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Sport

Bayerns Champions-League-Gegner

Ajax glänzt nur noch ein bisschen

Der FC Bayern empfängt Ajax Amsterdam in der Champions League - ein Duell mit großer Vergangenheit. Doch die Niederländer sind längst nicht mehr auf Augenhöhe.

AP

Ajax-Spieler bejubeln Sieg über AEK Athen

Von
Dienstag, 02.10.2018   16:55 Uhr

Man kann nicht verlangen, dass sich Erik ten Hag an den 7. November 1978 erinnert. Der heutige Trainer von Ajax Amsterdam war damals schließlich erst acht Jahre alt. Aber man wird den Coach in den vergangenen Tagen noch einmal auf diesen Tag aufmerksam gemacht haben, als Ajax sich zum Abschiedsspiel des großen Johan Cruyff den FC Bayern München als Gegner ausgesucht hatte. Die Mannschaft, auf die Ajax am Abend in München in der Champions League trifft (21 Uhr Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: DAZN).

Die Bayern fühlten sich damals von den niederländischen Gastgebern unhöflich behandelt. Man hatte die Mannschaft vorm Hotel stehen lassen, Zuschauer beschimpften die Spieler beim Warmlaufen als Nazis, so etwas lassen sich Paul Breitner, Karl-Heinz Rummenigge, Gerd Müller und Uli Hoeneß ungern bieten. Die Münchner gewannen das Abschiedsspiel humor- und gnadenlos 8:0 und vermiesten König Johan den Abend. Die Zuschauer tobten vor Wut.

Bayern gegen Ajax, diese Partie hat es 14 Jahre lang nicht mehr gegeben. Was vor allem daran liegt, dass Ajax in der Champions League kein Dauergast mehr ist. Trotzdem haftet dieser Begegnung noch immer ein besonderer Duellcharakter an, gespeist aus den Siebzigerjahren, als Cruyff gegen Beckenbauer, Niederlande gegen Deutschland, Ajax gegen den FC Bayern Zweikämpfe der Giganten bedeutete. Hass inklusive.

Der Ajax-Trainer coachte auch mal die Bayern

1973 fegte Ajax die Bayern 4:0 aus dem Stadion, die Bayern revanchierten sich 1980 mit einem 5:1. Das wiederum ließ Ajax nicht auf sich sitzen: 5:2 in jenem großen Ajax-Jahr 1995, als die Niederländer mit dem jungen Trainer Louis van Gaal zum bislang letzten großen Halali bliesen. Die Münchner merkten sich diese Schmach sehr gut. Neun Jahre später, 2004, schossen sie Ajax in der Champions-League-Gruppenphase 4:0 ab, mit Roy Makaay wurde ein Niederländer dabei zum Ajax-Schrecken. Seit 2004 ist man sich aus dem Weg gegangen.

Was nicht bedeutet, dass es seit damals keine Querverbindungen mehr gab. Van Gaal hat den Bayern als Trainer 2009 ein modernes Gesicht verpasst - und 2013 übernahm ein gewisser Erik ten Hag die U23 der Münchner. Gleich im ersten Jahr stand er mit der Mannschaft ganz dicht vor dem Aufstieg in die Drittklassigkeit. Ein Gegentor in der Nachspielzeit des entscheidenden Relegationsspiels gegen Fortuna Köln verhinderte das. Den berühmten Bayern-Dusel hat ten Hag noch nicht persönlich kennengelernt.

Ajax und Bayern - das war mal ein Zweikampf auf Augenhöhe. Der Weg der beiden Vereine hat sich danach weit voneinander entfernt. Die Bayern sind eine große Nummer in Europa geblieben, Ajax konnte irgendwann nicht mehr mithalten. Wenn selbst die 18-Jährigen schon den Verein verlassen, weil sie woanders mehr Geld erwarten und mehr Renommee erhoffen, so wie es der Sohn von Klublegende Patrick Kluivert Justin im Sommer tat, ist die Rückkehr zum europäischen Adel so gut wie unmöglich.

Talentausbildung - und dann weg

Ajax Amsterdam kann noch immer mit seinem Namen wuchern. Der Verein strotzt vor Tradition, das rot-weiße Jersey mit dem Konterfei des griechischen Gottes Ajax gehört in jede gute Trikotsammlung, der Klub hat überall in Europa seine Fans. Das reicht noch, um Talente aus dem In- und Ausland anzuziehen. Zlatan Ibrahimovic oder Luis Suárez haben ihren Weg zum Weltstar hier begonnen, aber es ist eben immer nur ein Anfang. Jetzt haben die Amsterdamer wieder ein paar Hochbegabte in ihren Reihen: den Marokkaner Hakim Ziyech, den Argentinier Nicolas Tagliafico, und die zwei Eigengewächse Mathijs de Ligt und Frenkie De Jong. Bei allen vieren kann man sich nicht vorstellen, dass sie in zwei, drei Jahren noch das Ajax-Trikot tragen werden.

Der Spannung in der Liga hat es keinen Abbruch getan, dass Ajax nicht mehr europäisches Topniveau erreicht. Ajax ist seit vier Jahren nicht mehr Meister geworden, der Titelkampf in der Eredivisie entscheidet sich meist erst auf der Zielgeraden der Saison. Vor zwei Jahren fehlte Ajax ein Pünktchen auf den ungeliebten Erzrivalen Feyenoord Rotterdam, ein Jahr zuvor hatte man mit zwei Zählern das Nachsehen gegenüber PSV Eindhoven. In der Liga jammert niemand über Langeweile. Der FC Bayern und die Bundesliga müssen da erst noch hinkommen.

Fast 30 Jahre nach dem Abschiedsspiel-Debakel von Amsterdam hat sich Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge 2006 im niederländischen Fernsehen dafür entschuldigt. Das 8:0 damals sei "eine Beleidigung" gewesen. Rummenigge hatte damals allein vier Tore erzielt. Am Abend stehen die Bayern nach der Bundesliga-Niederlage in Berlin in der Verantwortung, von jenem Biss von damals etwas zu zeigen. Nach dem Gesetz der Serie wäre zwar Ajax wieder an der Reihe, eine Klatsche zu verteilen. Aber "Het leven is geen zoete krentenbol", wie sie in den Niederlanden, dem Land der Sprichwörter, sagen. Das Leben ist kein Rosinenbrötchen.

insgesamt 6 Beiträge
joppop 02.10.2018
1. Weinen
Bayern braucht nur 15 minuten gas zu geben und die grachten boys fliegen weinend zuruck nach Amsterdam. Gruss aus Eindhovem
Bayern braucht nur 15 minuten gas zu geben und die grachten boys fliegen weinend zuruck nach Amsterdam. Gruss aus Eindhovem
skeptikerjörg 02.10.2018
2. Schön
Ist ja fast alles richtig, aber welchen Sinn macht so eine "Vorkriegsgeschichte"? Ich stell mir mal einen Moment lang vor, die Bayern gewinnen heute Abend nicht, was schreibt Peter Ahrens dann morgen? Und der Tag, an dem [...]
Ist ja fast alles richtig, aber welchen Sinn macht so eine "Vorkriegsgeschichte"? Ich stell mir mal einen Moment lang vor, die Bayern gewinnen heute Abend nicht, was schreibt Peter Ahrens dann morgen? Und der Tag, an dem die Bayern nicht mehr mithalten können, ist absehbar angesichts der Summen, die englische, spanische, neuerdings auch wieder italienische Vereine sowie PSG für Spieler zahlen - die Gehälter, die ja über die Vertragsdauer viel stärker zu Buche schlagen, nicht zu vergessen. Nicht, dass ich mir das wünsche, aber die Zeit, in der deutsche Vereine europäisch nur noch zweite Liga sind, wird kommen.
dreiimweckla 02.10.2018
3. Bosman änderte alles
Der entscheidende Einschnitt und die Voraussetzung für den heutigen komplett globalisierten und kommerzialisiert Fußball kam in Europa mit dem Bosman-Urteil von 1995! Als sich in den 70ern Bayern und Ajax noch auf Augenhöhe [...]
Der entscheidende Einschnitt und die Voraussetzung für den heutigen komplett globalisierten und kommerzialisiert Fußball kam in Europa mit dem Bosman-Urteil von 1995! Als sich in den 70ern Bayern und Ajax noch auf Augenhöhe begegneten, standen sich auf der einen Seite 9 Deutsche garniert mit 2 Schweden, auf der anderen 9 Holländer (zugegeben teils anderer Abstammung) und 2 "Ausländer" woher auch immer gegenüber. Das heißt, der jeweilige Pool an guten Spieler, derer man sich bedienen konnte, war einfach viel geringer, größtenteils auf die nationale Liga beschränkt. Nicht umsonst stammt ja aus jener Zeit der Vorwurf, die Bayern würden der heimischen Konkurrenz gezielt die besten Spieler abwerben! Der Abstieg von Ajax begann nach 95, weil relativ kleine Ligen wie die Ehrendivision oder auch die belgische Liga nicht diese internationale Aufmerksamkeit genießen und logischerweise auch nicht Gelder wie in England oder Spanien generieren können! Aus der Sicht von Ajax muss es schon frustrierend sein, wenn man mittlerweile seit über 20 Jahren reihenweise zukünftige Multimillionäre top ausbildet, diese aber kaum über das 18. Lebensjahr hinaus halten kann ...
Skakesbier 02.10.2018
4. Der SPON-'Experte'
hat natürlich mal wieder alles richtig analysiert! Dumm für ihn: Nach über einer Stunde Spielzeit steht's in München(!) 1:1! Aber nur Mut, Herr Ahrens, Sie faseln bloß über Fußball. Und der Ball ist ja bekanntlich rund, [...]
hat natürlich mal wieder alles richtig analysiert! Dumm für ihn: Nach über einer Stunde Spielzeit steht's in München(!) 1:1! Aber nur Mut, Herr Ahrens, Sie faseln bloß über Fußball. Und der Ball ist ja bekanntlich rund, der nächste Gegner der schwerste etc.etc. Ärgerlich nur, daß sich sich Ihren Kollegen aus dem Polit-Ressort immer weiter angöleichen. Die glänzen ja auch schon seit Jahren nur mit grotesk falschen 'Erkenntnissen'/Prognosen (Stichworte: Brexit, US-Vorwahl, US-Hauptwahl, AfD-Ergebnisse).
RaKader 02.10.2018
5. Oh Ihr Experten…
…da kommt Ihr mit ollen Kamellen von gestern um das Heute zu erklären. Und dann steht es mit Glück 1:1. Soviel zur Kaffeesatzleserei und einer gelungenen Prognose.
…da kommt Ihr mit ollen Kamellen von gestern um das Heute zu erklären. Und dann steht es mit Glück 1:1. Soviel zur Kaffeesatzleserei und einer gelungenen Prognose.

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