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Sport

Bayern-Matchwinner Ulreich gegen Ex-Klub

Drauf gepfiffen!

Sven Ulreich erlebt bei seiner Rückkehr nach Stuttgart einen schwierigen Tag - bis zur Nachspielzeit. Sein gehaltener Elfmeter sichert dem FC Bayern den nächsten Erfolg. Es folgte ein Sonderlob vom Trainer.

Getty Images

Stuttgarts Akolo scheitert an Keeper Ulreich

Aus Stuttgart berichtet
Samstag, 16.12.2017   19:57 Uhr

Sven Ulreich ist 29 Jahre alt. 17 Jahre davon stand er für diverse Mannschaften des VfB Stuttgart im Tor. "Ich habe gehalten und immer alles gegeben", sagt er. Insgesamt 176 Spiele absolvierte er für seinen Herzensverein in der Bundesliga. Doch am Ende dieser nicht immer leichten Zeit, machten ihm die Stuttgarter Verantwortlichen im Frühjahr 2015 klar: Sich mit einem Wechsel zu beschäftigen, das wäre keine falsche Idee.

Ulreich ging zum FC Bayern, als Ersatztorhüter - und musste nun erstmals in fast zwei Jahrzehnten den Weg in die Gästekabine der Stuttgarter Arena finden, wie er vor der Heimkehr andeutete. Das fiel ihm letztendlich nicht schwer. Schwieriger war das, was dem Ersatzmann des verletzten Manuel Neuer wenig später widerfuhr, als er den Weg auf den Rasen suchte. Die Stuttgarter Fans pfiffen. Heftig. Noch heftiger, als sein Name verlesen wurde, und am heftigsten, als er nach der Halbzeitpause im Tor vor der Stuttgarter Fankurve seine Position bezog. Natürlich wisse er, dass das dazu gehöre, sicherlich habe er keinen freundlichen Empfang erwartet, wenngleich erhofft. Aber das? "Das war schon traurig", sagte Ulreich nach dem Spiel.

Warum Ulreich diesen Abend dennoch in bester Erinnerung behalten wird, hat nicht nur mit dem 1:0-Sieg seiner Bayern zu tun, dem dritten knappen Sieg in Folge, der die Spitzenposition in der Bundesliga-Tabelle weiter absicherte. Vielmehr war Ulreich das gelungen, wovon Torhüter schon als Heranwachsende träumen: All diese Pfiffe abzuschütteln mit einer einzigen Parade.

Ulreichs großer Moment

Die Nachspielzeit lief schon in Stuttgart, der VfB warf alles nach vorne, schlug in den letzten Minuten allein fünf Eckbälle in den Münchener Strafraum, kam zu Chancen und machte die Schlussphase dieses Spiels, das Bayern-Trainer Jupp Heynckes ein "klasse Spiel beider Mannschaften" nannte, zum Krimi.

Die Stuttgarter Zuschauer pfiffen nicht mehr, sie schrien ihr Team nach vorne. Und als Schiedsrichter Patrick Ittrich in dieser mehr als dichten Atmosphäre nach einem Videobeweis Elfmeter für den VfB Stuttgart pfiff, schien diese Partie ihre letzte dramatische Wendung zu nehmen. Alles war angerichtet. Zwischen dem bereits jubelnden VfB-Anhang und dem VfB-Schützen Chadrac Akolo stand nur noch: Sven Ulreich. Tausende Gegner im Rücken, einer vor der Brust, Ulreich blieb ruhig - und hielt.

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Sven Ulreich beim Ex-Klub Stuttgart: Vom Arbeitslosen zum Matchwinner

Einen Film könne man besser nicht schreiben, sagte Ulreich wenige Minuten später vor dem Sky-Mikrofon. "Mehr 'ausgerechnet da' geht nicht." Zu diesem fesselnden Drehbuch gehört jedoch nicht nur der Schluss. Auch die Hinführung war natürlich wie erfunden - und gleichzeitig verdeutlichte sie einmal mehr, dass der FC Bayern in der Bundesliga derzeit eben "gar nicht so überlegen" agiert, wie es Mats Hummels ausdrückte.

Auch wenn sich Trainer Heynckes an diesem Abend gegen den Begriff "Arbeitssieg" wehrte und die taktischen Qualitäten des Gegners lobte. Die kreative Malaise des Serienmeisters wurde im Advent 2017 einmal mehr offenbar.

Es reicht eben auch gegen einen Aufsteiger nicht, den Ball dem formstarken Kingsley Coman zu überlassen. Es reicht auch nicht, sich auf Stürmer Robert Lewandowski zu verlassen, der in Stuttgart wieder deutlich weiter weg vom Tor agieren musste. Es gab Chancen für die Bayern, gleich in der ersten Minute eine sehr gute für Lewandowski. Doch schon in Minute sechs musste Ulreich spektakulär gegen Akolo retten.

Der VfB hatte im Laufe der Partie nicht weniger Gelegenheiten. Und: Es waren auf beiden Seiten nicht viele. Und wenn Coman in der 79. Minute den eingewechselten Raumdeuter Thomas Müller in einem dieser ungedeckten Räume im Strafraum der Stuttgarter nicht gefunden hätte, das Unentschieden, auf das diese Partie hinsteuerte, es wäre keine Überraschung mehr gewesen.

Heynckes über Ulreich: "Er ist Gold wert"

So rückte in diesem Finale mit heranstürmenden Stuttgartern und ungeschickt konternden Münchnern plötzlich der Ersatztorhüter in den Mittelpunkt, der vor der Saison in keiner Vorschau größere Beachtung gefunden hatte. Doch eine Verletzung des Nationaltorhüters Neuer und elf Bundesligaspiele später, schwingt sich Ulreich endgültig zum wichtigen Pfeiler dieses "Weltklubs" (Ulreich) auf.

"Er ist Gold wert", sagt Heynckes und schwärmt: "Er ist in meiner Zeit zu seinem sehr guten Torhüter geworden. Er ist der Garant für die Siege. Er hat keine gravierenden Fehler gemacht. Im Gegenteil."

Ja, natürlich habe er in München sehr viel gelernt, findet der Gelobte selbst, allein von Neuer könne er sich ja viel abschauen. Und klar, so Ulreich, "wird es schwierig, wenn ich wieder auf die Bank muss". Den Gedanken schiebt er jedoch weiter vor sich her. "Alles ist offen." Nach der Vorrunde will er in sich hineinfühlen. Es gebe in diesem Fall ja zwei Seiten. Er meinte sich und den Verein. "Der muss ja auch wollen."

An diesem Abend, als der Schwabe Ulreich in seiner Heimat den Pfiffen trotzte, schien sich diese Frage jedoch nicht zu stellen. Der FC Bayern dürfte wissen, was er an dieser Nummer zwei hat. Als Ulreich sein Tor verließ und in Richtung Gästekabine marschierte, ballte er ein paar Mal die Faust. Pfiffe hörte er nicht mehr.

VfB Stuttgart - Bayern München 0:1 (0:0)
Tor: 0:1 Thomas Müller (79.)
Stuttgart: Zieler - Pavard, Badstuber, Baumgartl - Beck (81. Brekalo), Gentner, Ascacibar, Aogo (81. Asano) - Berkay Özcan, Akolo - Terodde (47. Kaminski)
München: Ulreich - Kimmich, Jerome Boateng, Hummels (68. Süle), Rafinha - Martinez, Vidal - Tolisso (65. Thomas Müller), Rodriguez, Coman (84. Alaba) - Lewandowski
Schiedsrichter: Patrick Ittrich (Hamburg)
Zuschauer: 58.885 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Aogo (2), Beck (4) - Jerome Boateng (2), Rafinha (3)

insgesamt 14 Beiträge
navysailor 16.12.2017
1. So schlecht
Absoluter Tiefpunkt der VfB Fans. Einen von Ihnen so derbe runter zu machen. Spricht für die Gegend und den Verein - Arroganz weit weg von der Realität.
Absoluter Tiefpunkt der VfB Fans. Einen von Ihnen so derbe runter zu machen. Spricht für die Gegend und den Verein - Arroganz weit weg von der Realität.
pharcyde 16.12.2017
2. Beispiel Barcelona
Wirgendwie Barcelona es bereits vorgemacht hat (mit C. Bravo & M. Der Stegen): für internationale Spiele den einen Keeper, den anderen für die Liga. Und alle sind glücklich (solange beide hervorragend spielen). Ulreich [...]
Wirgendwie Barcelona es bereits vorgemacht hat (mit C. Bravo & M. Der Stegen): für internationale Spiele den einen Keeper, den anderen für die Liga. Und alle sind glücklich (solange beide hervorragend spielen). Ulreich wieder dauerhaft auf die Bank schicken, das geht jedenfalls nicht.
ray05 16.12.2017
3.
Damals im VfB-Tor, da war es jahrelang so, dass Ulreich Woche für Woche zwischen Weltklasse und Kreisklasse herumoszillierte. Unglaubliche Rettungstaten wie aus dem Nichts wechselten sich in schöner Regelmäßigkeit ab mit [...]
Damals im VfB-Tor, da war es jahrelang so, dass Ulreich Woche für Woche zwischen Weltklasse und Kreisklasse herumoszillierte. Unglaubliche Rettungstaten wie aus dem Nichts wechselten sich in schöner Regelmäßigkeit ab mit grotesken Fehlgriffen. Der Begriff "Abwehrslapstick" wurde erfunden damals bei einem Kick wie Stuttgart vs Frankfurt (vier-zu-fünf) und alle wünschten Ulreich zu jener Zeit ein persönliches Dauertrainingslager in Goa, wo er anhand herabfallender Kokosnüsse das sichere Fangen von Rundkörpern hätte lernen mögen. Es war bedrückend. :) War das vorhin derselbe Ulreich? Der Typ im Bayern-Tor, der den Elfmeter hielt; war das unser Fünfmeterraum-Sven? War das derselbe Mann, der früher schlotternd vor Angst jeden Ball, der in hohem Bogen auf ihn zugeflogen kam, grundsätzlich ignorierte, und der immer so wirkte, als sei er schmiedeeisern angekettet an sein Torgestänge? Ja, es war vorhin derselbe Ulreich. Ein Wunder muss scheints geschehen sein mit ihm in München. Vielleicht haben sie ihm dort aber einfach nur beigebracht, was es braucht, um ein guter Torhüter zu sein. Endlich. :)
hafnafjoerdur 16.12.2017
4. Seltsame Wahrnehmung
So sehr ich dem seit Wochen überragenden Sven Ulreich die Wertschätzung gönne, hatte er zwischen der 5. und der 95. Minute wenig bis nichts zu tun. Wie man von einem ausgeglichen Chancenverhältnis sprechen kann, ist mir [...]
So sehr ich dem seit Wochen überragenden Sven Ulreich die Wertschätzung gönne, hatte er zwischen der 5. und der 95. Minute wenig bis nichts zu tun. Wie man von einem ausgeglichen Chancenverhältnis sprechen kann, ist mir schleierhaft. Bayern hat wie üblich zahlreiche Chacen liegen lassen oder ist an einem ebenfalls überragenden Ron-Robert Zieler gescheitert. Der Sieg war hochverdient, auch wenn man merkt, dass Bayern langsam reif für die Winterpause ist. Ich hoffe nur gegen die neuen Mauerkönige aus Dortmund reicht die Kraft.
grätscher 17.12.2017
5.
Was erwartet der Fliegenfänger von einst? Dass er mit Jubel und Gloria empfangen wird, nachdem er hier jahrelang nur allenfalls mittelmäßige Leistungen gezeigt hat? 2 Dinge werden im Neckarstadion zum Glück nie verziehen und [...]
Was erwartet der Fliegenfänger von einst? Dass er mit Jubel und Gloria empfangen wird, nachdem er hier jahrelang nur allenfalls mittelmäßige Leistungen gezeigt hat? 2 Dinge werden im Neckarstadion zum Glück nie verziehen und zwar wenn ein ehemaliger VfBler zu den Badensern wechselt oder sich dem FC Arroganz anschließt

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