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Sport

DFB zur Causa Özil

Es geht um uns

Reinhard Grindel hat Nationalspieler Mesut Özil kritisiert. Was der DFB-Präsident verkennt: In der Debatte geht es um weit mehr als Sport - es geht um die Frage, welche Menschen Deutschland repräsentieren.

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Mesut Özil nach dem Spiel gegen Südkorea

Ein Kommentar von
Montag, 09.07.2018   13:44 Uhr

Seit einigen Jahren gibt es beim Deutschen Fußball-Bund den Posten des Integrationsbeauftragten. Auf der Website des Verbands heißt es: "Integration wird beim DFB als Querschnittsaufgabe verstanden und ist in der "gesellschaftlichen Verantwortung" angesiedelt." Maria Böhmer, die frühere Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, wird dort mit dem Satz zitiert: "Mit seinem großen Engagement leistet der DFB einen wertvollen Beitrag. Mesut Özil und Jérôme Boateng sind Brückenbauer und wichtige Vorbilder für Migranten."

An die Vorbildwirkung von Mesut Özil wurde in den vergangenen Tagen beim DFB weniger erinnert. Manager Oliver Bierhoff und Präsident Reinhard Grindel haben den Nationalspieler stattdessen deutlich kritisiert. Es bleibt das zwiespältige Gefühl, der DFB habe einen Schuldigen gefunden, den er für das frühe Aus bei dieser WM mitverantwortlich machen könne.

Während Bundestrainer Joachim Löw öffentliche Äußerungen derzeit meidet und um Geduld gebeten hat, um das Scheitern in Russland aufzuarbeiten, haben Bierhoff und Grindel offensichtlich weniger Zeit nötig, um in die Ursachenforschung einzusteigen. Dabei hatte Grindel zuvor auch explizit den Bundestrainer aufgefordert, zunächst eine "ehrliche Analyse" vorzulegen, auf deren Basis man dann die sportliche Misere bei der WM beurteilen kann.

Grindel übt Druck auf Löw aus

Stattdessen steht Özil jetzt im Fokus. Grindel hat im "Kicker" Özil zu einer öffentlichen Stellungnahme aufgefordert, für diese Forderung hat er allerdings zwei Monate gebraucht. Die Fotos, die Özil und Nationalmannschaftskollege Ilkay Gündogan mit dem türkischen Präsidenten Erdogan zeigen, sind seit Mitte Mai in der Öffentlichkeit.

Zudem hat der Verbandschef mit diesem Satz auch Druck auf den Bundestrainer ausgeübt: "Daneben müssen wir die sportliche Analyse abwarten und schauen, ob Joachim Löw weiter mit ihm plant." Es geht um die Frage, ob Löw Özil überhaupt noch einmal nominieren wird.

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Gespräche zwischen Löw, Özil, Grindel, Gündogan und Bierhoff (von l. nach r.) vor der WM

Es sind Äußerungen, die daher so schwer wiegen und ein solches Echo auslösen, weil sie in eine Zeit fallen, in der die Themen Integration, Migration und Einwanderung extrem emotional diskutiert werden, teilweise mit Ressentiments vermischt, nicht zuletzt politisch instrumentalisiert. Es müsste Bierhoff und Grindel bewusst sein, dass das Thema Özil längst kein rein sportliches mehr ist und jeder Satz zu dem Thema auch gesellschaftspolitisch auf die Goldwaage gelegt wird.

Dieses Problem hat der Bundestrainer nicht: Von Löw gibt es keine dezidierten gesellschaftlichen Appelle, wie sie vom Freiburger Trainer Christian Streich regelmäßig zu hören sind.

Von Cacau ist nichts zu hören

Das ist auch nicht seine Hauptaufgabe. Aber wenn es um Themen geht, die auf dem schmalen Grat zwischen Fußball, Politik und Gesellschaft wandeln, fällt dem DFB und der Nationalmannschaft diese vermeintlich unpolitische Haltung regelmäßig auf die Füße. Wenn Bierhoff in der Anfangsphase der Causa Özil/Gündogan davon gesprochen hat, man müsse auch berücksichtigen, "wie die Türken ticken", ist das sicherlich eher mangelndes Fingerspitzengefühl als böser Wille. Aber: Es ist ein Signal.

Ein Signal, das auch Nachwuchsspieler aus Einwandererfamilien registrieren werden: Will der DFB überhaupt, dass wir für Deutschland spielen? Die Frage, ob sich talentierte Spieler künftig selbstverständlich für Deutschland entscheiden, wenn eine mögliche Länderspielkarriere ansteht, wird in den Familien und bei den Spielern nach den Erfahrungen im Umgang mit Özil wahrscheinlich neu diskutiert werden.

Der Integrationsbeauftragte des DFB heißt übrigens Cacau. Er war 2010 Teil der deutschen Mannschaft, die bei der WM so begeistert hat und auch für ihre Zusammensetzung mit zahlreichen Spielern aus Einwandererfamilien gefeiert wurde. Einer seiner Mitspieler war Mesut Özil. Von dem Integrationsbeauftragten war in dieser Angelegenheit in den vergangenen Wochen zumindest öffentlich nichts zu hören. Nicht nur Mesut Özil schweigt.

insgesamt 343 Beiträge
2cv 09.07.2018
1. Es geht gar nicht um die Özil's Nationalität.
Wer das Thema "Nationalität" nach vorn schiebt, hat sich das Spiel der Mannschaft nicht wirklich angeschaut. Die Kritik - zumindest meine - richtet sich an die spielerische Qualität. Wir haben abends am Fernseher [...]
Wer das Thema "Nationalität" nach vorn schiebt, hat sich das Spiel der Mannschaft nicht wirklich angeschaut. Die Kritik - zumindest meine - richtet sich an die spielerische Qualität. Wir haben abends am Fernseher gesessen und das ein oder andere Mal gestöhnt ob der (nach unserer EInschätzung überproportional) fehlerhaften Pässe, des unnötigen Rückpiels über etlich Meter statt einer nach vorn gerichteten Offensivtaktik etc. - Özil und die restlichen "Jungs" waren einfach zu gesättigt, nicht mehr so hungrig wie viele andere junge Mannschaften. Das "wird schon gutgehen" war vielen in Zügen und Gesicht ablesbar. Der Ehrgeiz fehlte. Und dann natürlich noch das Alter der Spieler. Ein 25jähriger hat sowohl eine andere Leistungsbereitschaft und Leistungsfähigkeit wie ein 30 oder 35jähriger. Das ist die Causa, um die es geht. Oder gehen sollte. Nichts anderes. Es müssen Wadenbeisser her, nicht selbstgefällige Senioren. Letztere gehören nicht auf den Platz, und auch nicht ins Management. Wer von den Herren hat da noch den "Lean Forward Modus" eingeschaltet? Die meisten sind doch auf "Lean Back" eingestellt.
jeg 09.07.2018
2. Will der DFB überhaupt, dass wir für Deutschland spielen?
Vielleicht sollten die Jungs auch noch wie Soldaten vereidigt werden bevor „wir“ ihnen gestatten für uns zu spielen. Und bitte eine No-Foto-Liste, nur für Spieler mit Migrationshintergrund - auch wenn in Deutschland geboren. [...]
Vielleicht sollten die Jungs auch noch wie Soldaten vereidigt werden bevor „wir“ ihnen gestatten für uns zu spielen. Und bitte eine No-Foto-Liste, nur für Spieler mit Migrationshintergrund - auch wenn in Deutschland geboren. Oder besser doch für Alle um Aufregung für die empfindlichen Seelen der DEUTSCHEN zu vermeiden. Was ist eigentlich aus dem Radikalenerlass geworden?
antelatis 09.07.2018
3. Ist doch ganz einfach
Wer Wahlwerbung für einen Autokraten macht, der es mit den Menschenrechten nicht so genau nimmt, der hat in einem Team, dass demokratische Werte und Ansichten vertritt, nichts zu suchen!
Wer Wahlwerbung für einen Autokraten macht, der es mit den Menschenrechten nicht so genau nimmt, der hat in einem Team, dass demokratische Werte und Ansichten vertritt, nichts zu suchen!
kork22 09.07.2018
4. Geht ein Dortmunder nach Schalke...
Man stelle sich vor, dass Marco Reuss nach Gelsenkirchen fährt, sich mit Herrn Tönnies und einem T-Shirt "Mein Präsident" ablichten läßt. Es braucht dann nicht viel Fantasie um sich vorzustellen, wie sein Empfang [...]
Man stelle sich vor, dass Marco Reuss nach Gelsenkirchen fährt, sich mit Herrn Tönnies und einem T-Shirt "Mein Präsident" ablichten läßt. Es braucht dann nicht viel Fantasie um sich vorzustellen, wie sein Empfang beim nächsten Bundesligaspiel ausfallen würde. Und genau hierum geht es: Es muss gar keine politische oder rassistische Komponente habe. Wenn Herr Özil sich gerne mit dem türkischen Präsidenten zeigt, ist das sein gutes Recht, aber er hat sich zu einem anderen Verein als der deutschen Nationalmannschaft bekannt.
kayakclc 09.07.2018
5. Nebelkerzen: Eine Schande für den DFB
Die Diskussion der Causa Özil ist vor der WM vom DFB und den Verantwortlichen abgeleht worden. Jetzt, wo es um Sündenböcke für das kathastophale Abschneiden der deutschen Manschaft geht, und die schwachsinnige [...]
Die Diskussion der Causa Özil ist vor der WM vom DFB und den Verantwortlichen abgeleht worden. Jetzt, wo es um Sündenböcke für das kathastophale Abschneiden der deutschen Manschaft geht, und die schwachsinnige Vertragsverlängerung von Löw vor (!) wird auf einem einzelnen Spieler des Teams, der nicht einmal der schlechteste war (Müller, Khedira und auch Kroos spielten streckenweisen unterirdisch), herumgehackt. Von Löw, der als Trainer alleine für die Aufstellung der Mannschaft verantwortlich war, ist nichts mehr zu sehen. Bierhof's Interviews zeugen auch nicht von Selbstkritik. Und Herr Grindel muss sich fragen, warum überhaupt ein Vertrag mit Löw über 2018 hinaus geschlossen wurde. Da werfen die wahren verantwortlichen Nebelkerzen, anstelle dass alle drei endlich den überfällig Schritt selbst tun: bitte zurücktreten!
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