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07.08.2013
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Augsburg-Coach Weinzierl

"Ich kann auch anders als ruhig"

Getty Images

Dank Markus Weinzierl geht der FC Augsburg in sein drittes Erstliga-Jahr, der Trainer lässt im Tabellenkeller ganz untypisch Offensiv-Fußball spielen. Im Interview spricht der jüngste Bundesliga-Coach über Perspektiven eines Abstiegskandidaten, feinfühlige Profis und sein Image als bodenständiger Mensch.

Markus Weinzierl kennt das schon. Die Saison beginnt, und beim FC Augsburg verletzen sich die Spieler. Alexander Manninger? Außenbandanriss. Aristide Bancé? Armbruch. Matthias Fetsch? Schulterverletzung. Tobias Werner? Knieprobleme. Marcel de Jong? Zehenbruch.

Es gibt angenehmere Voraussetzungen für einen Trainer. Vor allem für einen, der in der vergangenen Saison Ähnliches erleben musste - am Ende aber nicht nur von Dortmunds Jürgen Klopp zum (inoffiziellen) Trainer der Rückrunde gekürt wurde. Weinzierl führte den Club trotz eines katastrophalen Starts und personeller Probleme zum Klassenerhalt.

Seitdem gilt der jüngste Bundesliga-Coach als verheißungsvoller Mann für die Zukunft. Siebtbeste Mannschaft der Rückrunde. In diesem Zeitraum so wenig Gegentore wie der Vizemeister BVB. Und das alles mit offensivem, teils mitreißendem Fußball. Weinzierl weigerte sich, der gängigen Spielweise eines Abstiegskandidaten zu entsprechen. Jetzt würde er das gerne wiederholen. Doch die (personellen) Vorzeichen stehen schlecht.

SPIEGEL ONLINE: Herr Weinzierl, sollen wir gleich mit dem Unvermeidlichen anfangen?

Weinzierl: Was soll das sein?

SPIEGEL ONLINE: Der Abstieg. Das leidige Thema.

Weinzierl (lacht): Klar, darüber können wir gerne sprechen.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie uns sagen, warum der FC Augsburg wieder den Klassenerhalt schafft?

Weinzierl: Wir wissen, dass wir starke Konkurrenz haben. Aber wir haben bewiesen, dass wir es können. Allerdings müssen wir dazu wieder über uns hinauswachsen.

SPIEGEL ONLINE: In der Hinrunde der vergangenen Saison haben Sie ganze neun Punkte geholt. Das war ein Fiasko.

Weinzierl: Das ist abgehakt. Wir haben dann eine sensationelle Rückrunde gespielt und unser Ziel erreicht. In der neuen Saison wollen wir besser starten, wir müssen von Anfang an da sein. Unser Auftaktprogramm ist allerdings brutal schwer.

SPIEGEL ONLINE: Erst Borussia Dortmund, der Vizemeister und Champions-League-Finalist. Dann Bremen, dann Stuttgart. Es droht der nächste Fehlstart.

Weinzierl: Wir sind weiter als im Vorjahr. Und zwar in allen Bereichen. Unser Vorteil ist, dass unser Gerüst zusammengeblieben ist. Die Aufgabe besteht nun darin, an die zuletzt tollen Leistungen anzuknüpfen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben gesagt, der nächste Schritt des Vereins müsse es sein, nicht mehr bis zum letzten Spieltag um den Klassenerhalt zu zittern. Wie soll das in Augsburg klappen?

ZUR PERSON
Bis zum 30. Juni 2015 steht Markus Weinzierl noch beim FC Augsburg unter Vertrag. Der 38-Jährige kam im Sommer 2012 von Jahn Regensburg, den er über die Relegation in die zweite Liga geführt hatte. Weinzierls aktive Karriere endete ohne großen Glanz, allerdings stand er in der Saison 1998/99 im Profi-Kader des FC Bayern München. Häufiger war der Abwehrspieler bei den Amateuren im Einsatz und mit zehn Toren in 113 Spielen durchaus torgefährlich.
Weinzierl: Der FC Augsburg ist ein kleiner Verein. In der Bundesliga spielen zu dürfen, ist großartig. Aber wir haben den Anspruch, uns weiterzuentwickeln.

SPIEGEL ONLINE: Wohin?

Weinzierl: Nehmen Sie den Klassenerhalt. Das war kein Glück, sondern hart erarbeitet. Das war sehr guter, offensiv ausgerichteter Fußball. Die Art und Weise, wie wir Fußball gespielt haben, hat uns unheimlich viele Sympathien gebracht.

SPIEGEL ONLINE: Wie nahe war das an Ihrer Idealvorstellung von Fußball?

Weinzierl: Es war sehr beeindruckend, wie die Spieler die Vorgaben umgesetzt haben. Aber ich sage auch: Es geht noch besser.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Team ist nicht von Anfang an so aufgetreten. Warum haben Sie die Spielweise derart verändert?

Weinzierl: Wir wollten auch schon in der Hinrunde auf diese Weise Fußball spielen. Die Niederlagen zu Saisonbeginn haben uns dann aber nicht gerade in die Karten gespielt. Im Dezember hatten wir nichts mehr zu verlieren. Wir haben uns dann gesagt: Wie spielen jetzt so, wie wir uns das vorstellen. Also offensiv und mutig. Wir wollten uns nicht hinten reinstellen und dann auf diese Art absteigen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben das kleine Wunder geschafft. Augsburg geht in die dritte Bundesliga-Saison. Reicht das, um anders wahrgenommen werden?

Weinzierl: Der Respekt ist größer geworden. Wir spielen frech und mutig, das wird anerkannt. Wir bekommen Lob von Kollegen, den Fans, aus ganz Deutschland.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat Ihr prominentester Neuzugang, Halil Altintop, reagiert, als der FC Augsburg anrief?

Weinzierl: Wir haben in den Gesprächen mit Halil früh gemerkt, dass er von unserer Art, Fußball zu spielen, sehr angetan war. Spieler sind da sehr feinfühlig, die erkennen ganz genau, ob eine Mannschaft agieren will oder sich nur hinten reinstellt.

SPIEGEL ONLINE: Frech, mutig, offensiv: Verstehen Sie sich und den Fußball auch als Dienstleister der Freude?

Weinzierl: In erster Linie musst du erfolgreich sein. Spaß und Freude kommen dann von allein. Aber wenn du es attraktiv schaffst, umso besser. Wir werden wieder versuchen, für Furore zu sorgen.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie das in Augsburg dauerhaft leisten?

Weinzierl: Es ist klar, dass wir in der Rückrunde von einer riesengroßen Euphorie getragen wurden. Jeder hat gehofft, dass wir doch nicht absteigen. Das hat uns sicherlich geholfen. Aber jetzt geht es wieder von vorne los.

SPIEGEL ONLINE: Sie sollen bei Werder Bremen im Gespräch gewesen sein. Wie lange bleiben Sie noch Trainer in Augsburg?

Weinzierl: Ich bin in Augsburg sehr glücklich. Es gibt keinen Gedanken, an irgendeinen anderen Verein.

SPIEGEL ONLINE: Sie wirken genauso bodenständig, wie viele Sie beschreiben. Stört Sie das?

Weinzierl: Warum sollte es?

SPIEGEL ONLINE: Weil bodenständig, mit Verlaub, auch als etwas langweilig gelten kann.

Weinzierl: Ich empfinde das als sehr angenehme Charaktereigenschaft. Es bringt doch nichts, sich zu verstellen, dazu habe ich auch gar keine Lust. Gerade in Drucksituationen ist man immer der, der man ist. Da kannst du nichts mehr vertuschen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie, wenn Sie mal so richtig die Sau rauslassen?

Weinzierl: Das kann ich schwer beschreiben. Das müssten Sie am besten live erleben. Eines ist sicher: Ich kann auch anders sein als ruhig.

Das Interview führte Christian Paul

Forum

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insgesamt 3 Beiträge
1. ich freu mich
herr_rumsch 07.08.2013
ich hab die Augsburger letzte Saison in Ddorf gesehen, hat mir sehr gut gefallen, die dritt beste Mannschaft in zu Gast in Ddorf, nur Bayern und der BVB haben meiner Meinung nach noch besseren Fußball gespielt. Freut mich, dass [...]
ich hab die Augsburger letzte Saison in Ddorf gesehen, hat mir sehr gut gefallen, die dritt beste Mannschaft in zu Gast in Ddorf, nur Bayern und der BVB haben meiner Meinung nach noch besseren Fußball gespielt. Freut mich, dass diese Art Fußball zu spielen mit dem Klassenerhalt belohnt wird
2. ich freu mich auch
Klausi 07.08.2013
Werde am Sa. gegen Dortmund wieder im Block stehen und jede Minute Bundesliga genießen. Kann nur jeden einladen mal nach Augsburg zu kommen. Wir empfangen jeden herzlich und die Stimmung im Stadion ist einfach klasse.
Werde am Sa. gegen Dortmund wieder im Block stehen und jede Minute Bundesliga genießen. Kann nur jeden einladen mal nach Augsburg zu kommen. Wir empfangen jeden herzlich und die Stimmung im Stadion ist einfach klasse.
3. Erfrischende Art!
pepsington 07.08.2013
Der FCA mit Weinzierl ist einfach in allen Belangen erfrischend. Hoffe, dass die Rechnung des Offensivfussballs auch gegen z.B. das Offensivpressing von Dortmund aufgeht und man zu viele Kontertore vermeiden kann!
Der FCA mit Weinzierl ist einfach in allen Belangen erfrischend. Hoffe, dass die Rechnung des Offensivfussballs auch gegen z.B. das Offensivpressing von Dortmund aufgeht und man zu viele Kontertore vermeiden kann!

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