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Sport

Belgier spart englischen Drittligisten kaputt

Für Nachwuchs-Spieler nur Leitungswasser

Kein Essen auf der Geschäftsstelle, kein Frühstück für die jungen Spieler: Der Besitzer von Charlton Athletic spart drastisch - die Fans reagieren kreativ.

imago/ PA Images

Stadion von Charlton Athletic

Von Raphael Honigstein
Freitag, 14.09.2018   16:16 Uhr

Zwanzig Sekunden nach Anpfiff der Partie raschelt es im Stadion The Valley unüberhörbar. Die Fans von Charlton Athletic werfen Hunderte Chipstüten von der Tribüne auf den Platz. Das Heimspiel gegen Fleetwood Town (0:0) muss für einige Minuten unterbrochen werden.

Die Aktion der Addicks-Anhänger vor drei Wochen richtete sich gegen den belgischen Eigentümer Roland Duchâtelet. Er hat den Traditionsklub im Südosten Londons seit seiner Übernahme im Januar 2014 in die finanzielle und sportliche Hoffnungslosigkeit der dritten Liga geführt - mit zehn Trainerwechseln, dem Verkauf der besten Spieler und einem absurden Sparkurs.

imago/ PA Images

Charlton-Athletic-Team

Zuletzt hatte der 71-Jahre alte Millionär Angestellte des Vereins dazu angehalten, nicht mehr am Arbeitsplatz zu essen, weil aus Kostengründen nur noch gelegentlich in den Büros sauber gemacht wird. Ein Mitarbeiter wollte sich daraufhin bei seinem Vorgesetzten vergewissern, ob das Krümelverbot auch für Chips gelte. Eine Zeitungsgeschichte über diesen Vorgang inspirierte die Zuschauer zu ihrem ungewöhnlichen Protest.

Fans beerdigen den Klub symbolisch

"Die Stadionwärter waren natürlich informiert", sagt Clive Harris, ein führender Fanaktivist im Bündnis "The Campaign Against Roland Duchâtelet" (CARD), das vor zwei Jahren ins Leben gerufen wurde. Schon damals war absehbar, dass Duchâtelets Regentschaft beim 2007 aus der Premier League abgestiegenen Vorstadtverein keine Erfolgsgeschichte werden würde.

imago/ Panoramic International

Roland Duchâtelet

Der Unternehmer, der unter anderem auch knapp 50 Prozent der Stimmanteile am deutschen Drittligisten FC Carl Zeiss Jena hält, hatte kurz nach seinem Einstieg für umgerechnet 16 Millionen Euro den populären Trainer Chris Powell gefeuert, weil sich dieser nicht in die Aufstellung reden lassen wollte. 18 Monate später stürzte der früher für soziales Engagement und sorgsame Vereinsführung bekannte Klub in die dritte Liga ab.

Die Fans trugen Charlton in einer Choreografie symbolisch zu Grabe und schleuderten schwarz-weiße Strandbälle auf den Rasen, Monate später auch Plastikschweinchen. "So langsam gehen uns die Ideen für harmlose Wurfgeschosse aus", sagt Harris.

Fans wenden sich ab, der Besitzer ist nicht vor Ort

Der Mittfünfziger hat diesen Sommer schweren Herzens nach 31 Jahren seine Jahreskarte zurückgegeben. Es sei "ein schreckliches Gefühl, den eigenen Klub zu boykottieren", sagt er. "Aber mir bleibt nichts anderes übrig. Wir müssen Duchâtelet finanziell weh tun." Der Zuschauerschnitt im Valley ist seit 2014 von 18500 auf offiziell 9000 geschrumpft. "In Wahrheit sind es aber eher 6000", glaubt Harris. Sein Team feuert er in dieser Saison nur noch bei Auswärtsspielen an.

imago/ PA Images

Charlton-Fans im Stadion

Da Duchâtelet zuletzt 2014 ein Match besuchte, reisten Anhänger zwei Dutzend Mal nach Belgien, um in seinem belgischen Heimatort Sint-Truiden zu protestieren. John Barnes und einige Mitstreiter gründeten eigens die "Roland Out Today"-Partei (ROT) um dort bei den Stadtratswahlen im Oktober teilzunehmen. "Wir fanden viel Zuspruch für unsere Sache, aber niemanden, der als Kandidat bereitstand", sagt Barnes. "Duchâtelets Elektronikkonzern beschäftigt in der Gegend sehr viele Leute, man will sich nicht mit ihm anlegen."

Charlton wird derweil in Abwesenheit geführt, als eine Art Zombie-Klub. Es gibt keinen Geschäftsführer und keinen Exekutivvorstand, der Verein verliert pro Monat etwa eine Million Pfund (1,12 Millionen Euro) und hat Schätzungen zufolge Verbindlichkeiten von 80 Millionen Euro angehäuft. Und nominell hat Duchâtelet dem Klub das Geld nur geliehen; Charlton zahlt für die Darlehen Zinsen an den Besitzer.

"Wenig Hoffnung, dass wir erlöst werden"

Duchâtelet, der sich auf SPIEGEL-Anfrage nicht äußern wollte, verhandelt seit Monaten über einen Verkauf der Addicks, kann sich jedoch nicht auf einen Preis einigen. "Nach unseren Informationen verlangt er um die 40 Millionen Pfund (etwa 45 Millionen Euro) - völlig illusorisch", so Harris. "Ich habe wenig Hoffnung, dass wir erlöst werden."

Die Fans verlangen, dass sich der lange vornehm desinteressierte Liga-Verband (EFL) endlich ihrer Sache annimmt. Das Bündnis CARD hat zusammen mit Fans von Blackpool, die unter einer ähnlich desaströsen Klubführung leiden, für diesen Freitag zu Protesten vor der Zentrale des englischen Fußballverbands (EFL) aufgerufen.

imago/ PA Images

Vereinslogo im Stadion

Charltons Nachwuchsmannschaft muss derweil ohne Frühstück auskommen. Anstelle von Mineralwasser dürfen die Jugendlichen auf Geheiß des Eigentümers nur noch aus der Leitung trinken. "Wir müssen die Kosten senken", sagte Duchâtelet dem belgischen Magazin "Knack", "die Mannschaft wird deswegen nicht schlechter spielen." In den Toiletten des Vereinsheims gibt es keine Papiertücher mehr, versprochene Bonusgehälter wurden ebenfalls nicht gezahlt.

Von den noch verbliebenen 30 Mitarbeitern haben sich angesichts dieser absurden Maßnahmen so einige mit der Anhängerschaft solidarisiert. Harris, der ehrenamtlich als Vereinshistoriker arbeitet, deponiert seine "Roland raus!"-Banner gar in der Geschäftsstelle. An diesem Samstag wird er knapp vier Stunden mit dem Auto zum Spiel gegen Bradford City fahren und sie dort in die Kamera halten. "Wir werden ihm weiter auf die Nerven gehen", kündigte er an. "Bis wir ihn endlich los sind."

insgesamt 10 Beiträge
YoRequerrosATorres 14.09.2018
1. So schade!
Da gibt es einen Traditionsklub, der von den eigenen Fans boykottiert wird mit der Erwartung, irgendwann wieder den "echten" Verein zu haben. Wenn das aber zu lange dauert, dann ist wirklich allles weg: Verein, Fans, [...]
Da gibt es einen Traditionsklub, der von den eigenen Fans boykottiert wird mit der Erwartung, irgendwann wieder den "echten" Verein zu haben. Wenn das aber zu lange dauert, dann ist wirklich allles weg: Verein, Fans, Spieler, Identität. Dann bleiben nur noch die Schulden. Fast wie bei Alemannia Aachen.
mcbarby 14.09.2018
2. 50+1
Das möge eine Warnung für all jene sein, die lautstark schreien, man möge doch in DE die 50+1 Regel abschaffen! Solch katastrophalen Auswirkungen könnte dann niemand Einhalt gebieten.
Das möge eine Warnung für all jene sein, die lautstark schreien, man möge doch in DE die 50+1 Regel abschaffen! Solch katastrophalen Auswirkungen könnte dann niemand Einhalt gebieten.
magic88wand 14.09.2018
3. Vorstadtverein...
... sind Charlton Athletic nun wirklich nicht. Das Stadion liegt in der Nähe von Greenwich, zentrumsnäher als diejenigen von Arsenal oder Spurs.
... sind Charlton Athletic nun wirklich nicht. Das Stadion liegt in der Nähe von Greenwich, zentrumsnäher als diejenigen von Arsenal oder Spurs.
dejonghotz 14.09.2018
4. da hilft nur
den Verein verlassen und selbst neu gründen, siehe Salzburg
den Verein verlassen und selbst neu gründen, siehe Salzburg
at.engel 14.09.2018
5.
"Charlton zahlt für die Darlehen Zinsen an den Besitzer." Das klingt ja ausgesprochen interessant - wäre schön, wenn das der SPIEGEL mal eingehender erklären kann: Der Besitz zahlt an seinen Besitzer(!) Zinsen. Ich [...]
"Charlton zahlt für die Darlehen Zinsen an den Besitzer." Das klingt ja ausgesprochen interessant - wäre schön, wenn das der SPIEGEL mal eingehender erklären kann: Der Besitz zahlt an seinen Besitzer(!) Zinsen. Ich habe das Gefühl, dass das ein Modell mit Zukunft ist (ist ironisch gemeint...).

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