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Sport

DFB-Remis gegen Niederlande

Bleibt alles anders

Ein Gegentor in letzter Minute - das war der angemessene Jahresabschluss für die Nationalelf. Das Spiel gegen die Niederlande zeigte die Fortschritte des Teams, es verdeutlichte aber auch die alten Probleme.

Getty Images

Leroy Sané (M.) im Dribbling

Aus Gelsenkirchen berichtet
Dienstag, 20.11.2018   06:45 Uhr

In dem Moment, als Virgil van Dijk in der 90. Minute den Ausgleich für die Niederlande zum 2:2 erzielt hatte, hätte Joachim Löw ein Jahr zurückdenken können. Auch die letzte Partie des Jahres 2017 endete mit einem 2:2-Unentschieden, ebenfalls durch ein Tor in der Schlussminute.

Da war es allerdings Löws Mannschaft, die das Spiel gegen Frankreich noch in ein Remis umwandelte. Die DFB-Elf schloss 2017 dadurch ohne jede Niederlage ab. Dass es zwölf Monate später dem Gegner gelang, eine eigentlich für ihn bereits verlorene Partie noch in einen Punktgewinn zu verwandeln, sagt viel darüber, was sich seit November 2017 verändert hat. Dieses Spiel gegen die Niederländer in Gelsenkirchen musste letztlich ein solches Ende nehmen. Alles andere hätte diesem Jahr 2018 widersprochen.

Löw im Video: "Gehe mit gutem Gefühl nach Hause"

Foto: AFP

Es war kein schlechtes Spiel der deutschen Elf. Im Gegenteil: Es war vielleicht sogar die beste Vorstellung, die diese Mannschaft 2018 abgeliefert hat. Der Dreiersturm aus Serge Gnabry, Leroy Sané und Timo Werner sorgte immer wieder für Kontergefahr, auf dem Flügel profilierten sich Hoffenheims Nico Schulz und Thilo Kehrer von PSG, Joshua Kimmich gab fast schon einen routinierten Sechser ab, auch die Abwehrzentrale stand lange Zeit stabil.

"Mit einem guten Gefühl in die Winterpause"

"Ich habe deutlich mehr Positives als Schlechtes gesehen", sagte Bundestrainer Löw folgerichtig nach dem Spiel, "viel Tempo, gute Organisation", er gehe jetzt "mit einem guten Gefühl in die Winterpause". Auch Toni Kroos als einer der Verbliebenen aus der Weltmeistermannschaft von 2014 stellte nachher fest: "Ich glaube, jeder hatte das Gefühl, dass es über weite Teile gut war."

Aber wie sehr diese Fortschritte auf wackligem Fundament stehen, machten dann auch wieder die letzten zehn Minuten des Spiels deutlich. Als Oranje begann, mächtig Druck auszuüben, wurde die Verunsicherung in der deutschen Abwehr plötzlich wieder manifest. Die mangelnde Chancenverwertung, das andere wiederkehrende Problem dieser Elf, hatte sich vorher schon bei diversen Kontern aufgetan, die die Stürmer nicht konsequent zu Ende spielten.

Die defensive Ordnung und die fehlende Kaltblütigkeit vor dem Tor - das zieht sich durch dieses gesamte Jahr 2018. Daher gehört es zur Pointe, dass beide Defizite in der letzten Halbzeit dieses Jahres noch einmal deutlich zutage traten. Als Hausaufgabe für die Winterpause.

Es ist noch viel Unsicherheit im Spiel

"Ich weiß noch nicht, ob das jetzt die richtige Mischung aus Jüngeren und Älteren war", sagt Löw. Es ist eben noch sehr viel Unsicherheit in der ganzen Situation um diese Elf, nach sechs Niederlagen und nur drei Siegen im abgelaufenen Jahr weiß auch der Bundestrainer ganz offensichtlich noch nicht genau, wohin es mit dieser Mannschaft geht.

Durch den vergebenen Sieg über das Team Oranje droht der DFB-Elf eine schwierige Gruppe in der EM-Qualifikation. Dort zu scheitern, könnten sich Löw und seine Mannschaft allerdings weit weniger erlauben, als aus der A-Gruppe der Nations League abzusteigen. Das wird dem Bundestrainer in der Öffentlichkeit noch verziehen. In der Hoffnung, dass es künftig mit den jungen Spielern wieder aufwärts geht.

DPA

Joachim Löw

Vor allem City-Profi Leroy Sané weckte mit seinem Auftreten erneut berechtigte Erwartungen auf Besserung. Jedes rasante Dribbling von ihm, jeder schnelle Antritt ist allerdings auch wie ein stetes Memento an Joachim Löw zur Frage, wie er diesen außergewöhnlichen Spieler nicht mit zur WM nach Russland nehmen konnte. Man könnte sich vorstellen, dass Löw diese Entscheidung vom Juni mittlerweile selbst mehrfach bereut hat. Öffentlich hat er dies allerdings noch nicht gemacht.

Renommee der Mannschaft hat schwer gelitten

Die letzten drei Partien dieses Jahres nach dem 0:3-Debakel von Amsterdam im Oktober - das 1:2 in Frankeich, das 3:0 gegen Russland und jetzt das Remis gegen Oranje - das sind die Spiele und die Spieler, auf die die Nationalmannschaft ihre Aufbauarbeit setzten wird. Eine Arbeit, die auch dazu beizutragen hat, das Renommee dieser Mannschaft, dieses Trainers, dieses Verbandes wieder zu heben. In Gelsenkirchen blieben wieder zahlreiche Plätze im Stadion leer. Deutschland gegen die Niederlande - das wäre zu anderen Zeiten ein Selbstgänger für ein ausverkauftes Haus gewesen. Das ist es nach diesem Jahr nicht mehr.

Auf Schalke zeigte der DFB zumindest, dass er gewillt ist, alte Zöpfe abzuschneiden. Als die deutschen Treffer fielen, verzichtete man doch tatsächlich darauf, Oliver Pochers Torhymne "Schwarz und weiß" zu intonieren, mit der über Jahre die Tore der DFB-Spieler untermalt wurden. Es besteht also Hoffnung.

insgesamt 55 Beiträge
Andalusier 20.11.2018
1. Zufall oder Ursache
Mit den "Mopeds" auf dem Platz wurde ein 2:0 erspielt, die Zeit ohne den Mopeds endete 0:2.
Mit den "Mopeds" auf dem Platz wurde ein 2:0 erspielt, die Zeit ohne den Mopeds endete 0:2.
Papazaca 20.11.2018
2. Unnötiges Auswechseln zerstört das Spiel
Wer das Spiel gesehen hat, mußte feststellen, das die Wechsel mit Müller und Goretzka gar nicht funktionierten, mit Reuss mittelprächtig. In jedem Fall war das ein Riß im deutschen Spiel, es brachte die Holländer wieder ins [...]
Wer das Spiel gesehen hat, mußte feststellen, das die Wechsel mit Müller und Goretzka gar nicht funktionierten, mit Reuss mittelprächtig. In jedem Fall war das ein Riß im deutschen Spiel, es brachte die Holländer wieder ins Spiel. Das hundertste Spiel für den wieder mal schlechten Müller war wichtiger, als die Partie zu gewinnen. Tut mir leid, aber dieser Trainer ist beratungsresistent, Ihm ist kaum zu helfen!
gibmichdiekirsche 20.11.2018
3.
Es grenzt nicht nur an, es überschreitet deutlich die Grenze zum Realitätsverlust, bei einem sehr ansehnlich und verdient heraus gespielten 2:0 Vorsprung ausschließlich offensiv zu wechseln und dann dem schwachen Thomas [...]
Es grenzt nicht nur an, es überschreitet deutlich die Grenze zum Realitätsverlust, bei einem sehr ansehnlich und verdient heraus gespielten 2:0 Vorsprung ausschließlich offensiv zu wechseln und dann dem schwachen Thomas Müller 'ne geschlagene halbe Stunde zuzugestehen, auf dass dessen Bilanz nunmehr dreistellig sei. Dafür saßen bis zum Schluß Leute auf der Bank, die für mehr defensive Absicherung und Stabilität hätten sorgen können. Der "Jogi" war und ist nun wirklich nicht in der Position, auf ein 3:0 gehen zu müssen. Er hätte allen Fußballgöttern für den wirklich gut und verdient herausgespielten Vorsprung danken sollen und dann das Ergebnis absichern sollen und müssen. So war das im Endeffekt erneut ein taktischer Griff ins Klo, den die Jungs auf dem Platz ausbaden mussten und das nicht verdient haben.
anonlegion 20.11.2018
4. Die jungen Wilden machen Spass
Ein wirklich ansehnliches Spiel der Nationalelf Gestern. Bis zur Auswechslung Gnabrys, Werners und Sanes jedenfalls. Mann haben die Jungs Tempo, Technik und Bock aufs kicken. Lange nicht mehr von einem Nationalspieler so viel [...]
Ein wirklich ansehnliches Spiel der Nationalelf Gestern. Bis zur Auswechslung Gnabrys, Werners und Sanes jedenfalls. Mann haben die Jungs Tempo, Technik und Bock aufs kicken. Lange nicht mehr von einem Nationalspieler so viel Spielfreude, Einsatz und Kreativität gesehen. Erschütternd allerdings die Unsicherheit und der umgehende Verlust der Zuordnung als Müller und Goretzka kamen. Goretzka ist sicherlich ein kandidat für die künftige Elf doch Müller sehe ich in dem neuen Verbund nicht. Jedenfalls war es über 80 Minuten ein klasse Spiel und machte Spass es anzusehen. In 2019 gerne mehr von den "Mopeds"!!
meander6 20.11.2018
5. Das offensichtliche übersehen
Nein, es geht nicht um die richtige Mischungs aus Alt und Jung, aus Erfahren und Unerfahren usw. Es sind massive Coachingfehler. Durch den kompletten Austausch der Offensivreihe bekamen die Niederlande wieder die Überhand. Das [...]
Nein, es geht nicht um die richtige Mischungs aus Alt und Jung, aus Erfahren und Unerfahren usw. Es sind massive Coachingfehler. Durch den kompletten Austausch der Offensivreihe bekamen die Niederlande wieder die Überhand. Das Unentschieden war nur eine Frage der Zeit, denn nun war kein Sprinter mehr vorne in der Spitze (Werner, Sané). Die Verteidiger der Niederlande konnten also aufrücken. Der Niederlande-Coach wechselte die Taktik, die taktische Aufstellung danach. Die Offensiv-Wirkung der DFB-Auswahl war weg, das Mittelfeld und die Abweht jetzt mit allen Spielern 90 Minuten auf dem Platz. Auch das macht für Fehler anfällig. Und das sind keine Fehler der Spieler! Das sind massive Coaching-Fehler!

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