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Sport

FC Arsenal nach Wenger

Zeitenwende in Londons Norden

Nach mehr als zwei Jahrzehnten heißt Arsenals Trainer nicht mehr Arsène Wenger. Sein Nachfolger Unai Emery soll das Gefühl des Aufbruchs vermitteln - Ruhe im Umfeld wäre schon mal gut.

REUTERS

Unai Emery

Von , Manchester
Sonntag, 12.08.2018   13:20 Uhr

Das, was im besten Fall eine neue Ära werden soll, beginnt ziemlich anspruchsvoll.

In seinem ersten Pflichtspiel als Trainer des FC Arsenal bekommt es Unai Emery an diesem Sonntag (17 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) im heimischem Stadion mit Manchester City zu tun, dem Titelverteidiger, der auch in der neuen Saison der Premier League erster Anwärter auf die Meisterschaft ist. Danach geht es zum FC Chelsea, der zwar einen turbulenten Sommer hinter sich hat, aber immerhin als Sieger des FA-Cups geführt wird und in der abgelaufenen Spielzeit als Tabellenfünfter einen Platz besser war als Arsenal.

Nicht nur wegen des schweren Starts tritt Emery, dreimaliger Europa-League-Sieger mit Sevilla und zuletzt bei Paris St. Germain, das Erbe von Arsène Wenger nach mehr als zwei Jahrzehnten mit überschaubaren Erwartungen an. Die Lage bei der Zeitenwende im Norden Londons ist nicht zu vergleichen mit dem Abschied eines anderen Langzeit-Trainers in der jüngeren Vergangenheit. Als Sir Alex Ferguson vor fünf Jahren seinen Ausstand bei Manchester United gab, schenkte er dem Klub in seiner letzten Saison noch einmal den Titel. Sein Nachfolger David Moyes konnte fast nur verlieren und tat das krachend.

Wenger hat den Fußball in England revolutioniert und Arsenal drei Meisterschaften beschert, die letzte davon sogar ohne Niederlage. Das war allerdings im Jahr 2004. Danach ist seine Magie immer weiter geschwunden, bis zum Ende seiner Regentschaft kaum noch etwas davon übrig war. In der abgelaufenen Saison verpasste Arsenal zum zweiten Mal nacheinander die Qualifikation zur Champions League. Wenger hat den Verein in den letzten Jahren seines Wirkens zu einem Ort der Lethargie und des Missmuts werden lassen.

Emery soll erst mal wieder Ruhe und Frieden bringen

Vor diesem Hintergrund erwartet niemand von Emery, dass er Arsenal umgehend wieder zu einem Kandidaten auf die Meisterschaft macht. Erstmal soll er wieder Frieden in den Klub bringen, der in den vergangenen Jahren gespalten war in Wenger-Befürworter und Wenger-Gegner. Er soll das Gefühl des Aufbruchs vermitteln und den Klub im Idealfall in die Riege der besten vier Teams zurück führen. Das wird schwer genug. Zwölf Punkte betrug in der Vorsaison der Rückstand auf das Spitzen-Quartett.

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Nachfolger von Trainerlegenden: Schweres Erbe

Arsenals Transfers belegen, dass der Neuanfang unter Emery nicht per Brechstange erfolgen soll, sondern nach und nach und mit Augenmaß. Der Klub hat in diesem Sommer angeblich knapp 80 Millionen Euro ausgegeben und liegt damit im ligaweiten Vergleich im Mittelfeld. Mit dem Geld wurde der Kader auf Positionen verstärkt, auf denen dringend gehandelt werden musste. Wie gut die Zugänge funktionieren, ist allerdings noch nicht seriös einzuschätzen.

Im Tor dürfte der aus Leverkusen übernommene Bernd Leno den Veteran Petr Cech ablösen. In der Abwehr stehen der 34 Jahre alte Stephan Lichtsteiner (kam von Juventus) und der 30 Jahre alte Sokratis (kam aus Dortmund) zwar nicht für Innovation, dafür bringen sie Erfahrung und Wettkampfhärte mit. Eigenschaften, die Arsenal in den finalen Jahren unter Wenger gefehlt haben. Uruguays 22 Jahre alter WM-Fahrer Lucas Torreira (kam aus Genua) und der 19 Jahre alte Mattéo Guendouzi (kam aus Frankreichs zweiter Liga) sollen das Mittelfeld beleben und haben die Fantasie der Fans in der Vorbereitung angeregt.

Özil mit offenen Armen empfangen

Mesut Özil wurde nach seinem Rücktritt aus der deutschen Nationalmannschaft mit offenen Armen von seinem Verein im Empfang genommen und machte in den Testspielen einen guten Eindruck. Die Winter-Zugänge Henrich Mchitarjan und Pierre-Emerick Aubameyang konnten zum ersten Mal eine komplette Vorbereitung mit dem Verein absolvieren. Die Stimmung in der Mannschaft ist bestens, das jedenfalls berichtet Deutschland-Import Leno: "Es ist wie eine Familie. Ich bin ein bisschen überrascht, wie gut die Atmosphäre ist", wird er auf der Klub-Homepage zitiert. Das alles sind Gründe dafür, dass sich im Umfeld des Klubs eine gewisse Zuversicht ausgebreitet hat zum Start der ersten Saison nach Wenger.

Doch der Frieden ist getrübt. Denn unter der Woche wurde bekannt, dass Arsenals bisheriger Mehrheitseigner Stan Kroenke den Verein vollständig übernimmt. Ein Manöver, das Teile des Publikums in Alarmbereitschaft versetzt. Einige Fans beklagen, dass dadurch die letzten Verbindungen zur Basis gekappt werden würden. Außerdem fürchten sie, dass Kroenke nur danach trachtet, Geld aus dem Verein zu ziehen, anstatt zu investieren. Außerdem ist durch die neuen Besitzverhältnisse die Zukunft von Geschäftsführer Ivan Gazidis unklar, der nach Wengers Weggang so viel Macht hat wie noch nie und bei Emerys Verpflichtung der entscheidende Mann war.

Das, was im besten Fall eine neue Ära werden soll, beginnt also auch mit vielen Fragezeichen.

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