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Sport

Frankreichs WM-Abwehr

Diese Bastille stürmt niemand

Frankreich stehen mehr Top-Stürmer zur Verfügung als der Konkurrenz. Trotzdem will die Équipe vor allem eins: verteidigen. Ist das noch schöner Fußball? Und ob. Ein Plädoyer für die Kunst der Defensive.

AP

Die französische Nationalmannschaft

Aus Moskau berichtet
Freitag, 13.07.2018   13:24 Uhr

Kennen Sie diesen Spruch vom "Spiel für Taktikfreunde"? Das sagen Fußballreporter dann, wenn auf dem Rasen nichts passiert. Dahinter steckt die Denke: Verteidigen ist langweilig, niemand will Mannschaften sehen, die defensiv spielen. Frankreich zeigt bei dieser WM, dass wir womöglich umdenken sollten. J'avoue, ich gestehe: Wie die Franzosen verteidigen, bereitet mir großes Vergnügen. Das ist wunderbarer, ästhetischer Fußball.

Zugegeben, am Anfang herrschte Frust. Dass Frankreichs Nationaltrainer Didier Deschamps gleich mehrere Top-Stürmer nicht für die WM nominierte - geschenkt. Da waren noch genug andere Angreifer der Extraklasse im Kader der Équipe. Blieb nur die Frage, wie Deschamps möglichst viele von ihnen in der Startelf unterbringt, ohne die Defensive zu sehr zu vernachlässigen.

Deschamps aber dachte gar nicht ans Stürmen, im Gegenteil: Nach dem ersten WM-Spiel, einem 2:1 gegen Australien, verstärkte er allen Ernstes die Abwehr. Nur drei wirklich offensiv ausgerichtete Spieler setzte er noch ein, und das zieht er nun durch. Kein Ousmane Dembélé oder Nabil Fekir, sondern Blaise Matuidi. Als Zuschauer verfiel man in einen Zustand zwischen Wehmut und Wut.

Die Schönheit der Bewegungen

Frankreich im Halbfinale gegen Belgien im Stadion zu erleben, glich dann einem Erweckungserlebnis. Man muss die französische Verteidigung fortan so intonieren wie die spanische Eröffnung im Schach. Sie hat sich ihren Eigennamen verdient.

Die Schönheit bestand darin, wie sich die Spieler untereinander bewegten und sich abstimmten, um Belgiens Offensive, immerhin die bis dahin beste bei dieser WM, aufzuhalten. Als Rechtsverteidiger Benjamin Pavard einmal aufrückte und ausgespielt wurde, sprintete N'Golo Kanté aus dem Mittelfeldzentrum nach rechts hinten. Dessen vakante Position vor der Abwehr nahm dann Stürmer Antoine Griezmann ein. Für einige Momente wurde aus einem der filigransten Angreifer der Welt ein defensiver Mittelfeldspieler.

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Kanté verfolgt Belgiens Kevin De Bruyne

Frankreichs Formation wechselt bei dieser WM sozusagen ihren Aggregatzustand, erst ist sie fest, dann wird sie amorph. Entsteht irgendwo ein Leck, wird es gestopft. Pure Harmonie. Die Stürmer sind eigentlich Abwehrspieler, das hat etwas vom Aufgehen in einem größeren Ganzen. Einer für alle, alle für einen, der Satz stammt bekanntlich aus "Die drei Musketiere", geschrieben von Alexandre Dumas: einem Franzosen.

Vor allem ist das kein plumpes Verteidigen, kein Festival der Grätschen, da sind keine brutalen Fouls, kein Rennen bis zum Wadenkrampf. Die Franzosen verteidigen mit Köpfchen. (Lesen Sie hier, wie intelligent etwa Kanté seine Zweikämpfe bestreitet.)

Aber geht es im Fußball nicht zuallererst ums Toreschießen und erst dann ums Toreverhindern? Völlig richtig. Ein eroberter Ball nützt wenig, wenn er anschließend direkt wieder verloren geht.

Verteidigen mit Plan

Spiele sind oft nur schwer erträglich, wenn sich eine Mannschaft am Strafraum einigelt, in der vagen Hoffnung, die Null möge halten, und wer weiß, vielleicht geht ja vorne einer rein? Ein Team muss stets die Idee verfolgen, selbst zu treffen, andernfalls spielt es keinen Fußball, sondern verhindert ihn.

Frankreich aber hat einen Plan. Die Mannschaft zeigt nach Balleroberungen teils wunderschöne Kombinationen. Kurzpass, Kurzpass, ein Dribbling von Paul Pogba, ein Raum öffnender Lauf von Griezmann, und dann gelangt das Phänomen an den Ball: Kylian Mbappé.

Steht die gegnerische Abwehr gut, wirken die Franzosen zwar hilflos, aber wenn sie ihr Tempo ausspielen können, entfalten die Angriffe eine gewaltige Wucht. Und jeder Vorstoß wird wiederum mit einem Fangnetz aus Spielern abgesichert. Geht der Ball verloren, wird das Netz enger geschnürt und gegnerische Konter abgewürgt.

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Zugelassene Torschüsse von Frankreich

Wie erfolgreich die französische Verteidigung ist, zeigt eine Zahl: 26. So viele Abschlüsse hat die Mannschaft bislang im eigenen Strafraum zugelassen. Das sind 4,3 pro 90 Minuten. Wie wenig das ist, verdeutlicht der Wert des Endspielgegners Kroatien: Hier sind es 7,4. Die Kroaten lassen im Schnitt auch insgesamt rund drei Schüsse mehr pro Spiel zu. Zur Erinnerung: Es geht nicht um die Abwehr Panamas, sondern die eines WM-Finalteilnehmers. Die kroatische Defensive ist stark, doch die französische sucht bei diesem Turnier ihresgleichen.

Nach Lionel Messi, Luis Suárez, Romelu Lukaku und Eden Hazard versuchen sich am Sonntag (17 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ZDF) nun also Mario Mandzukic und Ante Rebic daran, sie zu überwinden. Das kann klappen. Wahrscheinlicher aber ist, dass Frankreichs Abwehr hält, mal wieder.

Gut möglich, dass wir uns dann in einigen Jahren an diese WM erinnern und sagen: Wisst ihr noch, Frankreichs Defensive, damals ins Russland? Chapeau! Diese Bastille konnte niemand stürmen.

insgesamt 83 Beiträge
tillydean 13.07.2018
1. Ernsthaft..?
Der Schreiber will uns jetzt aber nicht vermitteln das Frankreichs Spielweise attraktiv bzw. schön anzuschauen ist, oder..? Mbappe entwickelt sich langsam zu Neymar 2.....
Der Schreiber will uns jetzt aber nicht vermitteln das Frankreichs Spielweise attraktiv bzw. schön anzuschauen ist, oder..? Mbappe entwickelt sich langsam zu Neymar 2.....
Meineserachtens 13.07.2018
2. Endlich ...
mal ein kluger Artikel über Frankreichs Spielweise. Nicht immer schön, aber ungemein effektiv und kontrolliert. Allez Les bleus ...
mal ein kluger Artikel über Frankreichs Spielweise. Nicht immer schön, aber ungemein effektiv und kontrolliert. Allez Les bleus ...
ge1234 13.07.2018
3. Kurzpass hier,...
...Kurzpass dort... nennt man übrigens Tiki-Taka und von dem konnte man übrigens auch hier auf SPON lesen, dass es veraltet sei und schnelles Umschaltspielen mit "hirnlosen Nachvornestürmen" Kloppscher Prägung modern [...]
...Kurzpass dort... nennt man übrigens Tiki-Taka und von dem konnte man übrigens auch hier auf SPON lesen, dass es veraltet sei und schnelles Umschaltspielen mit "hirnlosen Nachvornestürmen" Kloppscher Prägung modern sei, auch wenn dieses außer Wadenkrämpfe keinerlei Wirkung oder gar Erfolg zeigt. Aber der gewöhnliche Fussball-Laie muß ja sehen, dass sich etwas bewegt, sonst ist das Spiel ja laaaaangweilig!
norgejenta 13.07.2018
4. mag alles sein..
Nur sind mir bei den Franzosen zu viel Unsympathen und ihr Spiel gefällt mir trotzdem nicht. Deshalb halt ich zu den Kroaten.
Nur sind mir bei den Franzosen zu viel Unsympathen und ihr Spiel gefällt mir trotzdem nicht. Deshalb halt ich zu den Kroaten.
hamburger.jung 13.07.2018
5.
Oh, wir sind der wahre Fan. Nur wir haben Ahnung, weil die ja so geschickt und schlau verteidigen, mal mit 6, 7 oder 8 Spielern und dieses geschickte Verschieben mit 12 Systemen in einer Halbzeit, wow. Wer sind dagegen schon die [...]
Oh, wir sind der wahre Fan. Nur wir haben Ahnung, weil die ja so geschickt und schlau verteidigen, mal mit 6, 7 oder 8 Spielern und dieses geschickte Verschieben mit 12 Systemen in einer Halbzeit, wow. Wer sind dagegen schon die oberflächlichen Typen, die ein spannendes Spiel mit Toren sehen wollen? Die sind nix. Die wahren Checker sind wir . Da fühlt man sich ja so erhaben.

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