Göran Eriksson zu träumen. Diese Personalie sollte später nur einer von vielen Streitpunkten sein.

Auch die Christl hat er mal besucht. Die Überlieferung geht so: Ismaik betrat das Löwenstüberl und sagte "Hello, my friend. Do you have a water for me?" Heute sagt sie über die Begegnung: "Er ist ein sehr netter, höflicher Mensch." Das sehen nicht mehr alle in München so. Die Christl bleibt sowieso, selbst wenn der höfliche Mensch bald weitergezogen sein sollte. Karl-Heinz Wildmoser schrieb ihr nämlich einst auf eine Glückwunschkarte einen Pachtvertrag auf Lebenszeit.

Der Mann mit dem Scherbenhaufen

Wildmoser hatte auch mal eine Hauptrolle in diesem Verein, zwar in einer anderen Episode, trotzdem muss diese Geschichte für die andere kurz erklärt werden. Für den Verein war auch der wohlhabende und inzwischen verstorbene Wirt zunächst ein Glücksgriff: Unter seinem Patriarchat gelang 1994 der direkte Durchmarsch von der Bayern- in die Bundesliga. Die Schmiergeldaffäre um die Allianz-Arena beendete 2004 aber diese Ära. Wildmoser und sein Sohn Karl-Heinz wurden festgenommen, der Tatvorwurf lautete auf Untreue und Bestechung. Der Junior entlastete den Vater und wurde zu einer Haftstrafe von vier Jahren und sechs Monaten verurteilt. Heute sind die Löwen nach dem Verkauf ihrer Stadionanteile an den FC Bayern nur noch Mieter im eigenen Haus - und trotzdem noch finanziell überfordert.

Einer, der an diesem Wildmoser-Scherbenhaufen bis heute kehrt, ist Dieter Schneider. Der Mann, den Ismaik lieber heute als morgen loswerden will. Bei den Anhängern genießt der 65-Jährige große Sympathien, auch dank einer Anekdote wie jener, dass er einst eine Magen-OP ausließ, weil er ein Auswärtsspiel nicht versäumen wollte. Bei der Delegiertenversammlung punktete er mit Ehrlichkeit: "Der Investor hat sich nicht aus Mitleid eingekauft oder weil wir so schöne blaue Augen haben." Mit 1860 lasse sich gutes Geld verdienen.

Um seinen Verein zu retten, hatte Schneider keine andere Option als den Deal mit Ismaik. Seitdem ist der Clubchef immer wieder bemüht, den forschen Geschäftsmann zu bremsen, warnt vor zu großer Einflussnahme. Kritiker werfen ihm wiederum Geltungssucht vor. Auch nach dem Krisentreffen pochte Schneider auf die strikte 50+1 Regelung der DFL, die der Jordanier offenbar nicht leiden mag: "Er hat personelle Einflussnahmen gefordert, die weit über das von der DFL Erlaubte hinausgehen." Zuletzt beleidigte Ismaik Schneider in einem Interview als "alten Mann", dem es nur darum gehe, seine Posten zu retten.

Schneider versucht jetzt erst mal, den Verein zu retten. Geschäftsführer Robert Schäfer kümmert sich gerade um eine detaillierte Ausarbeitung von Plan B. Der soll eine Perspektive ohne neue Zahlungen von Ismaik liefern. "Wir fangen nicht bei Adam und Eva wieder an", konstatiert Schneider. Noch hofft man an der Grünwalder Straße aber darauf, dass aus dem Trauerspiel doch noch eine halbwegs gute Geschichte wird. "Es gibt Anzeichen, dass die beiden wieder miteinander reden", erklärte Schäfer.

Forum

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insgesamt 21 Beiträge
1.
KLARTEXT IV 09.01.2013
Ihr Artikel ist nicht gut recherchiert und stellt Ismail als den BÖSEN dar. Haben Sie sich überhaupt die Mühe gemacht den Investor in München aufzusuchen? Es ist ja bekannt, dass er im Mandarin Oriental ist. Haben Sie sich [...]
Ihr Artikel ist nicht gut recherchiert und stellt Ismail als den BÖSEN dar. Haben Sie sich überhaupt die Mühe gemacht den Investor in München aufzusuchen? Es ist ja bekannt, dass er im Mandarin Oriental ist. Haben Sie sich einmal gefragt warum er Schneider als unehrlichen Menschen bezeichnet? Hier kommt die Antwort: Beim Spiel gegen Bochum behauptete Schneider, dass Ismaik ihn durch Steiner ersetzten will. Schäfer(Geschäftsführer) kontaktierte daraufhin den Investor. Dieser dementierte dies umgehend. Als Ismaik Schneider am Montag darauf ansprach, meinte sich Schneider an nichts mehr erinnern zu können. Schäfer bestätigte der Runde auf Nachfrage am Montag, dass er deswegen Ismaik kontaktierte. Schneider sagt öfters, dass er sich an etwa nicht mehr erinnern kann. Genau deshalb möchte Ismaik nicht mehr mit ihm zusammen arbeiten. Ein guter Journalist geht solchen Fragen nach... Ich bin langjähriger Löwenfan und möchte Schneider für die Rettung danken. Leider hat er sich aber zu viel Negatives geleistet und muss deshalb auf eine weitere Kandidatur verzichten. Desweiteren ist Ismaik nach wie vor bereit Millionen zu investieren. Er arbeitet an einer neuen Lösung und hat den Verein sowie sein Investment nicht aufgegeben. Und was Erikson angeht: Er hätte als Trainer nicht Millionen verdient, sondern dasselbe Gehalt wie Maurer (Ex-Trainer) in Pfund. Was nur ein paar Euro mehr ausmacht. Bin enttäuscht, dass so ein schlecht recherchierter Artikel es auf SPON schafft...
2. Die Sechzger......
colinchapman 09.01.2013
.....verstehen es blendend, den ungegercht Behandelten, den "Geprellten" zu spielen. Man selber habe ja so eine großartige Vergangenheit, und andere hätten ihnen die ebenso großartige Zukunft kaputt gemacht. Fast [...]
.....verstehen es blendend, den ungegercht Behandelten, den "Geprellten" zu spielen. Man selber habe ja so eine großartige Vergangenheit, und andere hätten ihnen die ebenso großartige Zukunft kaputt gemacht. Fast könnte man meinen, die Sechzger seien die wahren Ossis. Unabhängig von der Personalie versteht dieser Verein es offenbar immer wieder, sich selbst nachhaltig in die Sch...wierigkeiten zu reiten. Zum Sechzger-Fan-Sein gehört offenbar eine gewisse Portion Masochismus dazu. Ich sage es nur ungern, aber dem Verein fehlt ein Management mit dem klaren Verstand eines Uli Hoeneß.
3. Warum nicht mehr Einflussnahme des Investors?
jfpublic 09.01.2013
1860 ist derzeit eine farblose und abgehalfterte Truppe - selbst der Scheich kann da nichts mehr kaputt machen.
1860 ist derzeit eine farblose und abgehalfterte Truppe - selbst der Scheich kann da nichts mehr kaputt machen.
4. Neues vom TSV
Knackeule 09.01.2013
Der TSV 1860 hat genau den Investor und genau den Präsidenten, den er verdient. Sprach der Scheich zum Emir: "bleiben wir oder gehn' wir ?" Sprach der Emir zum Scheich: "gehn wir lieber vom TSV weg gleich" [...]
Der TSV 1860 hat genau den Investor und genau den Präsidenten, den er verdient. Sprach der Scheich zum Emir: "bleiben wir oder gehn' wir ?" Sprach der Emir zum Scheich: "gehn wir lieber vom TSV weg gleich" Salem aleikum, lieber TSV.
5. Erpressung
wachholz.texte 09.01.2013
Fakt ist: Ein Verein wird erpresst von einem dünnhäutigen Investor, der sich gekränkt fühlt von einem demokratisch gewählten Vorstand und behindert von ansonsten bundesweit befolgten DFL-Regeln (50 1). Hut ab vor dem auch [...]
Fakt ist: Ein Verein wird erpresst von einem dünnhäutigen Investor, der sich gekränkt fühlt von einem demokratisch gewählten Vorstand und behindert von ansonsten bundesweit befolgten DFL-Regeln (50 1). Hut ab vor dem auch mit privatem Geld mitleidendem Präsidenten, der vom jordanischen Großkaufmann als "Autohändler" abgekanzelt wird, mit dem er genau so wenig mehr reden müssen möchte wie mit "Politikern und Polizisten", so die Beruf der anderen Vorstände. Was für ein unsoziales, verächtliches Menschenbild. Aber 1860 hat schon Schlimmere(s erlebt und überlebt. Mit wirtschaftlichem Augenmaß, Sparsamkeit, anhaltender erstklassiger Jugendarbeit und hoffentlich auch endlich wieder Glück bei Neuverpflichtungen wird dieses Wüstenstürmchen bald verpuffen.

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