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Sport

Schalkes Abwehrchef Naldo

Der Derbysuperheld

Wie schon beim 4:4-Spektakel im Hinspiel ist Naldo beim Sieg der Schalker gegen Borussia Dortmund eine besondere Rolle zugefallen. Der 35 Jahre alte Verteidiger ist aber nicht nur auf dem Platz wichtig.

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Naldo

Aus Gelsenkirchen berichtet
Montag, 16.04.2018   07:23 Uhr

Nicht bei allen Schalker Fußballern war der süße Rausch des Adrenalins eine Stunde nach dem Abpfiff dieses 152. Revierderbys schon abgeklungen. Er werde noch einige Zeit brauchen, um "wieder klar zu denken", sagte beispielsweise der völlig euphorisierte Torhüter Ralf Fährmann nach dem 2:0-Sieg über Borussia Dortmund, "aber heute Nacht wird das noch schwer." Trainer Domenico Tedesco war vor lauter Ergriffenheit auf die Knie gesunken, der königsblaue Teil des Reviers dürfte noch ein paar Tage von herrlichen Glücksgefühlen erfüllt sein.

Nur der brasilianische Abwehrchef Naldo war schon wieder vollständig ausgenüchtert, als er aus der Kabine schlenderte. "Ich bleibe immer auf dem Boden", sagte er, denn "morgen müssen wir analysieren, was wir für Mittwoch", wenn Eintracht Frankfurt im Pokalhalbfinale zu Gast ist, "korrigieren müssen".

Das waren erstaunlich gefasste Worte für einen Mann, der den Schalker Fans nicht nur den wohl auf ewig unvergessenen Ausgleichstreffer zum 4:4 im Hinspiel geschenkt, sondern auch das zweite Duell gegen den Rivalen mit einen Freistoß zum 2:0 entschieden hatte. Der Stadionsprecher prophezeite kurzerhand, dass "demnächst viele neugeborene am Schalker Markt seinen Namen tragen" werden. Es gibt in dieser Saison mit dem Hinspielspektakel und dem sehr überzeugenden Sieg am Sonntagnachmittag zwar viele Schalker Derbyhelden. Aber Naldo ist zweifellos der Größte unter ihnen. Denn er ist der Mann, der scheinbar alles kann.

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Naldo trifft zum 2:0

Der 35-jährige Routinier schießt wichtige Tore, spielt fast nie Foul, ist torgefährlich per Kopf, kann das Spiel eröffnen, ist nie verletzt, trifft als Freistoßspezialist. Außerdem wirke er mit seiner Erfahrung und seiner sozialen Kompetenz "wie Klebstoff" auf das Gefüge, hat Tedesco neulich gesagt. Vor allem aber strahlt Naldo in vielen Spielen eine geradezu einschüchternde Unüberwindbarkeit aus. Und genau in dieser Rolle war er der große Herrscher über jene Räume, in denen die Dortmunder normalerweise ihre Torgefahr entwickeln.

Der heimliche Anführer

"Er hat es heute nach vorne verteidigt, wie kaum zuvor", schwärmte Tedesco von seinem Abwehrchef, "wir hatten viele Situationen, die brenzlig gewesen waren, wo Naldo aber immer wieder ein Körperteil dazwischen hatte, Brust, Knie, Fuß, Kopf." Tatsächlich ist Naldo nicht nur der heimliche Anführer dieser Schalker Mannschaft, weil er drei Jahre älter ist als sein Trainer und schon viel mehr gesehen hat von der Fußballwelt. Er ist der Typ, der mit seiner Präsenz, seiner Ausstrahlung und seiner ultraprofessionellen Arbeitsweise den Laden zusammenhält. Ein Typ, wie er dieser flatterhaften und heterogen wirkenden Dortmunder Mannschaft fehlt.

Bis auf eine kleine Phase in der zweiten Halbzeit war Schalke 04 gegen kraft- und ideenlose Dortmunder beeindruckend dominant. Allerdings nicht, weil die Mannschaft den BVB mit erdrückendem Ballbesitzfußball in der eigenen Hälfte einschnürte, und auch nicht, weil sie ihrem Gegner durch permanentes Pressing jede Ruhe nahmen. Vielmehr bestand die Dominanz darin, dass sie praktisch alle "wichtigen und entscheidenden Zweikämpfe" gewannen, wie BVB-Trainer Peter Stöger einräumte.

Vermutlich dachte auch er bei diesen Worten an Naldo. Stögers Vorgesetzte in der Klubführung können sich schwarz ärgern, dass nicht sie auf die Idee kamen, diesen Fußballer aus Wolfsburg ins Revier zu locken, nachdem Mats Hummels sich nach München verabschiedet hatte. Stattdessen verpflichteten sie den längst wieder verschwundenen Marc Bartra, der ein guter Fußballer ist, der aber weder die Mentalität des BVB prägen konnte, noch diesen positiven Einfluss auf die Alltagsstimmung hatte, die Naldo nachgesagt wird.

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Domenico Tedesco und sein Abwehrchef Naldo

Manager Christian Heidel wird oft kritisiert, weil er vor knapp zwei Jahren rund 70 Millionen Euro für Transfers zur Verfügung hatte und damit ein Team zusammenkaufte, das in der Saison danach nur Zehnter wurde. Aber Naldo, Tedesco und auch den erneut brillanten Daniel Caligiuri von einem Wechsel zum FC Schalke überzeugt zu haben, sind gewichtige Erfolge in seiner Gesamtbilanz.

Denn während man über den BVB immer noch nicht sagen kann, dass der seit langem wütende Zerfallsprozess abgeschlossen ist, wächst auf Schalke ein Projekt mit echter Perspektive. Um noch aus den Champions-League-Plätzen herauszurutschen, müssten sie nun in den verbleibenden vier Spielen sieben Punkte auf RB Leipzig verlieren. "Ich bin immer vorsichtig", sagte Naldo: "aber langsam können wir unseren Traum erfüllen. Es sieht sehr gut aus."

insgesamt 5 Beiträge
Franke aus Hamburg 16.04.2018
1. Er ist...
... schon gut, der Naldo. Auch wenn er gegen den HSV die Hand zur Hilfe nahm.
... schon gut, der Naldo. Auch wenn er gegen den HSV die Hand zur Hilfe nahm.
wokri 16.04.2018
2. @1
Hauptsache Salz in die Suppe streuen. Was hat das HSV Spiel mit unserem Derby zu tun? Sie dürfen sich doch auf tolle Derbys mit St. Pauli und Kiel freuen und wenn es so weitergeht, in zwei Jahren gegen den KFC Uerdingen spielen. [...]
Hauptsache Salz in die Suppe streuen. Was hat das HSV Spiel mit unserem Derby zu tun? Sie dürfen sich doch auf tolle Derbys mit St. Pauli und Kiel freuen und wenn es so weitergeht, in zwei Jahren gegen den KFC Uerdingen spielen. Tolles Spiel Naldo überragend, solche Spiele machen den Fußball aus.
Svenner80 16.04.2018
3. Trainer
Was für Spieler der Manager vor 3 Jahren geholt hat und was aus denen geworden ist, hängt ganz entscheidend vom Trainer ab. Und da hat Schalke diese Saison eben einen sehr guten und Dortmund nur mittelmäßige. Was würde ein [...]
Was für Spieler der Manager vor 3 Jahren geholt hat und was aus denen geworden ist, hängt ganz entscheidend vom Trainer ab. Und da hat Schalke diese Saison eben einen sehr guten und Dortmund nur mittelmäßige. Was würde ein 35-jähriger Naldo bei Bosz oder Stöger für eine "Rolle" spielen? Haha, keine weiteren Fragen ... ;-) Ich geh ja immer noch von Nagelsmann ab nächster Saison bei Dortmund aus. Dann könnt Ihr Euch bald wieder auf mitreißenden Fussball dort freuen ... und Schalke - Dortmund wird auch von der spielerischen Klasse her eines der Highlights der Saison.
widower+2 16.04.2018
4. Supertyp
Und ich gönne es ihm sehr, dass er jetzt weitgehend verletzungsfrei ist. Immerhin galt er in seiner letzten Zeit bei Werder schon als Sportinvalide und hat damals mehr als ein Jahr lang kein Spiel bestritten. Ich mag gar nicht [...]
Und ich gönne es ihm sehr, dass er jetzt weitgehend verletzungsfrei ist. Immerhin galt er in seiner letzten Zeit bei Werder schon als Sportinvalide und hat damals mehr als ein Jahr lang kein Spiel bestritten. Ich mag gar nicht daran denken, um wie viel besser es wohl für Werder gelaufen wäre, wenn man ihn damals behalten hätte.
eulenspiegel1979 16.04.2018
5. Bürki vs Naldo
Eigentlich bin ich froh, dass Bürki bei dem Schuss nicht noch dran war. Vermutlich hätte der jetzt ne gebrochene Hand und würde wie Batshuayi ausfallen. 126 km/h hatte die Pille. Da wäre ich auch zur Seite gesprungen.
Eigentlich bin ich froh, dass Bürki bei dem Schuss nicht noch dran war. Vermutlich hätte der jetzt ne gebrochene Hand und würde wie Batshuayi ausfallen. 126 km/h hatte die Pille. Da wäre ich auch zur Seite gesprungen.

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