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28.01.2013
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Mali beim Afrika-Cup

Mission Krieg vergessen

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AFP

Fußball in Zeiten des Krieges: Die Nationalmannschaft von Mali steht beim Afrika-Cup unter besonderem Druck. Eigentlich sind die Spieler mit den Gedanken bei ihren Familien daheim. Aber verlieren ist verboten. Denn das ganze Land erwartet von seinen Helden den Titel.

Es ist nur Fußball. Aber für die Nationalspieler von Mali ist es eine Mission. Als die Nationalmannschaft Richtung Afrika-Cup in Südafrika verabschiedet wurde, war der Staatspräsident dabei, die komplette Ministerriege stand Spalier. Und Kapitän Seydou Keita sagte: "Wir wollen unseren Landsleuten Glück und Hoffnung geben." In Südafrika spielen sie Fußball. Und in der Heimat herrscht Krieg. Eine Nationalmannschaft im Ausnahmezustand.

In solchen Zeiten wird gerne gesagt, der Sport werde dadurch zur Nebensache. In Mali ist er zur Hauptsache geworden. Für den fußballverrückten Süden des Landes gilt dies ohnehin, aber selbst die Tuareg im Kriegsgebiet im Norden sitzen vor dem Fernseher, wenn Mali spielt. "Ihr habt in Südafrika einen großen Auftrag", gab Präsident Dioncounda Traoré dem Team vor Turnierstart mit auf den Weg. Gerade weil Krieg ist, soll und muss Mali beim Afrika-Cup besonders erfolgreich bestehen. Am besten sollen sie gleich den Pokal gewinnen. Und die Chancen dafür stehen gar nicht so schlecht.

Zwar hat das Team des französischen Trainers Patrice Carteron das Vorrundenspiel gegen Mitfavorit Ghana 0:1 verloren, doch im letzten Gruppenspiel am Montag gegen den Kongo (18 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) reicht wahrscheinlich schon ein Unentschieden, um sich fürs Viertelfinale zu qualifizieren. Vor zwei Jahren wurde Mali beim Turnier in Gabun und Äquatorialguinea Dritter, damals war das noch eine große Überraschung. Jetzt soll es mehr werden.

DFB-Entwicklungshelfer war vier Jahre Sportdirektor

Es gibt nicht viele in Deutschland, die sich mit dem Fußball in dem afrikanischen Land so gut auskennen wie Joachim Fickert. Der 65-Jährige hat in Diensten des DFB seit den achtziger Jahren fußballerische Entwicklungshilfe in vielen Ländern geleistet, er war in Kambodscha und Vietnam, er hat im Kongo gearbeitet, als das Militär putschte, zurzeit hilft er dem äthiopischen Fußball auf die Beine. In Mali hat er viereinhalb Jahre lang als Sportdirektor des dortigen Verbandes gewirkt und sagt: "Ich war selten in einem Land, wo es möglich war, so viele Dinge in so kurzer Zeit voranzubringen." Aber das war vor dem Krieg.

Fickert hat das Land mittlerweile verlassen, als die islamistischen Rebellen im Norden vorrückten, wurde ihm die Situation in Mali zu kritisch. Auch Alain Giresse, 1984 mit Frankreich als Spieler Europameister, hat seine Koffer gepackt. Giresse hatte Mali als Nationaltrainer 2012 auf den dritten Platz beim Afrika-Cup geführt, er hat es in dem Land zu einer Art Volksheld gebracht. Doch als die Lage in Mali eskalierte, hatte auch er genug.

So hat sein Landsmann Carteron nun die Herausforderung zu meistern, die Erwartungen eines ganzen Landes zu erfüllen und die "Adler" zu Höhenflügen zu führen. Die meisten seiner Spieler verdienen ihr Geld in Frankreich wie der PSG-Star Momo Sissoko, Mittelfeldspieler Samba Diakité steht in der Premier League bei den Queens Park Rangers unter Vertrag, Keita, früher beim FC Barcelona, spielt mittlerweile in China.

"Es geht um mehr als um drei Punkte"

Aber ihre Familien sind noch in Mali, der Krieg ist für sie allgegenwärtig. "Mali erlebt eine sehr schwierige Zeit. Dabei geht es auch um mehr als um drei Punkte", sagt der Kapitän. Man werde alles versuchen, damit "unsere Leute zu Hause zumindest für eine kurze Weile ihre Sorgen und Ängste vergessen".

Für eine Fußball-WM hat sich Mali noch nie qualifizieren können. Aber auch das soll sich ändern: "Es gibt kein anderes Land auf dem Kontinent, das sich in so vielen Kategorien für die Endrunde afrikanischer Meisterschaften qualifiziert hat - ob es die U17 oder die U19 ist", hat Fickert in einem Interview auf DFB.de festgestellt. In der Fifa-Weltrangliste ist Mali mittlerweile auf Rang 25 geklettert und liegt damit vor Fußball-Ländern wie Tschechien und Bosnien-Herzegowina. Nur die Elfenbeinküste ist von den afrikanischen Ländern besser platziert.

All diese Aufbauarbeit steht derzeit auf dem Spiel. Der Krieg verschüttet auch das, was die Fußball-Pioniere in Mali über Jahre geschaffen haben.

"Wir werden da rausgehen und spielen und gewinnen", hat Keita seinem Präsidenten und seinem Volk versprochen. Am Montag gegen den Kongo sind sie wieder auf ihrer Mission.

Forum

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insgesamt 1 Beitrag
1.
jamblichos 28.01.2013
Hm, ob Mali eine Chance hat? Also Topfavorit sind sie nicht gerade, aber wer weiß...
Zitat von sysopFußball in Zeiten des Krieges: Die Nationalmannschaft von Mali steht beim Afrika-Cup unter besonderem Druck. Eigentlich sind die Spieler mit den Gedanken bei ihren Familien daheim. Aber verlieren ist verboten. Denn das ganze Land erwartet von seinen Helden den Titel. Afrika-Cup: Mali - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/fussball/afrika-cup-mali-a-879243.html)
Hm, ob Mali eine Chance hat? Also Topfavorit sind sie nicht gerade, aber wer weiß...

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