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Sport

Chile-Star Arturo Vidal

König vor der Krönung

Arturo Vidal ist der unumstrittene Volksheld des chilenischen Fußballteams. Der Bayern-Profi tritt auch beim Confed Cup mit der von ihm bekannten Leidenschaft auf. In München hatten sie die zuletzt vermisst.

AFP
Aus Sankt Petersburg berichtet
Sonntag, 02.07.2017   15:00 Uhr

Bei Twitter nennt sich Arturo Vidal King Arturo, und am Sonntagabend will er sich die Krone aufsetzen. "Wenn wir dieses Spiel gewinnen, sind wir das beste Team der Welt", adelt der 30-Jährige den sportlich doch so umstrittenen Confed Cup zur Battle of the Giants. Chile gegen Deutschland (20 Uhr, High-Liveticker SPIEGEL ONLINE) ist zumindest in jedem Fall die Partie der beiden besten Teams bei diesem Turnier, und dass Chile eines dieser beiden Teams ist, dafür hat Vidal seit nunmehr zehn Jahren gearbeitet.

Der Krieger, der Anführer, der Aggressive Leader - die Beinamen des Bayern-Profis sind bekannt, aber wer Vidal hier beim Confed Cup erlebt, weiß, wie berechtigt sie sind. Vidal hat vom ersten Spiel an alles in dieses Turnier investiert, was er mitbringt. Gegen Kamerun gab er nicht eher Ruhe, bis er in der 81. Minute den 1:0-Führungstreffer erzielte, zuletzt beim Halbfinale gegen Portugal pfefferte er seinen Strafstoß im Elfmeterschießen mit einer derartigen Energie ins Tor, dass das Tornetz nur durch ein Wunder heil blieb.

"Keiner von uns verschwendet einen Gedanken daran, wie es wäre, das Spiel zu verlieren", sagt Vidal vor dem Endspiel gegen die Deutschen, und wenn man so will, ist das ein typischer Vidal-Satz. Der Chilene ist nicht der Kapitän des Teams, diese Rolle hat der formidable Torwart Claudio Bravo inne, aber mehr Spielführer, als sich Vidal auf dem Platz gibt, erscheint kaum möglich. Ein Kapitän hat allerdings auch die Pflicht, Ruhe ins Spiel zu bringen, und das ist wahrscheinlich das einzige, woran Vidal auch nach so vielen Jahren im Profigeschäft arbeiten darf.

Bei den Bayern begannen die Ersten zu zweifeln

Bei den Bayern waren sie zuletzt nicht so ganz zufrieden mit ihrem Arturo, nachdem er in der Vorsaison eine imposante Rückrunde hingelegt und das unter Josep Guardiola schwächelnde Team über die Zielgerade zu Pokal und Meisterschaft getragen hatte. Diese Energieleistung noch einmal zu vollbringen, dazu hat es in der abgelaufenen Spielzeit und unter Trainer Carlo Ancelotti nicht ganz gereicht. Ist Vidal wirklich noch so wertvoll für seine Mannschaft wie in den Jahren zuvor? Solche Fragen werden in München ziemlich schnell gestellt. In diesem Confed-Cup-Sommer hat er eine beeindruckende Antwort gegeben.

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Chile-Star Arturo Vidal: Ohne Rücksicht auf Verluste

Vidal ist eine Figur, sein Irokesen-Haarschnitt, sein Gesicht, das er Jahr für Jahr mehr zu einem Gesamtkunstwerk ausbaut, die Tattoos an allen möglichen und unmöglichen Stellen, seine Gestik, sein Engagement. Niemand vergisst Vidal, der ein Spiel der Chilenen angeschaut hat. Und Gegenspieler kann man damit schon einschüchtern.

Ob die Deutschen davon beeindruckt sind? Im Gruppenspiel, das 1:1 endete, hatte man nur die ersten 20 Minuten lang das Gefühl. Danach kontrollierten sie die Partie dermaßen, dass sich auch Vidal die Zähne am deutschen Defensivverbund ausbiss.

Vidal verteilt Komplimente ans DFB-Team

"Dass Deutschland ins Finale kommt, wusste ich schon vor dem ersten Spiel", sagt Vidal. Und das hatte er zumindest zu diesem Zeitpunkt noch exklusiv. Genau wie die Ansicht: "Die deutschen Spieler, die hier sind, sind physisch stärker als die, die daheim geblieben sind." Stärker als Mats Hummels, stärker als Jérome Boateng, stärker als Toni Kroos. Eine kühne These, aber Vidal liebt es kühn.

In Chile lieben ihn die Fans, seinen Namen tragen sie fast alle auf ihren Trikots durch Russland, da kommt kein Bravo mit, kein Alexis Sánchez, der dritte Fußball-Superstar des Landes. Dass Vidal sich hochgekämpft hat aus kleinsten Verhältnissen, seine Alkoholeskapaden - oder sind es Alkoholprobleme, mit denen er zu tun hatte -, das Pathos, mit dem er sich umgibt - all das macht ihn zu einem Volkshelden. Kein glatter Typ, wahrlich nicht.

Das Finale von Sankt Petersburg hält einige interessante Duelle parat. Das Aufeinandertreffen der beiden Torleute zum Beispiel. Bravo gegen Marc-André ter Stegen, die zwei Jahre lang beim FC Barcelona rivalisiert haben, sich nicht die Butter auf dem Brot gönnten. Erst als Bravo nach Manchester zu Guardiola ging, war für ter Stegen der Weg bei den Katalanen frei.

Und auch Vidal trifft im Endspiel auf jemanden, der eigentlich den Job haben möchte, den der Chilene jetzt bei den Bayern hat. Joshua Kimmich ist in München als Rechtsverteidiger gebucht, aber jeder weiß, dass der junge Deutsche am liebsten im defensiven Mittelfeld auftrumpfen würde. Dort, wo Vidal sein Revier beansprucht. Noch hält Ancelotti die schützende Hand über ihn, er hat den Altersbonus, den der italienische Coach so wertschätzt. Aber eine zweite mäßige Spielzeit sollte sich selbst ein Anführer nicht erlauben können.

insgesamt 3 Beiträge
Garda 02.07.2017
1. Tatoos
Wenn ich das Foto sehe, erinnere ich mich an die 70er Jahre. Ein Aufstand der Bayern-Fans, weil sich Beckenbauer und Müller einen Schnauzbart wachsen ließen. Man ist offensichtlich toleranter geworden....;-)
Wenn ich das Foto sehe, erinnere ich mich an die 70er Jahre. Ein Aufstand der Bayern-Fans, weil sich Beckenbauer und Müller einen Schnauzbart wachsen ließen. Man ist offensichtlich toleranter geworden....;-)
brotherandrew 02.07.2017
2. Von ...
... welcher "mäßigen zweiten Halbzeit" im letzten Jahr spricht der Autor? Ich erinnere mich an einen weit übermotivierten Vidal im Hin- und Rückspiel gegen Real. Das war eher unmäßig als mäßig.
... welcher "mäßigen zweiten Halbzeit" im letzten Jahr spricht der Autor? Ich erinnere mich an einen weit übermotivierten Vidal im Hin- und Rückspiel gegen Real. Das war eher unmäßig als mäßig.
verruca 02.07.2017
3. Kühn?
Zitat: "Die deutschen Spieler, die hier sind, sind physisch stärker als die, die daheimgeblieben sind." Stärker als Mats Hummels, stärker als Jérome Boateng, stärker als Toni Kroos. Eine kühne These, aber Vidal [...]
Zitat: "Die deutschen Spieler, die hier sind, sind physisch stärker als die, die daheimgeblieben sind." Stärker als Mats Hummels, stärker als Jérome Boateng, stärker als Toni Kroos. Eine kühne These, aber Vidal liebt es kühn." Physisch! Das war Arturos Kriterium! Süle steckt aus diesem Blickwinkel vermutlich jeden(!) Innenverteidiger locker in die Tasche. Und Rüdiger muss sich sicher nicht hinter Boateng/Hummels verstecken. Physisch? Kroos? Can! Locker! Das waren die vom Autoren genannten Namen. Ich könnte jetzt noch solche Cinderellas wie Özil, Reus, Götze, Weigl, etc. aufzählen, die aus verschiedenen Gründen zuhause geblieben sind. Allesamt nicht gerade das was man unter Kante versteht. Nicht zu vergessen T. Müller. Ähmmm ... Sandro Wagner? Der kommt sogar noch kompakter daher als M. Gomez. Als in Sachen "physisch" hatte der Herr Vidal schon recht. Nix mit kühne These!

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