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Sport

Schalkes schwacher Saisonstart

Gelassenheit im Krisenstrudel

Drei Spiele, null Punkte, Tabellenplatz 15: Der FC Schalke 04 vollendet bei der Niederlage in Mönchengladbach seinen Fehlstart. Der erhoffte Fortschritt zeigt sich nur im Krisenmanagement der Verantwortlichen.

FRIEDEMANN VOGEL/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Domenico Tedesco

Aus Gelsenkirchen berichtet
Sonntag, 16.09.2018   10:59 Uhr

Christian Heidel war erleichtert, als er als sich am Samstagabend nach dem nächsten Kapitel einer gefährlichen Niederlagenserie auf den Heimweg machte. Mit 1:2 bei Borussia Mönchengladbach hatten die Schalker auch das dritte Bundesligaspiel dieser Saison verloren, woraufhin der Sportvorstand sich zu allerlei düsteren Gedanken an die Zukunft äußern musste.

Doch die meisten seiner Sätze strotzten nur so vor Optimismus. "Wir hatten auswärts selten so viele Chancen", sagte Heidel und erklärte, er sei "ein positiver Typ", der in solchen Krisensituationen weniger über drohende Gefahren nachdenke als über Chancen, die "daraus entstehen" können. Vor allem aber huldigte er den Fans, die nicht pfiffen, die keine Trainerentlassung forderten und keine Spieler beschimpften. Die Schalker Kurve sang in der Vorschau auf den kommenden Bundesligagegner: "Zieht den Bayern die Lederhosen aus!"

Das fand Heidel "absolut überragend", zumindest jener Teil des Anhangs, der mit in Mönchengladbach war, gehe "sehr sensibel damit um", dass dieser Saisonbeginn mehr und mehr zum Desaster wird. "Die haben ein großes Verständnis dafür, dass nicht auf einmal alles falsch sein kann, was vorher richtig war." Auf das emotionale Zentrum des Klubs hat der Krisenvirus also noch nicht übergegriffen, und zur weiteren Stärkung des Immunsystems hoben die Schalker mit einer bewundernswerten Konsequenz die positiven Aspekte dieses Fußballabends hervor.

Drei Niederlagen zum Saisonbeginn "unschön"

Das Team sei "auf einem guten Weg" sagte Trainer Domenico Tedesco, der den Grund für die Niederlage vor allem darin sah, dass Gladbachs Torhüter Yann Sommer "einen überragenden Tag" hatte, während Heidel erklärte, dass drei Niederlagen schon mal vorkämen, zu Saisonbeginn aber besonders "unschön" seien.

Diese Argumentation ist nachvollziehbar, und eine sorgfältig dosierte Portion Selbstkritik mischten die Schalker ihren Erläuterungen auch bei, um glaubwürdig zu bleiben. Der Sieg der Gladbacher sei insgesamt schon "verdient" sagte Heidel, aber eben nur, weil bei der Borussia "die Effizienz da war", während der Champions-League-Teilnehmer aus dem Revier nach dem frühen Tor von Matthias Ginter eine ganze Reihe bester Möglichkeiten zum Ausgleich vergeudete. In Wahrheit waren die starken Gladbacher dem FC Schalke jedoch bis auf eine Viertelstunde vor der Halbzeit und 20 Minuten nach der Pause auf allen Ebenen überlegen.

Bei der Schalker Fokussierung auf die kleinen, erfreulichen Dinge handelt es sich um eine wohl durchdachte Strategie. Die alten Selbstzerfleischungsmechanismen, die den Klub in sportlich schwierigen Phasen traditionell erfassen, sollen mit aller Kraft vermieden werden. Bevor Heidel nach Gelsenkirchen kam, hätte sich in solch einem Moment der mächtige Aufsichtsratschef Clemens Tönnies via "Bild"-Zeitung zu Wort gemeldet, seine große Sorge kund getan, und in ein paar schlagzeilentauglichen Formulierungen den Trainer oder die Spieler diskreditiert.

Krisenmanagement hat sich verbessert - dank Heidel

Die hätten sich gewehrt, und prompt wäre das vertraute Bild vom Chaos-Klub bestätigt gewesen. Dass solche Dynamiken mittlerweile nicht so schnell in Gang geraten, ist ein großer Fortschritt, ein Verdienst Heidels. Was hingegen fehlt, ist der Fortschritt auf dem Platz.

Bei allem Bemühen, das Positive herauszustellen, waren die Schalker in vielen Phasen einfach das schlechtere Team. Es passierten etliche individuelle Fehler, die Angreifer waren viel zu harmlos, und es gibt ein Problem mit Sebastian Rudy, der ja als zentrale Figur vor der Abwehr verpflichtet wurde. Die spielerischen Fähigkeiten des Nationalspielers sind zwar zu sehen, aber die auf dieser Position erforderliche Robustheit fehlt dem ehemaligen Münchner. Immer wieder ließ er Gegenspielern Raum für Dribblings, Pässe und Abschlüsse, er investierte viel zu wenig Kraft und Energie in Zweikämpfe, verteidigte zaghaft und hatte am Ende trotzdem Krämpfe. In dieser Form ist Rudy keine Verstärkung.

Die Krise ist damit endgültig über den Klub hereingebrochen, zumal schwere Spiele gegen den FC Porto in der Champions League sowie den FC Bayern bevorstehen. Tedesco verfügt über keinerlei Vorkenntnisse zu solchen Situationen. Nur ein einziges Mal hat er in seiner Trainerkarriere drei Partien am Stück verloren, im geschützten Raum der Nachwuchsabteilung des VfB Stuttgart.

Und am Ende der Saison spielte sein Team damals trotzdem um die Meisterschaft mit. Dafür wirkte Tedesco am Ende des Abends erstaunlich klar und "aufgeräumt", wie Heidel feststellte bevor er versicherte: "Da ist kein ratloser Trainer. Das gibt uns ein gutes Gefühl."

insgesamt 9 Beiträge
hileute 16.09.2018
1. Mal gucken wie lang es ruhig bleibt
zumindest gg Bayern muss man wieder eine Niederlage in Betracht ziehen und gegen Porto wird's auch nicht leicht. Gut möglich das es nächste Woche schon ganz anders und unentspantwr aussieht
zumindest gg Bayern muss man wieder eine Niederlage in Betracht ziehen und gegen Porto wird's auch nicht leicht. Gut möglich das es nächste Woche schon ganz anders und unentspantwr aussieht
isnogood444 16.09.2018
2. Blaues Wunder
Hoffentlich erlebt Schalke kein "blaues Wunder".
Hoffentlich erlebt Schalke kein "blaues Wunder".
Leibdschor 16.09.2018
3. Überbewertet
Jetzt zeigt sich bereits, wie überbewertet Tedescu selbst und seine Truppe wirklich sind. Schon in der Rückrunde nur durch Mauerei aufgefallen und Glück gehabt, das die Gegner selbst alle geschwächelt hatten. Schon in Aue war [...]
Jetzt zeigt sich bereits, wie überbewertet Tedescu selbst und seine Truppe wirklich sind. Schon in der Rückrunde nur durch Mauerei aufgefallen und Glück gehabt, das die Gegner selbst alle geschwächelt hatten. Schon in Aue war Tedescu nicht für Ovensive und Spiel nach vorn bekannt. Aber heutzutage wird ja jeder Jungtrainer gleich gehiped. Für mich war er von Anfang an der erste Kandidat für einen Rausschmiss. Na mal abwarten...
forky 16.09.2018
4. Schwarze Hosen
Bei der Spielweise und den gelbstichigen Trikots wurde ich doch arg an den Nachbarn in der letzten Saison erinnert. Wenn die dazu noch schwarze Hosen nehmen, kann der Stöger im Winter übernehmen.
Bei der Spielweise und den gelbstichigen Trikots wurde ich doch arg an den Nachbarn in der letzten Saison erinnert. Wenn die dazu noch schwarze Hosen nehmen, kann der Stöger im Winter übernehmen.
zylinderkopf 16.09.2018
5. Ruhe?
Die beiden Spiele wird es noch ruhig sein - wenn zumindest die Leistung stimmt. Aber danach muss gegen Freiburg und Mainz auch das Ergebnis stimmen - sonst ist es vorbei mit der Ruhe. Es brodelt schon im Untergrund - und dann [...]
Zitat von hileutezumindest gg Bayern muss man wieder eine Niederlage in Betracht ziehen und gegen Porto wird's auch nicht leicht. Gut möglich das es nächste Woche schon ganz anders und unentspantwr aussieht
Die beiden Spiele wird es noch ruhig sein - wenn zumindest die Leistung stimmt. Aber danach muss gegen Freiburg und Mainz auch das Ergebnis stimmen - sonst ist es vorbei mit der Ruhe. Es brodelt schon im Untergrund - und dann wird Herr Heidel seinen persönlichen königsblauen Tsunami bekommen und das "gute alte" Schalke kennen lernen. Der Trainer hat noch Welpenschutz, aber speziell diese mittelmäßige typische Mainzer Einkaufspolitik fliegt dann dem Heidel um die Ohren.

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