23.01.2013
Frankfurter Ultras
Feuer und Gegenfeuer
Von Christoph RufAuf das Feuer im Block folgt eine hitzige Debatte: Was tun mit den Fans von Eintracht Frankfurt? Zum wiederholten Male haben sich die Anhänger der Hessen auswärts daneben benommen. Am Wochenende schossen sie in Leverkusen Leuchtraketen auf das Spielfeld, warfen Bengalos und Böller. Schiedsrichter Wolfgang Stark unterbrach das Spiel für sieben Minuten, schickte die Profis in die Kabinen.
Seitdem gibt es zahlreiche Spekulationen darüber, welche Strafe die Wiederholungstäter aus Frankfurt jetzt erwartet. Eine hohe Geldbuße? Ein Teilausschluss der Zuschauer? Ein komplettes Geisterspiel? Wenn man die Signale aus der DFB-Sportgerichtsbarkeit richtig deutet, steht zumindest eines fest: Die Eintracht, die im Vergleich zu einem Club wie Dynamo Dresden bislang auffallend milde sanktioniert wurde, wird jetzt hart bestraft.
Die üblichen Klagen über die vermeintliche Willkür der Verbände laufen diesmal ins Leere. Denn diejenigen, die Leuchtraketen auf das Spielfeld geschossen haben, aber auch diejenigen, die "nur" Bengalos zündeten, haben nicht nur ihrem Verein, sondern auch dem vernünftigen Teil der aktiven Fanszene bundesweit schwer geschadet.
Vertrauensvorschuss wurde enttäuscht
Bayer Leverkusen hat keine besonders akribischen Eingangskontrollen durchgeführt. Das Vertrauen wurde prompt enttäuscht. Wer soll es dem nächsten Gegner der Eintracht verdenken, wenn er wieder eine härtere Gangart am Gästeblock einschlägt? So wie der FC Bayern, der die Hessen bei deren Gastspiel im November mit Ganzkörperkontrollen empfing, die selbst Bürgerrechtler für völlig überzogen hielten.
Umso überraschender ist es, dass die Frankfurter Ultras, deren ausweichende Erklärung man mit viel Phantasie als Distanzierung interpretieren kann, noch relativ gut dastehen. Es müssen, so lautet der Tenor vielerorts, wohl andere gewesen sein, die durch bengalische Feuer, Böller und Leuchtraketen den zwischenzeitlichen Spielabbruch provoziert haben. Mitläufer, Trittbrettfahrer. Jedenfalls keine Ultras.
Die wenig aussagekräftige Erklärung, die die Ultras Frankfurt auf ihre Homepage gestellt haben, legt diese Sichtweise nah: "Unsere allgemeine Einstellung zu Pyrotechnik dürfte hinlänglich bekannt sein, wir verzichten daher an dieser Stelle auf langwierige Ausführungen. Wir möchten aber alle Eintrachtfans darüber informieren, dass das Zünden von Böllern, das Schmeißen von Bengalos und das Abschießen von Leuchtspur, insbesondere auch noch auf Spieler, nicht unsere Unterstützung findet." Heißt frei übersetzt: Das Zünden von Bengalos ist in Ordnung, für alles andere können wir nichts.
Bengalos schon mehrfach ins Stadioninnere geworfen
Ob das wirklich stimmt? Bisher haben die Frankfurter Ultras jedenfalls nicht auf das Werfen von Bengalos verzichtet, auch nicht in dieser Saison. Sowohl am 21. September in Nürnberg als auch am 30. November in Düsseldorf wurden die Feuerwerkskörper nach dem Abbrennen in den Stadioninnenraum geworfen - wie jetzt auch in Leverkusen. Dass die zuvor mitten im Ultrablock gezündet wurden, belegen die Fernsehbilder eindeutig.
Manche Ultras verteidigen sich wie Politiker oder Radprofis. Auch die räumen immer gerne das ein, was eh nicht mehr zu bestreiten ist. Die Leuchtraketen, von denen sich die Ultras distanzieren, wurden zwar nicht aus ihrer Mitte abgefeuert - wohl aber in deren unmittelbarer Nähe. Von Menschen, die - auch im Wortsinn - nicht in ihrer Reichweite waren? Wenn dem so wäre, hätte Selbstkontrolle in der Kurve keine Chance.
Weil aus der DFL-Spitze derzeit versöhnliche Signale zu vernehmen sind und es erst jüngst ein offenbar von allen Seiten als positiv empfundenes Gespräch zwischen Verbandsspitze und Fanvertretern gegeben hat, verzichten die meisten Gruppen derzeit auf den Einsatz von Pyrotechnik. Sie halten Fackeln zwar nach wie vor für einen unverzichtbaren Teil ihrer Fankultur, wollen aber Kompromissbereitschaft signalisieren.
Davon ist man in Frankfurt derzeit weit entfernt. Das zeigt auch der Hilferuf von Heribert Bruchhagen: "Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, an dem es auch nichts mehr nutzt, dass man uns bestraft. Wir brauchen jetzt die Hilfe aller, das heißt die Hilfe des DFB, die Hilfe der Zuschauer, die Hilfe der vernünftigen Fans", sagte der Vorstandsvorsitzende der Eintracht jüngst bei Sport 1. "Wir müssen konzertiert gegen diese Gruppe vorgehen, um sie aus dem Stadion zu entfernen", so Bruchhagen.

