Schrift:
Ansicht Home:
Sport

Euphorie in Paris

Die Franzosen vergessen die Angst vor dem Terror

Sie tanzen die ganze Nacht auf den Pariser Boulevards: Frankreich feiert den Einzug ins Endspiel der Fußball-WM. Doch Präsident Macron warnt vor zu frühem Jubel.

AFP
Von , Paris
Mittwoch, 11.07.2018   09:41 Uhr

Die großen Champs-Élysées voller Menschen! Hunderttausende Menschen sind in dieser Nacht in ganz Frankreich unterwegs. Und sie singen nicht nur die Marseillaise, sondern auch: "One, two, three - viva Umtiti!" Das ist Englisch, das ist Spanisch, und trotzdem sind es Franzosen, die doch eher ungern Fremdsprachen sprechen, die sich das gerade ausgedacht haben. Dazu ein Name aus Kamerun: Umtiti!

"Natürlich ist Umtiti unser neuer Held", sagt die 30-jährige Sarah auf dem Boulevard Voltaire in Paris. Sie feiert mit ihren Freunden Frankreichs Einzug ins WM-Finale - und den Abwehrspieler Samuel Umtiti, der einst in Kamerun geboren wurde und in Sankt Petersburg das Siegtor gegen Belgien erzielte. Sarah und ihre Freunde sind keine Fußballexperten. Sie fragen sich, wer denn der beste französische Fußballspieler bei diesem Halbfinale war. Keiner weiß es, nur Sarah: "Der, der das Tor geschossen hat, Umtiti!" Und schon singen auch Sarah und ihre Freunde: "One, two, three…".

Dafür sind die Franzosen berühmt: Für ihre spontan gedichteten Lieder auf den Barrikaden der französischen Revolution. Dieses Mal feiern sie zwar keinen Volksaufstand, sondern nur den Fußball, aber immerhin auch "eine neue Generation", sagt Sarah. Für die junge, blonde Frau mit viel blau-weiß-roter Farbe im Gesicht steht fest: "Diese französische Fußballmannschaft wird eine neue Generation tragen, die für Solidarität und Brüderlichkeit steht. So wie 1998. Denn fast alle Spieler haben einen Migrationshintergrund."

So wie 1998 ist die ganze Nacht. Seit am 12. Juli vor 20 Jahren die französische Fußballnationalmannschaft ihre Heim-WM gewann, wurde in Paris nicht mehr so gefeiert wie nach diesem Halbfinale bei der WM in Russland. Überall auf den großen Plätzen kommt der Verkehr zum Erliegen, weil die Leute über die Straßen tanzen. Einen Public-Viewing-Platz gibt es aus Sorge vor Terroranschlägen nur vor dem Pariser Rathaus.

Stattdessen tanzen die Fans zu Hunderten vor dem Bataclan-Konzertsaal. Dort, wo im November 2015 ebenfalls in einer Fußballnacht, in der Frankreich ein Freundschaftsspiel gegen Deutschland austrug, das blutigste Terrorattentat der französischen Nachkriegsgeschichte verübt wurde. Allein im Bataclan starben damals 90 Menschen. In dieser Nacht aber können die Pariser den Terror vielleicht zum ersten Mal komplett vergessen: "Wir vergessen alles. Probleme gibt es nicht mehr. Der Rassismus ist weg. Zumindest für einen Abend geht das gut", sagt Christophe Durant, ein 29-jähriger Grafiker, der in der Menschenmenge vor dem Bataclan ein Bier trinkt.

"Jung, einig, dynamisch, zusammengewachsen"

Die Menge lässt lange Zeit kein Auto passieren. Nur die Müllabfuhr, die in Paris auch nachts unterwegs ist, wird unter lautem Gesang durchgewinkt. Einige Fans klettern dabei auf die Trittbretter der Müllmänner und schwenken französische Fahnen. "Wir sind im Finale", rufen sie. Das Gleiche schreibt auch Präsident Emmanuel Macron, der das Spiel in Sankt Petersburg verfolgte, per Twitter: "Wir sind im Finale. Rendezvous am Sonntag, um es zu gewinnen."

Das ist auch als Mahnung gedacht: Bloß nicht jetzt schon feiern und das Gewinnen beim Endspiel am Sonntag vergessen! In Paris hält sich in dieser Nacht niemand daran. Nur die Spieler in Sankt Petersburg tun es: "Wir werden unsere Arbeit tun", sagt Umtiti mit Blick aufs Endspiel, als hätte er den ganzen Abend noch nichts getan. In den Pariser Cafés, in denen sein Statement zu später Stunde über die Bildschirme flimmert, denken die Leute längst nicht mehr an die Arbeit, sondern nur noch ans Feiern.

"Jung, einig, dynamisch, zusammengewachsen", so beschreibt ein anderer Pariser die Sieger. Er spielt nach dem Halbfinale mit seinem Sohn auf dem Bürgersteig Fußball. Er glaubt, dass diese französische Mannschaft für Macron wie gerufen komme: "Macron ist jung und will alles modernisieren. Diese Mannschaft passt in sein Gesellschaftsbild." Seine Begleiterin ergänzt: "Chirac wurde doch nur wiedergewählt, weil Frankreich unter ihm die WM gewann." Sie erinnert damit an die Wiederwahl des ehemaligen französischen Präsidenten Jacques Chirac im Jahr 2002 nach dem französischen WM-Sieg von 1998. Ob Macron auch schon daran zurückdenkt?

Sein Vorgänger hat ihn davor am gleichen Tag gewarnt: "Man kann von Fußballspielern keine Verantwortung einfordern, die sie überfordert", sagte Ex-Präsident Francois Hollande am Tag des Halbfinales der Pariser Zeitung "Le Monde" und benannte dafür "die deutsche Polemik um die Spieler türkischer Herkunft" als abschreckendes Beispiel. Aber ob sich Macron daran halten wird? Nach einem Sieg im Endspiel sicher nicht.

"Es ist der schönste Tag meiner ganzen Existenz", sagt Frankreichs 19 Jahre junger Stürmerstar Kylian Mbappé in die Mikrofone. Und ganz Frankreich träumt mit. "Wir haben unsere Bescheidenheit nicht verloren", warnt wenig später Trainer Didier Deschamps. Doch vor dem Bataclan tanzen sie immer noch.


Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP