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Sport

Ulreich-Wechsel zum FC Bayern

Die attraktivste Bank Europas

Aus Bayern-Sicht ist der Transfer von Sven Ulreich absolut plausibel. Aber warum will der Torwart dort hinter Manuel Neuer die Nummer zwei sein? Ein Grund: Kränkungen beim VfB.

imago

Torhüter Ulreich: In München keine Chance auf die Nummer eins

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Dienstag, 16.06.2015   15:21 Uhr

Sven Ulreich war zehn Jahre alt, als er erstmals das Trikot mit dem Brustring trug. Wenn so einer 16 Jahre später den Verein verlässt, muss er keinem mehr erklären, dass der VfB Stuttgart für ihn mehr als ein Arbeitgeber war. Wenn so einer mit 26 Jahren und nach 176 Bundesligaspielen freiwillig vom Tor auf die Bank wechselt, stellen sich allerdings Fragen, die über das Statement hinausgehen, das der neue Arbeitgeber verbreitete. Der neue Bayern-Ersatzmann Ulreich freue sich "riesig auf die ganze Mannschaft und all das Neue, das auf mich zukommt", heißt es in der Meldung des FC Bayern.

Tatsächlich braucht es nicht mehr Worte aus München, denn aus Bayern-Sicht ist der Transfer völlig plausibel. Statt des 32-jährigen Pepe Reina bekommen sie einen deutlich jüngeren Keeper, der über Jahre Bundesligastammspieler war und sich nun offensichtlich genauso klaglos auf die Bank setzen wird ("werde immer da sein, wenn ich gebraucht werde") wie vor ihm Reina und Tom Starke.

Weniger offensichtlich ist, was Ulreich umtreibt, zu einem Verein zu wechseln, der mit Manuel Neuer den weltbesten Keeper in seinen Reihen hat, sodass für ihn selbst in den kommenden Jahren allenfalls Kurzeinsätze auf dem Programm stehen dürften. Zu vermuten ist: Ulreich hat die in seiner Lage bestmögliche Entscheidung getroffen. Denn beim VfB war sein Weg zu Ende. Und von Beschäftigungsmöglichkeiten in einem der anderen 17 Bundesligatore gibt es offenbar keine Spur. Was läge da näher als die wohl attraktivste Ersatzbank Europas?

Degradierung als Schmach

Intern gab es in den vergangenen Jahren immer wieder Zweifel an Ulreich: Armin Veh, der im Sommer vergangenen Jahres in großer und kleiner Runde betonte, dass er Ulreich nicht für einen Keeper hält, der ihm weiterhilft, setzte ihn zu Beginn der vergangenen Saison gar für sechs Spiele auf die Bank. Diese Degradierung konnte Ulreich nur als schwere Schmach empfinden, zumal ihm mit Thorsten Kirschbaum ein Keeper vor die Nase gesetzt wurde, der allenfalls gehobenes Zweitliga-Niveau hat und dementsprechend flott seinen Platz im VfB-Tor wieder räumen musste.

In der öffentlichen Wahrnehmung blieb die Degradierung Ulreichs allerdings als persönlicher Konflikt zwischen einem langgedienten Keeper und einem kauzigen Trainer haften, der zu emotionalen Entscheidungen neigt. Doch bei den VfB-Verantwortlichen war die Sichtweise Vehs offenbar gesellschaftsfähiger als die Ulreichs, der sich zwischen 2011 und 2013 immer wieder als Nationalkeeper ins Gespräch gebracht hatte.

"Die falschen Torhüter gehen lassen"

Man habe in den vergangenen Jahren "die falschen Torhüter gehen lassen", sagte jüngst ein Angestellter im kleinen Kreis. Und meinte damit das Stuttgarter Eigengewächs Bernd Leno, der sich schon 2011 anschickte, Ulreich aus dem VfB-Tor zu verdrängen. Der damalige Leverkusener Trainer sorgte daraufhin für Ruhe im Schwäbischen, indem er Leno zu Bayer holte.

Dass ebenjener Robin Dutt, der heutige Stuttgarter Macher, auch um Ulreich gebuhlt hätte, ist nicht überliefert. Die Abschiedsworte Dutts, zitiert aus der offiziellen Stuttgarter Pressemitteilung, loben dann auch eher dessen Vereinstreue als seine sportlichen Fähigkeiten: "Mit Sven verlieren wir eine Persönlichkeit, die eine hohe Identifikation mit dem VfB hat."

Auch 2014 - nach der panikartigen Flucht von Armin Veh - rettete Ulreich wohl nur deshalb seinen Status, weil die Verantwortlichen fanden, dass neben dem Tohuwabohu in allen Mannschaftsteilen die Baustelle im Tor erst mal zu vernachlässigen sei. Eine richtige Einschätzung, schließlich zeigte Ulreich in der abgelaufenen Saison solide bis gute Leistungen. Seine Schwächen in der Strafraumbeherrschung und in der Spieleröffnung machte er durch gute Reflexe und eine souveräne Körpersprache wett. Bei den Bayern passt er als solider Bundesliga-Keeper bestens ins Anforderungsprofil eines Angestellten, der zuverlässig zur Stelle ist, wenn Manuel Neuer ausfällt und der Boateng und Co. das Gefühl gibt, dass sie sich auf ihn verlassen können. Davon, dass sein Anspruch mal ein anderer war, dürfte bald niemand mehr reden.

Der VfB scheint derweil zwei Nachfolger ins Auge gefasst zu haben. Der Pole Przemyslaw Tyton, der derzeit beim FC Elche in Spanien spielt, wird ebenso mit dem VfB in Verbindung gebracht wie Roman Weidenfeller, dem nach der Verpflichtung von Roman Bürki bei Borussia Dortmund kaum noch Chancen auf einen Stammplatz eingeräumt werden.

insgesamt 55 Beiträge
RalfHenrichs 16.06.2015
1.
Der Wechsel ist auch Ulreichs Sicht verständlich, wenn ihm Geld mehr bedeutet als sportliche Einsatzzeiten. Und das kann man einem Profi nicht vorwerfen. Aber was will der FCB mit Ulreich? Natürlich wird er im Normalfall nur [...]
Der Wechsel ist auch Ulreichs Sicht verständlich, wenn ihm Geld mehr bedeutet als sportliche Einsatzzeiten. Und das kann man einem Profi nicht vorwerfen. Aber was will der FCB mit Ulreich? Natürlich wird er im Normalfall nur auf der Bank sitzen, aber Neuer kann sich auch mal für längere Zeit verletzen. Dann wäre jemand zwischenzeitlich die Nr. 1, der in der aktuellen Rangliste des deutschen Fussballs vom kicker nicht auftaucht (nur in der Rubrik "Wer warum fehlt?" Dort wird Ulreich als Durchschnitt bezeichnet). Kurz: wenn sich Neuer nicht verletzt, ist die Verpflichtung verständlich. Wenn aber doch kann sie sich noch als Fehler erweisen.
static2206 16.06.2015
2. Wahrscheinlich wird er bei Bayern häufiger eingesetzt
als beim VfB. Zwar nur am Ende, wenn die Bayern 10 Spieltage vor Ende wieder Meister wurden und Manuel Neuer eher für Pokal und CL geschont wird. Ich denke er hat seine Situation realistisch eingeschätzt und das Beste für sich [...]
als beim VfB. Zwar nur am Ende, wenn die Bayern 10 Spieltage vor Ende wieder Meister wurden und Manuel Neuer eher für Pokal und CL geschont wird. Ich denke er hat seine Situation realistisch eingeschätzt und das Beste für sich rausgeholt. Das ist halt die FCB Ersatzbank.
hapebo 16.06.2015
3. Adieu!
In München kann er bequem den Vorruhestand beginnen und kann sich die Warzen am Hintern entfernen lassen vom langen Sitzen auf der Ersatzbank.
In München kann er bequem den Vorruhestand beginnen und kann sich die Warzen am Hintern entfernen lassen vom langen Sitzen auf der Ersatzbank.
flupso 16.06.2015
4. ...warum macht FCB das
@RalfHenrichs: selbst bei einem "Durchschnittskeeper", wie Sie schreiben, stellt man sich als erstes die Frage nach seiner Motivation, sich freiwillig auf die Ersatzbank zu setzen. Ein Top-Torhüter würde normalerweise [...]
@RalfHenrichs: selbst bei einem "Durchschnittskeeper", wie Sie schreiben, stellt man sich als erstes die Frage nach seiner Motivation, sich freiwillig auf die Ersatzbank zu setzen. Ein Top-Torhüter würde normalerweise diesen Schritt nicht gehen (mal abgesehen von Ter Stegen, aber da kenne ich die Perspektiven nicht, die sie ihm dort außer CL aufgezeigt haben). Insofern kann das aus FCB-Sicht gar kein Fehler sein. Einen so guten Torhüter, der im Normalfall in der Bundesliga bei jedem durchschnittlichen Verein Stammtorhüter wäre, klaglos auf der Ersatzbank sitzen zu haben, klingt für mich sehr nachvollziehbar.
ddnomad 16.06.2015
5.
im notfall ist doch noch ein ex Dynamo Spieler da :) der hält den kasten schon sauber.
im notfall ist doch noch ein ex Dynamo Spieler da :) der hält den kasten schon sauber.
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